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Donnerstag, 17. Mai 2012 | 08:22

Life Irritates Art

15.06.2003

Mathias Tretter, 06.05.2001

 

Grüß Gott aus München, unserer Weltstadt mit Herz. Und Verstand. Und Mooshammer, der alles vereint: Die Mama natürlich, dieses Großherz, das Sie immer noch lieben, obwohl es jetzt beim Herrgott schlägt, und die gescheite Daisy mit dem Schleifchen auf der Denkerstirn. Und Kochbuch, Fönbarock und Sodomitenteint. Doch was red' ich? Sie kennens eh.

Wichtig ist: es geht um Kunst - und bei einem Dandy wie Moosi heißt das bekanntlich: Kunst, die die Kunst nachahmt. Der Connaisseur serviert Pasteten als Pastiche, und umgekehrt: In Hochglanz Rezepte, die sich als Rezepte geben; im Leben Trash, der sich als solcher nobilitiert.
Trat er im letzten Akt seines knödipalen Dramas als Chor auf, schlagerfertig und eurovisionär, folgt neuestens ein leises retardierendes Moment. Oder, von den Rängen aus gesehen, eine weitere Katastrophe. Denn diesmal werden Dritte verstrickt. Warum Moosi ein Schicksal sein muss, möchte man mit dem ähnlich frisierten Fritz Nietzsche fragen, - und noch dazu für einen labilen Dichter, der nun wirklich nichts dafür kann. Weil Jahrhundert- ach was, Jahrtausendwende ist, lautet die Antwort; und also wird mit dem Mooshammer philologiert.
Rilke heißt der arme Poet, dem meine ganze Furcht und mein Mitleid gehört; Rilke-Projekt die Tragödie. Zusammen mit einem Dutzend üblicher Gedächtiger, von der unabdingbaren Hannelore Elsner bis zum unvermeidlichen Götz George, leistet Moosi auf einer jüngst erschienenen CD dieses Titels kulturelle Letztversorgung. Was bereits die drei Tenöre in die Nachtluft über den Stadien schmetterten, kann jetzt der verschnarchteste Studienrat nicht mehr überhören: Sie macht mal wieder endgültig ernst, die Kulturindustrie.


Dass da für jeden etwas dabei sein muss, wußte Adorno schon, und hören wir: Götz für die Mama, Hannelore für den Papa, Montserrat Caballe für Frau Schmidt-Müller-Biggemann. Und die Kleinen, die vom Deutschaufsatz so müd geworden sind, kriegen Nölbruder Xavier Naidoo: Respekt! für den Weichreimer von Worpswede.
Ich selbst allerdings wurde tatsächlich übersehen. Wider besseres Wissen wollte ich widerstandslos akzeptieren - und wurde nicht geholfen. Wo ist meine ganz persönliche Verona auf dieser CD? Wie an Gift an ihrem Mund zugrund zu gehn, hätte mich milde gestimmt. Doch die Feldbusch'sche Ästhetik steht Mallarmé näher. Ein jeder Engel ist schrecklich.
Was bleibt mir also übrig, als den Moosis zu zeigen, wo der Hammer hängt? Mithin folgt der wöchentliche Bannspruch gegen den Pop: Ihr mögt in Theodor Wiesengrunds Stahlbad des Fun ersaufen, ihr postmodernen Grabschänder! Euer Leben irritiert die Kunst, ihr Blödstutzer!

"Das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang, den wir grade noch ertragen", steht am Beginn der ersten Duineser Elegie. Als es noch erträglich war, las Oskar Werner Rilkes Gedichte. Auch davon gibt es eine CD - auch für um die 30 DM, auch bei BMG. Und auch die ist nichts als eine Variante der kulturindustriellen Reproduktion des Immergleichen. Denn bei Werners Interpretation muss man die Repeat-Taste einfach gedrückt lassen. Der geniale Interpret übrigens ersoff - im Alkohol.

Mathias Tretter

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