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„Arbeitslager waren nicht zum Überleben gedacht. Um zu überleben, brauchte man eine gewisse Findigkeit, Freunde, hier und da einen Akt der Güte und vor allem – Glück“, meint Anatol Chari. Er muss es wissen, schließlich hat er es geschafft. Von CHRISTIAN NEUBERT
Am 1. September 1939 ist die Deutsche Wehrmacht in Polen eingefallen, und nur wenige Tage später wurde Lodz, damals die zweitgrößte Stadt Polens, besetzt. Wer in irgendeiner Weise einflussreich war, wurde umgehend von den Nationalsozialisten verhaftet. Unter diesen Gefangenen war auch der Vater des damals 16-jährigen Anatol Chari, ein reicher Geschäftsmann und angesehenes Mitglied der jüdischen Gemeinde. Sein Staus wurde ihm zum Verhängnis – nach seiner Verhaftung sollte seine Familie ihn nie wieder zu Gesicht bekommen.
Der Sohn seines Vaters
Für den noch jugendlichen Anatol Chari war die schlichte Tatsache, der Sohn seines Vaters zu sein, so etwas wie eine Überlebensversicherung. Nach dem Umsiedlungsbefehl vom Februar 1940, als Chari und alle anderen Juden von Lodz in das für sie vorgesehene Ghetto abgeschoben wurden, sollte ihm sein Name zu einer besseren Verpflegung und Versorgung verhelfen – und wenn es nur eine Kelle von der Suppe ganz unten im Kessel war. Außerdem war es ihm aufgrund der Prominenz seines Vaters möglich, einen der wenigen, begehrten Posten als Mitglied der jüdischen Sonderpolizei zu bekommen, die für Ordnung und reibungslose Abläufe im Ghetto sorgen sollte.
Dieser Job brachte ihm meist die Möglichkeit, zusätzliche Nahrung für sich und seine Großeltern, die mit ihm ein Zimmer teilten, zu organisieren, machte ihn gleichzeitig aber auch zu einem Handlanger der Nazis – was angesichts des drohenden Hungertods jedoch von keinerlei Bedeutung und letztendlich eine mehr als verlockende Alternative zum elenden Verrecken war.
In einer solchen aussichtslosen Situation, in der neben dem allgegenwärtigen Hunger und Siechtum nur Korruption und Vetternwirtschaft blühen, ist es nur schwer möglich, jemandem mit Moral beizukommen. Ohne jeglichen Begünstigungen oder einflussreiche Gönner konnte man in Ghetto kaum überleben, weiß Chari: „Es regt mich immer mächtig auf, wenn Überlebende behaupten, sie hätten es ohne jegliche Privilegien geschafft zu überleben, ohne Beziehungen auszunutzen, ohne irgendetwas zu tun, das andere im Nachhinein für fragwürdig halten könnten.“
Vom Grauen ins Verderben
Als das Ghetto 1944 liquidiert wurde, erfolgte Charis Deportation nach Auschwitz. Bis hierhin reichte der Einfluss seines Vaters zwar nicht mehr, allerdings haben ihn die Sonderrationen, die er organisieren konnte, in einer körperlichen Verfassung erhalten können, die ihn tauglich für Zwangsarbeit machte. So wurde er vom KZ Auschwitz zunächst ins KZ Kaltwasser verfrachtet – als Häftling Nr. 17596. Später sollte er noch den Frondienst u.a. in den KZs Groß-Rosen und Bergen-Belsen überleben – er hatte einen Freund, mit dem es ihm gelang, immer wieder essen zu organisieren, außerdem war er aufgrund einer früheren Erkrankung gegen Typhus immun – bis ihn schließlich die Befreiung durch die Britische Armee gerettet hat.
Unter Zuhilfenahme seines Freundes, dem Geschichtswissenschaftler Timothy Braatz, schildert Chari in Undermensch seine persönliche Geschichte des Holocaust – detailliert, emotionsgeladen, ständig über sein Handeln reflektierend, mit schonungsloser Offenheit und einer gehörigen Portion Galgenhumor sowie bitterer Ironie. Hierbei hält er seinem Leser den Schrecken vor Augen, der in den kleinen Dingen gelauert hat und denen man angesichts der großen Gräueltaten des Dritten Reiches im allgemeinen eher keinen Gedanken schenkt. Zum Beispiel wie es vonstatten ging, 700 Menschen auf dem viel zu kleinen Boden einer KZ-Baracke zum Schlafen zu „betten“ - ein erschütterndes Beispiel für den sprichwörtlichen deutschen Organisationswahn. Oder wie die Häftlinge es vermeiden konnten, dass im Winter ihre Hände an den zu schleppenden Eisenträgern für Gleisarbeiten nicht festfroren.
Chari erzählt gleichermaßen ungeschönt von niederträchtigen jüdischen Vorarbeitern wie von warmherzigen deutschen Aufsehern, von Situationen, wo ihm Hilfe zuteil wurde und von Momenten, wo er anderen seine Hilfe versagt hat. Und von seinem Leben als „displaced person“ in den ersten Jahren nach dem Krieg. Er freut sich über jeden, der es ob der Umstände geschafft hat, am Leben zu bleiben und seine Menschlichkeit zu bewahren. Er unterlässt Verteuflung und Generalverurteilungen und verlangt auch keinen Absolutheitsanspruch an die Vollständigkeit seiner Erinnerungen. Er möchte einfach nur seine Geschichte erzählen. Und wie er das macht, ist beeindruckend.
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