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Donnerstag, 17. Mai 2012 | 08:16

 

Bruce Chatwin: Auf dem schwarzen Berg

20.02.2004



Ein walisischer Heimatroman

Bruce Chatwins „Auf dem schwarzen Berg“ ist ein walisischer Heimatroman, dessen Geschichte durch das 20. Jahrhundert mäandert bis sie sich schließlich am Rand der achtziger Jahre verliert.


 

Die Originalausgabe ist 1982 bei Jonathan Cape in London erschienen. Fischer hat den Text 1990 als Taschenbuch gemacht, bei Claasen ist zwei Jahre später eine gebundenen Ausgabe erschienen. Noch einmal zehn Jahre weiter hat Hansa jetzt eine neue gebundene Ausgabe rausgebracht und konnte bei der Titelillustration schon auf ein Bild aus der gleichnamigen Verfilmung zurück greifen. Was ich sagen will: Das Buch ist nicht gerade eine Neuheit und irgendwie passt das auch zu der Geschichte, die erzählt wird. Vielleicht kann ich erklären, wie ich das meine.

Es ist die Geschichte der Zwillinge Lewis und Benjamin Jones. Ihr Vater hat die Farm - genannt “The Vision“ – am Fuß des Schwarzen Bergs gepachtet. Dort werden sie in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts geboren. Und dort bleiben sie über achtzig Jahre und 328 Seiten lang. Sie treiben Landwirtschaft in einer eher menschenleeren Gegend, umgeben von sehr viel Natur. Felder, Berge, Täler, Tiere, Wetter. „Der Morgen des 25. November war klar, und der Boden war gefroren. Auf den Tränken lag eine zwei Zentimeter dicke Eisschicht. Auf der anderen Seite des Tals warteten zwanzig Ochsen darauf, gefüttert zu werden.“

Die Geschichte entfaltet sich vor der Folie historischer Eckpunkte, Erster und Zweiter Weltkrieg, der Niedergang des Landadels und so weiter, behält aber durch die gewählte Perspektive dieses etwas abseitigen walisischen Landstrichs ihren eigenen Geschmack. Die Handlung wird von dieser Historie eher berührt als getrieben. Wichtiger sind die lokalen Fehden, Nachbarn, Eheleute, Geschwister, Geburt und Tod. Mitten darin die Zwillinge, meist eher mitbetroffene als handelnde Helden. So geht das Buch in die Breite. Wo die Handlung droht, ins Stocken zu geraten, tritt jemand Neues ins Bild, ein neuer Streit, ein weiteres Unglück, jemand kommt zu Besuch.

Man folgt den Einfällen des Autors, manchmal überrascht von schnellen Wendungen, plötzlich stark gerafften Passagen (der Zweite Weltkrieg dauert ein paar Seiten und ist aus), aber man folgt ihm. Die Tempowechsel sind eher dem mäandernden Fluss der Handlung geschuldet als einer komponierten Dramaturgie. Das Leben der Zwillinge, das Leben hier draußen, es ist eben wie es ist, ohne übergeordneten, hineingelegte Sinn. Und warum auch nicht? Ein historisch, episches Gemälde, manchmal schwelgend in Details, dann wieder grob gepinselt - man kann nicht alles im Auge behalten, wenn das Format so ausufernd breit wird.

Einmal, am Schluss, die Zwillinge sind achtzig, erheben sie sich buchstäblich aus diesem flächigen Treiben. An ihrem Geburtstag überfliegen sie mit Fluglehrer Alex die Gegend, die sie ihr Leben lang nicht verlassen haben. „Vor ihnen lag der Schwarze Berg, und Wolken zogen dicht über den Gipfel. Alex ließ das Flugzeug weitere tausend Fuß steigen und sagte ihnen, sie müssten mit ein paar Luftlöchern rechnen.“ Für zehn Minuten, übernimmt Lewis das Steuer – „Und plötzlich überkam ihn das Gefühl ..., dass alle Enttäuschungen seines beengten, anspruchslosen Lebens jetzt keine Bedeutung mehr hatten, denn zehn wunderbare Minuten hatte er getan, was er tun wollte.“

Nach ein paar publizistischen Luftlöchern ist Chatwins Buch nun wieder da. Es ist keine Sensation, es reißt einen nicht vom Hocker, aber es lebt noch und wird sicher weiter seinen unaufgeregten aber stetigen Weg zu weiteren Lesern fortsetzen und sie angenehm - plätschernd und sich windend -begleiten.


Lars Hüning

 


Bruce Chatwin: Auf dem schwarzen Berg. Hanser, 320 S., 21,50¤. ISBN: 3446201289

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