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Donnerstag, 09. Februar 2012 | 04:04

 

Thomas Brussig: Wie es leuchtet

01.11.2004

 
Das Puzzle zur Wende

Der Roman fängt atmosphärisch die Stimmung des Wendejahres, diese Mischung aus “leuchtendem” Glücksgefühl, aufgekratzter Aufbruchstimmung und tief greifender Verunsicherung, gut ein.
Von der Lesung beim Göttinger Literaturherbst.

 

Nein, der Erfolg seiner Bestseller “Helden wie wir” und “Am kürzeren Ende der Sonnenallee” ist dem Autor nicht zu Kopfe gestiegen. Thomas Brussig, ein leger gekleideter, freundlicher und ein wenig hintersinnig lächelnder Mann, bemüht sich sichtlich um sein Publikum. Das muss er auch, denn es ist gar nicht so einfach zu erklären, worum es in seinem neuen Roman “Wie es leuchtet” eigentlich geht. Die deutsche “Wendezeit” zwischen Sommer 1989 und Sommer 1990 hat sich Brussig in seinem 600 Seiten starken opus magnum vorgenommen; herausgekommen ist ein buntes Kaleidoskop an Figuren und Episoden. Es treten unter anderem auf: ein arroganter Westjournalist namens Leo Lattke, der im Ostberliner Palasthotel residiert, Lena, die “Jeanne d’Arc von Karl-Marx-Stadt”, ein Hochstapler, der es auf DDR-Betriebe abgesehen hat sowie sieben unvollendete Transsexuelle.

Klamauk und Ernst

Wie in seinen vorangegangenen Romanen beherrscht Brussig auch in “Wie es leuchtet” die Kunst der Überzeichnung, des Klamauks und der Groteske. Die dümmliche, verklemmte Kathleen Bräunlich, eine Art “Zonen-Gabi”, lässt er von einer Peinlichkeit in die nächste tappen; großkotzige Wessis und gutgläubige Ossis bekommen beide ihr Fett weg. Und doch ist da auch ein neuer Ton: Brussig ist ernsthafter geworden, beobachtet ruhiger und lässt seinen Figuren Raum zur Entwicklung. Es gelingen ihm damit eindrucksvolle Passagen: In einer Episode beschreibt er, wie der von Bürgerrechtlern geleitete Untersuchungsausschuss selbst die Stasi-Methoden übernimmt, die er doch bekämpfen will. Und der Roman fängt atmosphärisch die Stimmung des Wendejahres, diese Mischung aus “leuchtendem” Glücksgefühl, aufgekratzter Aufbruchstimmung und tief greifender Verunsicherung, gut ein.

In der damaligen Zeit wäre das Leben vieler Menschen durch Zufälle regiert worden, sagt Brussig zu Beginn der Lesung. Da erscheint es nur konsequent, keine “große Erzählung” zu schreiben, sondern viele kleine - ernste, schräge und lustige - Geschichten zu erzählen: die Wende als literarisches Puzzle.

Frauke Klinge, Artikelagentur artur


Thomas Brussig: Wie es leuchtet,
Fischer-Verlag, Frankfurt/M. 2004,
607 Seiten, 19.90 Euro

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