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Donnerstag, 17. Mai 2012 | 08:22

Bücher lesen, Filme schauen

15.06.2003

Anselm Brakhage, 13.05.2001

 

Es ist sicher nicht gerade einer meiner besten Züge - mein tiefsitzender Argwohn gegen ach so belesene Menschen. Ja, aber es ist so, ich kann da nichts machen, das riecht für mich ganz schnell nach Lebensabgewandtheit - blasse bleiche Bücherwürmer - nach triefender Tugendhaftigkeit sowieso, nach überheblichen Leuten, aufgeräumt bis zur Unkenntlichkeit, die sich aufplustern mit Weisheiten, Erkenntnissen aus zweiter Hand - Klugscheißer eben. Leute, die sich drüber stellen über das eigentliche wirkliche Leben und selber noch nie Gras gefressen haben. Und wenn ich manchmal durch die überquillenden Regale der Buchhandlungen lust- und frustwandle, dann ist es schon kein Argwohn mehr, der mich beschleicht, dann ist es nicht selten der pure Überdruss darüber, wer alles meint sich dem Rest der Welt mitteilen zu müssen. Und womit!

Aber halt, ich bin kein Kostverächter. Eigentlich möchte ich euch von meinen Meilensteinen erzählen, davon wie die Lektüre von Büchern die Zeit anhalten kann. Wie sie dich vorübergehend aus dem permanenten, mal trägen mal wilden Fluss herausreißen können, so dass du dich und alles drumherum auf einmal von einer anderen Warte und in anderem Licht siehst. Claude Simon war so einer in meiner Biografie. Würde ich mir normalerweise gar nicht antun, viel zu anstrengend, ich habe es auch bei zwei Büchern von ihm belassen (Der Wind und Die Leitkörper), aber die haben mich verändert. Ungelogen. Er hat den Dingen ihren Wert zurückgegeben, den sie zu dieser Zeit für mich verloren hatten. Einfach dadurch, dass er sie so eindringlich beschrieben hat, eben den Wind zum Beispiel. Er hat mir die Augen geöffnet für die Magie des Alltäglichen. William Carpenter's Gedichte (Regen) gehören in diese Kategorie oder Jim Jarmusch, wie er in Stranger than Paradise die Poesie eines "Looser"-Daseins beschworen hat, ach was: beschworen, er hat sie nur geschildert, aber es brachte mich dazu, die außerordentliche Würde darin zu entdecken, sich gerade in misslichen Lebensumständen zu behaupten.

Versteht mich nicht falsch: es geht mir nicht darum, bei jedem Buch, das ich aufschlage, bei jedem Gang ins Kino mein Leben neu zu entdecken - das heißt, in gewissem Sinne vielleicht schon, aber nicht unbedingt auf derart existenzielle Weise wie ich gerade beschrieben habe. Meist will ich mich auch einfach nur gut unterhalten. Aber was heißt denn hier "nur", verdammt nochmal? Uuuuh Unterhaltungsliteratur! Nick Hornby zu lesen, Jakob Arjouni zu lesen oder mich von dem grandiosen Robbie Coltrane alias Fitz (derzeit wieder sonntagabends gegen elf auf 3sat) in die Abgründe des erbarmungslos realistischen Psychokrimis ziehen zu lassen, das ist meinem seelischen Gleichgewicht, ergo: meiner Persönlichkeitsentfaltung im allgemeinen zuträglicher als die Beschäftigung mit der vermeintlich "Hohen Kunst". Kommt doch die wirklich hohe Kunst sowieso meist im unscheinbaren Gewand daher, oder nicht? Hat es gar nicht nötig sich als solche auszugeben. Aus der jüngsten Vergangenheit ist für mich Guillermo Arriagas Der süße Duft des Todes das beste Beispiel für die Wahrheit dieser These. Einfache Geschichten einfach zu erzählen und dabei zwischen den Zeilen den ganzen Kosmos aufleuchten zu lassen - ist es nicht das, was die wahre Kunst ausmacht? Kieslowskis Drei Farben hatten das für mich zum Beispiel perfekt getan.

Aber egal: das beste Buch, der beste Film verhindert nicht, dass ich manchmal auch gar nichts von alledem wissen will, da kann kommen was will. Dann will ich einfach wieder nur hineinspringen in den Lebensstrom da draußen, mich davon durchfluten lassen, egal was er mit mir macht, wohin er mich treibt. Egal ob hoch oder niedrig, einfach nur unmittelbar.

In diesem Sinne: abspeichern, runterfahren, und ab geht's, zur Sonne, zur Luft, zum Feuer, zur Erde. Gras fressen.

Anselm Brakhage

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