Saddams Bombe oder Fact & Fiction
15.06.2003
Von Wolfram Schütte, 04.03.2001
Von Godard stammt die kategorische Behauptung, im Film sei Fiktion dokumentarisch und das Dokumentarische sei zugleich Fiktion. Neil Amstrongs Gang über die Mondoberfläche hat nachträglich Stanley Kubricks Mondbesichtigung im gerade wieder aufgeführten SF-Film "2001- A Space Odyssee" bestätigt. Es war realiter so wie Kubrick, Clark & Trumball, der für die kinematographischen Effekte und Realitäts-Fakes zuständig war, es "vorausgesehen" hatten. Das Wirkliche blieb sogar ein wenig hinter dem Imaginierten zurück. Es war "ästhetisch" unter Kubrickschem Niveau: das war der Preis des Realen. "Dokumentarisch" an "2001" ist freilich etwas anderes: das Space-Shuttle von PAN AM, mit dem bei Kubrick durch den Weltraum gereist wird. Es ist ein Dokument der Zeit, in der der Film entstand. Eben das Vertrauen, das der in Großbritannien lebende Amerikaner in die kleine Ewigkeit des US-Flugunternehmens PAN AM bis zum Jahr 2001 gesetzt hatte - gerade einmal 33 Jahre -, wurde von den realen Bewegungen der Flugfahrt-Ökonomie desavouiert. Denn PAN AM hat das Jahr 2001 nicht erlebt. Kubricks Film aus dem Jahre 1968 wird dadurch zeitlich lokalisiert - wider das erstaunliche Faszinosum seines noch heute weitgehend exakten "Träumens ins Voraus" (Ernst Bloch), das übrigens trotz Raumsonden, die unterwegs zu Mars und Jupiter sind, noch nicht von der "reality" eingeholt worden ist.
Der amerikanische Schriftsteller Norman Mailer war es - ich glaube, als er sein Buch über Marilyn Monroe schrieb - der von Faction sprach, um seine hybride literarische Form zu rechtfertigen, in der er facts & fiction über Leben & Tod der Norma Jean amalgamierte. Damit hatte einen Namen, was aus der Garküche der Gerüchte als angebliche Wahrheit auf den Tisch der Mediengesellschaft seither in vielerlei Form kam: literarisch zu- wie elektronisch angerichtet im Fernsehen. Godards provozierende These, die dem Dokumentarischen auf die Finger klopfte, indem es seinen Wahrheitsanspruch relativierte, wurde in der Faction zum Freibrief, mit dem faktischen Grundfutter sich auch noch die verstiegenste Hypothese als evidente Wahrheit über die Realität absegnen zu lassen. Tür & Tor sind seither weit offen für Verschwörungstheorien: sowohl für fiktive Spinnereien als auch für der Evidenz sich nähernde Mutmaßungen. Dabei ist das nur durch spekulative Indizienbeweise zu Erschließende ein ebenso von Desinformationen, whishful profecies und banalen Irrtümern, die systematisiert wurden, weithin vermintes wie auch "weites Feld"; und die immer präsente Pilatus-Frage "Was ist Wahrheit?" kann hier nur in Form der Heisenbergschen Unschärferelation als mögliche Annäherung halbwegs beantwortet werden. Vor allem durch die Form der Darstellung und indem deren eingreifende Prägekraft auf die These dem Rechercheur bewusst, besser gesagt: von dem Darstellenden dem Rezipienten als Korrektiv vor Augen gestellt wird.
Das erklärt mir mein Unbehagen über einen "brisanten Report, der Fragen offen lässt" (FAZ). Er ist am 1. März in der ARD unter dem Titel "Saddams Bombe" gesendet worden, stammt von dem britischen Reporter Gwynne Roberts und behauptet, Saddam Hussein habe nicht nur beabsichtigt, Atom-Bomben zu produzieren, sondern sogar schon eine unterirdisch testen lassen. Dem Regime sei es gelungen, trotz zeitweiliger UN-Recherchen und Zerstörungen von Produktionstätten, das Programm insgeheim weiter zu betreiben, so dass man davon ausgehen müsse, dass der Irak heute im Besitz von Atomwaffen sei. Diese Annahme basiere, behauptet Roberts, auf dem detaillierten Bericht eines irakischen Atomwissenschaftlers (Deckname."Leone"), der sie dem britischen Reporter im nordirakischen, kurdisch kontrollierten und durch amerikanisch-britische Luftüberwachung geschützten Gebiet, anvertraut habe.
Für den FAZ-Kritiker bestehen die "offenen Fragen" in der Stichhaltigkeit der in dem "spannenden Bericht" behaupteten Thesen. Ihm "fiel auf", dass in dem Bericht "kaum amerikanische Quellen oder Sprecher zitiert wurden", obwohl die Amerikaner "es doch wohl am besten wissen" müssten und "Leone" mit dem CIA "offenkundig" zusammengearbeitet habe. Unerwähnt lässt der FAZ-Mann, dass die jetzigen Luftangriffe der Bush-Administration und der Briten eben damit begründet wurden. Der ARD-Bericht des Briten Roberts wäre dadurch doch gerade eine nachgeschobene Rechtfertigung der angloamerikanischen Bombardierungen. Vielleicht hat der FAZ-Kritiker - sagt die Paranoia zu mir - gerade deshalb diesen argumentativen Schulterschluss vermieden; und "die Amerikaner, die´s wohl am besten wissen müssten", sind deshalb "nicht zitiert" worden, weil sie sonst als "geheime Drahtzieher", also Manipulatoren des britischen Sensationsberichts kenntlich geworden wären?
Meine "offenen Fragen" sind jedoch ganz andere - und es sind die eines Cineasten, wobei ich noch nicht einmal die Mutmaßung des Features für unwahrscheinlich halte. Im Gegenteil: ich neige dazu anzunehmen, dass Saddam Hussein im Besitz von Atom- & anderen Massenvernichtungswaffen sein möchte und dass es ihm gelungen sein könnte, die UN-Inspektoren zu täuschen. Mein "Problem" ist Gwynne Roberts "spannender Bericht". Das ist er in der Tat: spannend wie eine Story von John Le Carré, in der ein Überläufer aus der Bagdader Hölle direkt in die Arme des britischen Reporters kam. Genau so stellt er es nämlich filmisch dar. Eines Tages besucht ihn ein Unbekannter im Hotel. Ein nicht ganz ungefährliches Abenteuer, weil schon öfter politische Killer einen solchen Weg zu ihrem Opfer eingeschlagen hätten, erklärt uns der mutige Roberts. Diesmal hat er aber Glück: der Unbekannte will ausgerechnet ihm detaillierte Zeichnungen und Pläne von irakischen Atombombentypen unterbreiten, damit die Welt die verborgene Wahrheit erfährt. Man sieht eine dunkle Gestalt sich dem Hotel nähern, dann wird der Überläufer von hinten im Hotelzimmer gezeigt, sein Gesicht später ist unkenntlich gemacht, seine Stimme aber nicht verzerrt. Es ist die Form der Erzählung, die mit allen Mitteln der Fiction arbeitet, die mich irritiert: die Kamera ist immer am Ort des Geschehens, und weiß immer schon, was passiert, bevor es geschehen wird. Es wird Spannung, Geheimnis, Gefahr inszeniert. Was nun folgt, beschreibt immer im fingierten Verhältnis von 1:1 - also gefilmt wie ein Dokumentarfilm, aber erzählt wie ein Spielfilm - die Recherche des Reporters Roberts, der mit seinen Dokumenten zu verschiedenen Experten reist, um sich deren Urteile über die Fündigkeit seines Materials bestätigen zu lassen. In Hitchcocks Spionagethriller "The 39 steps" geht es (auch) um Geheimwaffendokumente, die von einer fremden Macht außer Landes geschafft werden sollen. Er nennt sie "den McGuffin", der die "spannende" Handlung motiviert, und je mehr um seinen Besitz und seine Verbringung gekämpft wird, desto bedrohlicher erscheint sein Geheimnis. In Roberts Erzähldramaturgie besteht der McGuffin aus den Handskizzen für Baupläne von Atombomben, die er von "Leone" bekommen haben will. Also Funktionszeichnungen der Kernschmelze, wie sie jeder Atomwaffen-Kenner aus dem Handgelenk aufs Papier werfen kann.Indem er sich von Kennern deren Funktionstüchtigkeit bestätigen lässt, steigert er seinen McGuffin "spannend" zur Bedrohung einer "wirklichen" Explosivkraft. Dagegen wirken die Aussagen von Skeptikern, auf die Roberts auch einmal stößt, wie bewusste Abwiegelungen oder Aussagen von Ignoranten. Als gelte es, dem Spionagethriller eine äußerste Pointe hinzuzufügen, die seine These noch durch ein Menschenopfer ver- (oder: be-)siegelt, erklärt Roberts, "Leone" sei bei seinem Grenzübertritt in den Iran samt seiner Familie verhaftet worden, es sei ihm aber zuletzt noch gelungen, Roberts telefonisch sowohl davon zu informieren, als auch ihn flehentlich zu bitten, der Welt die Wahrheit über "Saddams Bombe" mitzuteilen: man hört eine Telefon-Stimme.
Wer nur einigermaßen mit dem literarischen und filmischen Genre des Spionage-Thrillers vertraut ist - ich sage nur Eric Ambler, der sich ja in diesem Weltteil besonders gut auskannte - findet ihn hier als Erzählung in seinen krudesten Motiven reproduziert. Es ist die "Spannung", die ein mögliches Faktum in die Stereotypie einer tausendfach durchgespielten Thriller-Erzählung überführt, womit "Saddams Bombe" zu einem Nervenkitzel der Unterhaltung mutiert. Was Roberts als Wahrheit filmisch zu belegen meint, desavouiert als inszenierte erzählerische Form diesen Anspruch. Was "Wahrheit" über "Saddams Bombe" ist, liegt jenseits des bei & durch Gwynne Roberts sicht- & hörbar Gemachten.
Wolfram Schütte
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