Digitaler Rückblick: Januar 2012 von Michael Ebmeyer GEH MIR FORT - Grobzeug im Rindermix 2 - Teil XLI TATORT (ORF) - Kein Entkommen (05.02.2012) Zwei Jahre Digitale Spiele bei TITEL-Kulturmagazin Eine Deutschemichelnachtzipfelzubettgehtirade
Donnerstag, 09. Februar 2012 | 03:58

 

Federico Andahazi: Lord Byrons Schatten

16.02.2004

 



Der Samen des Ruhms




 

Das literarische Quartett des Jahres 1816 setzte sich aus Mary Godwin Wollstonecraft Shelley, Jane Clairmont, George Gordon Lord Byron und Percy Bysshe Shelley zusammen. Diese feine Gesellschaft, zu der noch Byrons Sekretär, Dr. John William Polidori, gehört, quartiert sich in der Villa Diodati am Genfer See ein. Trotzdem steht die Viererbande nicht im Mittelpunkt der Story. In der Person des Sekretärs, der insgeheim von literarischem Ruhm träumt, manifestiert sich der Kern des Romans, dessen Titel „Lord Byrons Schatten“ möglicherweise etwas anderes als eine verzwickte, abenteuerliche, geheimnisvolle und erotische Geschichte vermuten lässt. Ein Brief in einem schwarzen Umschlag, den der Sekretär findet, setzt die mysteriösen Geschehnisse in Gang.

Federico Andahazi mischt in sparsamer Dosierung reale Personen mit erfundenen Tatsachen zu einem Verwirrspiel um Liebe, Bücherschreiben und Intrigen. Bereits mit seinem ersten Roman „Im Land der Venus“ löste er in seiner Heimat Argentinien heftige Kontroversen wegen der offen beschriebenen Erotik aus. Auch „Lord Byrons Schatten“ bedient sich neben der altmodischen Erzähltechnik einer freizügigen Schilderung sexueller Eskapaden. Denn der Roman ist nicht nur ein Buch über Bücher, sondern auch ein deftiges Werk aus der allzu menschlichen Liebessehnsucht und –aneignung.

Der Brief. Darin erzählt das „Monster“ Annette Legrand von ihrem Leben als deformiertes Anhängsel der Zwillinge Babette und Colette: „Ich bin der Wirbelbogenspalte einer meiner Schwestern entwachsen, war ein Teratom in der Höhle des schwesterlichen Unterleibs, einer dieser Parasiten, die, wenn sie herausgeschnitten werden, das entsetzliche Aussehen eines halb fertigen Menschen haben: ein Büschel aus Haaren, Nägeln und Zähnen. In Eurem Beruf dürftet ihr gewiss mehr als ein solches Exemplar gesehen haben.“

Hanebüchene Verwicklungen und immer wieder schäbige Misstöne im Verhältnis zu Byron und Shelley reißen Polidori zwischen Realität und den Briefen Annettes hin und her. Urkomische Szenen voll praller Erotik und stummer Häme machen aus der einfachen Monsterstory eine literarische Kostbarkeit. Annettes Jagd nach dem männlichen Samen als Lebenselixier ihrer Existenz gipfelt sogar in Mord und Totschlag. Polidori und Annette besiegeln einen Pakt: Er versorgt sie mit seinem Samen, während sie die später Lord Byron zugeschriebene Erzählung „Der Vampir“ komplett für ihn niederschreibt. Sein Ruhm entsteht gewissermaßen aus dem eigenen Saft.

Tatsächlich gibt es in der Literaturgeschichte den Fall der gestohlenen Autoreneigenschaft. John Polidoris „The Vampyre“ erschien 1819 im „New Monthly Magazine“ unter dem Autorennamen Lord Byrons. Der deutsche Autor Reinhard Kaiser veröffentlichte 1991 einen Roman mit dem Titel „Der kalte Sommer des Doktor Polidori“, in der die Reise nach Genf eine zentrale Rolle spielt, allerdings ohne die mysteriöse Vampirgeschichte.

Andahazis Kunst besteht nun darin, einen Roman über Bücher und ihre außerliterarischen Begleiterscheinungen geschrieben zu haben, ohne dabei die Literatur als solche ins Zentrum zu stellen. Kleine Verstrickungen in Nebenschauplätze, wie die Erfindung einer Lektormaschine, lassen eine längst vergangene, ja, versunkene Welt der Literatur neu entstehen. Genauso stark wie Polidori glaubt, die perfekte Erzählung geschrieben zu haben, genauso penibel und doch leichthändig stülpt Andahazi uns eine perfekte Scheinwelt über. Der Schauder aber bleibt. Und das bedauernswerte Lebeunwesen Annette Legrand sorgt für nachhaltige Gänsehaut während der abendlichen Lektüre im Bett.


Textauszug:
„Er kehrte von jener diffusen Grenzlinie zurück, die den Halbschlaf vom Wachen trennt, und überschritt die Schwelle, an der das Verlangen greifbare Formen annimmt, die Realität jedoch nur eine flüchtige Ungewissheit ist.“

Klaus Hübner


Federico Andahazi: Lord Byrons Schatten. Rowohlt Verlag. 190 Seiten. DM 39,90

Die Faszination des Grauens

Kaum ein Werk der Weltliteratur hat, sieht man einmal von der Bibel ab, so viele Künstler unterschiedlicher Epochen und Stilrichtungen zur Umsetzung ins Bildmedium angeregt. Die ...

Schweizerinnen auf dem Vormarsch?!?

Wer fällt Ihnen ein, wenn Sie an starke Schweizer Frauen denken? Wenigstens irgendeine Frau? Frau? Fühlen Sie sich nicht zu schlecht, wenn Ihnen zu dem Land, in dem die Frauen erst 1971 ...

Harder.
Faster.
Louder!

Frank Schäfer, mit universitären Würden ausgestatteter Geisteswissenschaftler, Autor, Kritiker, Hobbymusiker und eingefleischter Metal-Fan hat eine Interviewsammlung zum Thema Heavy ...

Alles, nur kaum Eier

Verrückte Hühner kennen alle – kein Zweifel, dass es sie wirklich gibt. Heinz Janisch erzählt, wie ein Bauer an seinem jedoch fast verzweifelt. Sein verrücktes ...

Vertrauen, hoffen, lieben

Gewichtige Worte und Werte von ebensolchem Gewicht findet man in diesem Buch. Was man gleichfalls findet, ist sind die Pendants, Einsamkeit, Leid, und Wut. Es ist ein Buch der Extreme und ein Buch ...

Wenn ich König von Deutschland wär ...

Ralf König ist mehr als nur Milieuchronist. Er ist einer der größten deutschen Comic-Autoren. Der Prachtband Der dicke König würdigt ihn erstmals in angemessenem ...

Vom Schreiben und Geschriebenwerden

Die Comic-Reihe The Unwritten ist eine Reflexion über Magie und Literatur. über die Schwierigkeiten und Gefahren der Selbstreferenzialität. Dem Leser wird ein virtuoses ...