Im Umgang mit Büchern
15.06.2003
Von Wolfram Schütte, 28.01.2001
Kürzlich las ich im Wochenend-Feuilleton der "Neuen Zürcher Zeitung" einen sehr schönen Essay, der unter dem Titel "Begegnungen am Bücherrand" den "Kosmos der Lesespuren" durchstreifte. Gemeint war damit, was Leser willent- oder unwillentlich meist am Rand des Satzspiegels der von ihnen gelesenen Bücher als Zeichen ihrer Anwesenheit hinterlassen hatten. Also vom Fett- oder Rotweinfleck (oder war´s Blut?) über Eselsohren bis zu An-, Unter- oder sogar Ausstreichungen, Ausrufen oder Fragezeichen, mit Bleistift oder Tinte, lesbare oder unlesbare Bemerkungen, Anmerkungen, Verweise. Es ist erstaunlich, welche Vielfalt von persönlichen Anwesenheitszeugnissen wir in Büchern deponieren, falls wir nicht zu jener seltenen Spezies gehören, die selbst so aseptisch und puritanisch ist, dass sie in der "Kostbarkeit" des eigenen Buches noch nicht einmal als dessen vorübergehende Besucher sich selbst bemerkbar sein will. Der eben verstorbene H.C. Artmann wird in der NZZ für derlei "sakralen Umgang" mit der Bemerkung zitiert: "ein buch ist sowas wie eine kirche und der pfarrer würde schön schimpfen, wenn einer in seiner kirche fettflecke macht". Da spricht wohl einer, der ein ausgeliehenes Buch ziemlich lädiert und verschmutzt zurückbekam.
Aber wer verleiht schon noch Bücher, hofft auch noch darauf, sie zurück zu bekommen - und gar auch noch ohne Spuren ihrer Fremdlektüre?Natürlich, denke ich, sollte man mit seinen Büchern im allgemeinen pfleglich umgehen - nicht nur mit "kostbaren" Erstausgaben oder antiquarischen Seltenheiten, die ja meist schon Spuren ihrer Geschichte tragen. Aber das heißt nun nicht, dass man sich als Leser jeden persönlichen, und das wäre hier ja ein taktiler Kontakt mit dem Lesestoff verbieten sollte oder müsste. Im Gegenteil. Lesen ist Kommunizieren - und ein Leser, der nur stumm zuhört, was ihm Buch und Autor zu sagen und zu erzählen haben, ist eine trübe Tasse, lammfromm und zumeist geistig unbeweglich. Mag ja schon sein, dass manche Bücher "verschlungen" werden - Abenteuer-, Liebes- oder Kriminalromane - wie einer sein Eisbein mit Erbspürre verzehrt und seine Bierchen pichelt: um satt zu werden. Aber die Bücher, von denen zu reden unter uns lohnt, "bieten" mehr als eine Sättigungsbeilage zur Vertreibung von Langeweile. Sie verlangen auch mehr, z.B. dass wir uns nicht nur berühren lassen, sondern auch sie berühren: zustimmend, fragend, widersprechend. Wenn wir mit ihnen leben, hinterlassen sie nicht nur Spuren in uns - sondern wir auch in ihnen.
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