Wilhelm Hauff: Der kleine Muck
Der Orient! Mit den schäumenden Heckwellen seiner Imaginationskraft träumt sich der Novembereuropäer gen Süden, an den Strand von Antalya, in den Schatten einer Dattelpalme, in die Arme einer Bauchtänzerin, an den Nuckel einer Shisha. - Alles wäre gut, wenn nun noch der neuste Hit von DJ Ötzi erklänge ... Doch dann hört er ihn und seinen Blechgesang, den Muezzin!
Und was geschieht nun in der Phantasie unseres orientschwelgenden Nordrheinwestphalen? Aus träge umherschweifenden Karawanen werden plötzlich wild umherirrende Kazanraketen? Aus fliegenden Teppichen, in die Luft fliegende Boeings, aus allen Sindbaden Bin Ladens! Misstrauisch und weltängstlich geworden betastet er nun sogar die üppigen Brüste seiner schwarzäugigen türkischen Geliebten: Sind das tatsächlich nur Silikonimplantate? War das noch ein Glucksen oder schon ein Ticken?
Dahin!
Ja, die so prächtig ausgestattete Morgenlandstimmung von einst ist irgendwie dahin, auf dem Basar unserer Phantasie herrscht Ausverkauf. Dabei gab es mal bessere Zeiten: Der Orient-Express fuhr auch von Berlin direkt nach Konstantinopel, Deutsches und Osmanisches Reich kämpften gemeinsam im 1. Weltkrieg, Pickelhaube und Fez gegen den behelmten Rest der Welt, man projektierte gemeinsam eine Jahrhundertleistung der Ingenieurskunst: die Bagdadbahn. Es entstanden Orient-Institute, die Deutsche Morgenländische Gesellschaft. Auch die Zahl der Türken in Deutschland ist damals rasant gestiegen: 1878 waren es nur ganze 41, 1917 schon 2046.
Die junge Republik von 49 jedoch vergaß ihr Erbe, ihre direkte Orientanbindung ganz allmählich, ihren warmen Draht zur Türkei. Etwa weil alles Märchenhafte damals aus der Welt gebombt war? Aber dann erinnerte sich ein Mann und drehte einen Film, Wolfgang Staudte, ein DEFA-Regisseur. Er kramte das Märchen eines Schwaben hervor: Die Geschichte vom kleinen Muck, die in Nicäa spielt, der heutigen Türkei.
Traumverloren
Staudte drehte ein halbes Jahr: von Februar bis August 1953. Traumverloren in der orientalischen Pracht, die er da heraufbeschwor, drehte er weiter, als schon das ostdeutsche Volk auf die Straße gegangen war, um gegen den Mangel im Land, die Aufbürdung einer Arbeitszeitverlängerung und die Bevormundung zu rebellieren. Und Staudte sollte dort in seinem Studio, seiner seligen Insel inmitten einer brisanten politischen Realität, den erfolgreichsten Film drehen, den die DDR je hervorgebracht hat.
Im Westen der Republik hat sich das Orientbild schnell geändert - dank des Anwerbeabkommens von 1961. Da kam der Orient nämlich plötzlich zu uns – und das in Form von Millionen Gastarbeitern und in Form einer ungeschminkten Wahrheit: Das waren nämlich keine Kalifen aus Bagdad, sondern Achmeds aus Anatolien, und sie kamen nicht auf schwerbeladenen Kamelen, sondern in vollgestopften Sonderzügen, und sie brachten auch nicht Gold und Juwelen mit, sondern Döner und Kebap. Ich glaube, manch Westdeutscher ist bis heute damit beschäftigt, die enttäuschten Erwartungen von einst zu verdauen...
Schola Anatolica
Doch kommen wir zurück zu unserer Geschichte und seinem Verfasser: dem 1802 geborenen Wilhelm Hauff aus Stuttgart. Der besuchte von 1809 bis 1816 in Tübingen die – Sie werden der Vorsehung nicht so viel zugetraut haben! –
Schola Anatolica. Sein kurzes literarisches Schaffen begann 1825 mit der Veröffentlichung seines ersten Märchenalmanachs. Es lief gut für ihn. 1827 wurde er Redakteur des Cottaschen „Morgenblattes für gebildete Stände“, er heiratete, wurde Vater. Doch nur eine Woche später, am 18. November, verstarb das hoffnungsvolle Talent infolge eines Nervenfiebers.
Doch auch wenn ihm nur ein kurzes Leben beschieden war, so machten ihn seine Märchen unsterblich, besonders durch ihr hohes Maß an Einfühlung in die orientalische Lebensweise, eine Einfühlung, die uns heute zumeist abgeht, überdeckt von starren Vorurteilen und tiefnistenden Ängsten gegenüber einer Kultur, der wir grundsätzlich misstrauen.
Schlagen wir mit dem Kleinen Muck alss ein altes Kapitel der Geschichte wieder neu auf! Dieses Märchen gibt es in ganz unterschiedlichen Produktionen. Ein sehr angenehmer und in seinem Ausdruck eher zurückhaltender Sprecher ist Thomas Vogt. Wer es etwas expressiver mag, sollte zu Sven Görtz greifen. Eine so wunderbare wie angestaubte Lesung gibt es zudem von Mathias Wiemann. Einzig Jens Thelen fällt mit seiner Leistung hier stärker ab und kann hier nicht empfohlen werden.
Hören Sie wohl, Ihr HWP
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