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Donnerstag, 09. Februar 2012 | 03:55

 

Jonathan Carroll: fieberglas

20.02.2004

 
Drei Fragezeichen und ein Rasseweib

Was hat Sie geritten, Mr. Carroll, preisgekrönter Autor? Geschenkt, dass schon das Klassentreffen jede Plattheit auswalzt - mit gutem Willen mag man das gerade noch als Ironie verstehen. In der folgenden Liebesgeschichte und im dazugehörigen Geisterspektakel allerdings brigittet es unvermindert weiter - und nicht nur in die flachgetretene Breite, sondern, aua!, in die Tiefen der Bedeutung.

 

Es beginnt schlimm. Und weil wir in den USA sind, ist es noch ein bisschen schlimmer: Ob Smog, Diätkost oder Kriminalität - bekanntlich sind die Übel einfach übler dort. Im besonderen gilt das für Klassentreffen. Begreift man in Europa den Reflex schon kaum, mit dem sich Ehemalige Frau und Auto nie gelittener Kameraden präsentieren lassen, um sich dann derart zu bepicheln, dass es im Auto einer nie begehrten Dritten endet; so sind solche Wiedersehen in der Neuen Welt gleich ganz und gar unfassbar. Denn zur schwer erträglichen Gesellschaft kommt dort der Puritanismus, der der Missgunst erst den Furor und den Polaroids den Hochglanz gibt: mein Haus, mein Auto, mein Schicksal. Warum also hingehen? Wer, so lautet unsere ewig unverständige Frage, wer bitte möchte Leute wieder treffen, die fürs Abschlussfoto extra beim Friseur waren?

Alle, natürlich. Kevin, der Football-Spieler, hat sich doch einst ebenso aufgebrezelt wie die nette Zoe. Und Zoes Freundin Miranda. Sie fährt hauptsächlich hin, weil sie - would you believe it? - ihre erste Liebe wiedertreffen will: den wilden James, der in der Schule ganz schön verrückt war. Sie war ja damals das genaue Gegenteil, fand aber bald heraus, dass man sich in einer Beziehung auch ergänzen kann und dass der eigentliche James ein "Schaf im Wolfspelz" ist.

Beziehungsweise war. Denn er ist tot, wie sie ausgerechnet von der Klassen-Pomeranze hören muss. Miranda ist schockiert; für den Leser gibt es erstmals Grund zur Hoffnung: Tod scheint eine gute Nachricht nach diesen fünfzig Anfangsseiten. Doch es zieht sich. Bis auch Miranda, die Ich-Erzählerin von fieberglas, dran glauben muss, sind noch sechs Siebtel wegzulesen; sechs Siebtel eines Buches, das voll von Sätzen ist wie: "Anfangs lächelte sie und lachte höflich über seine Witze. Als ihr sein Interesse klar wurde, verwandelte sie sich in ein sexy Rasseweib." Oder: "Äußerlich war ich ein Aktenkoffer im Straßenkostüm, aber mein Herz hielt ständig Ausschau nach Flügeln." Oder (Achtung!): "Auf sexuellem Gebiet war er wundervoll, weil er soviel Erfahrung hatte." Das ist nachgerade schön, Miranda!, möchte man ihr gratulieren, das sexuelle Gebiet ist nämlich nicht zu unterschätzen.

Was, um jetzt eine zweite Frage voller Unverständnis einzuwerfen, was hat Sie geritten, Mr. Carroll, preisgekrönter Autor? Geschenkt, dass schon das Klassentreffen jede Plattheit auswalzt - mit gutem Willen mag man das gerade noch als Ironie verstehen. In der folgenden Liebesgeschichte und im dazugehörigen Geisterspektakel allerdings brigittet es unvermindert weiter - und nicht nur in die flachgetretene Breite, sondern, aua!, in die Tiefen der Bedeutung.

Miranda verliebt sich in Hugh, der als Kunsthändler brilliert, Märchen für sein Darling erfindet und oft soo erfahrene Dinge sagt: "Man darf nie versuchen, dem Regen aus dem Weg zu gehen, indem man dicht an einer Hauswand entlanggeht. Immer treffen einen dann die dicken Tropfen, die vom Dach fallen." Miranda schmilzt, der Leser ärgert sich (obwohl Hugh umgehend stirbt): am Kiosk hätte das Gleiche ein Viertel gekostet.

Wir fragen uns, Punkt drei, ob etwa auch John Sinclair - Geisterjäger dort zu haben ist. Falls ja, sollte man nicht zögern: Ein solches Heftchen plus die Sondernummer der Amica sind allemal Ersatz genug für fieberglas. Dann reicht das Geld vielleicht sogar für Schnaps. Man muss ja nicht immer lesen.

Mathias Tretter


Jonathan Carroll: fieberglas. Roman. Aus dem Englischen von Rainer Schmidt. Eichborn, 375 S., 19,50 ¤. ISBN 3-8218-0822-5.

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