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Donnerstag, 17. Mai 2012 | 08:25

Bücher lesen, Filme schauen (II)

15.06.2003

Wolfram Schütte, 20.05.2001

 

Warum, lieber Anselm Brakhage, Ihr "tiefsitzender Argwohn gegen ach so belesene Menschen"? Mag schon sein, dass er nicht gerade einer Ihrer besten Züge ist, wie Sie gleich zugeben. Nebbich, Sie teilen ihn wohl mit vielen Gleichgesinnten, denen "belesene Menschen" nach Lebensabgewandtheit "riechen", als "bleiche Bücherwürmer" eklig sind wie Engelinge, die vor Tugendhaftigkeit triefen, überheblich sich mit Weisheiten aufplustern und als Klugscheißer mit Erkenntnissen aus zweiter Hand hausieren gehen. Und - noch schlimmer -: diese Darübersteher haben keine Ahnung vom "eigentlichen wirklichen Leben und selber noch nie Gras gefressen". Letzteres hatte ich bislang nur von Nebukadnezar gewusst, selbstverständlich aus Büchern, und da wars ein letztes Zeichen von Irrsinn. "Gras" inhalieren dürfte dagegen verbreiteter sein, beim Bernward Vesper in seiner gerade eben wieder gelesenen "Reise" hat´s zum gleichen Ergebnis geführt. Man kann natürlich auch über´s Bücherlesen irre werden: bestes Beispiel der Bücherwurm Kien in Elias Canettis "Blendung".

Ist das jetzt Klugscheißerei, die ich da von mir gebe? Erst mal sind es doch nur "Fakten, Fakten, Fakten", mit denen ich, lesend, auf dieses ungewöhnliche "Gras fressen" reagiere. Natürlich weiß ich: das ist ja nur eine Metapher von Ihnen. Sie wollten drastisch sein - und sind "literarisch" geworden. Sie hätten ja auch sagen können: "wer nie tief in der Scheiße saß" oder "wer nie sein Brot mit Tränen aß" - um ganz pathetisch vom "eigentlich wirklichen Leben" zu sprechen, das sie hier gegen lebensabgewandten bleichen Bücherwürmer ausspielen.
Aber, frage ich mich, warum müssen sie erst einmal voll Rohr auf die von Ihnen drapierteVogelscheuche schießen - um dann ("aber halt, ich bin kein Kostverächter") doch noch als geständiger Sünder der "Hochkultur" vor uns aufzutreten? Claude Simon als "Meilenstein in der eigenen Biographie": das ist ja wirklich ein schwerer Brocken. Alle Achtung!

Oder soll ich Ihrer Kolumne ein rhetorisches Raffinement zusprechen oder unterstellen, mit dem sie erst mal den landläufigen Affen Zucker geben & alle deren Aggressionen listig bestätigen gegen die "ach so belesenen" Bleichgesichter, um sie dann, anhand des eigenen Beispiels gelegentlich "anstrengender" Kostgängerei, doch noch auf den Geschmack "an dem höheren Indianerspiel" zu bringen? Halb glaub ich das, halb denke ich aber, Sie haben auch noch ein Problem mit einem doppelt schlechten Gewissen: dass Sie hin- und wieder (und dann in entscheidenden Augenblicken) "Glück" hatten mit der "Hochkultur" (ob Claude Simon oder Jim Jarmusch) und dass Ihnen "im allgemeinen" für Ihr "seelisches Gleichgewicht" und Ihre "Persönlichkeitsentfaltung" (große Worte, nebenbei!) Nick Hornby, Jakob Arjouni und der "Fitz" im Fernsehen "zuträglicher" sind. Das soll wohl heißen: Ich lass mir mein alltägliches Unterhaltungsbedürfnis vom Anspruch der "vermeintlich >Hohen Kunst<" nicht vermiesen. Mein Leben gehört mir!

Recht haben Sie - aber hat´s Ihnen denn irgendjemand bestritten oder genommen? Und haben "ach so belesene Menschen" sie etwa beleidigt? Ich fand die nämlich immer höchst unterhaltend, und nie hatte ich den Eindruck, die quälten sich mit ihrer Lektüre ab, wenn sie mit Begeisterung davon sprachen, was sie für aufregende emotionale, intellektuelle, ästhetische oder existentielle Erfahrungen mit Büchern oder Filmen gemacht haben. Natürlich habe ich wenig oder nichts davon, wenn einer oder eine nur begeistert ist - und einen dann vollquatscht mit Superlativen. Wer kennt dergleichen selbstbezogenes Geseiere nicht aus den hilflosen Berichten von "phantastischen Urlauben" oder "großartigen Filmen"?

Es gehört schon etwas dazu, nicht nur sich, sondern auch den Gegenstand dem anderen verständlich & anschaulich zu machen, und ihm sein Urteil zu begründen - erst recht, wenn es sich um etwas Neues, Andersartiges, vom Gewöhnlich-Bekannten auf seine ganz spezifische Art Abweichendes handelt. Das macht einem schon Mühe, erfordert gedankliche Disziplin und sprachliche Präzision. Nicht nur muss man dabei auch von sich und seinem Gefühlsgewusel absehen und "abstrahieren", sondern ich denke auch, dass der Gegenstand, von dem die Rede ist - ob Claude Simon oder "Fitz", spielt keine Rolle -, kann das von einem verlangen. Man sollte das auch von sich verlangen, schließlich hat man sich ja nicht nur unterhalten, sondern will sich auch unterhalten - mit anderen. Na, ja - und da sind halt die "Klugscheißer", die "ach so belesen" sind, nicht nur besser dran, weil sie halt schon lange im Training sind, Erfahrungen gesammelt haben (wie im "eigentlich wirklichen Leben") und ihnen Vergleiche einfallen, Unterschiede bemerkbar sind und Erinnerungen an Ähnliches oder Konträres geweckt werden , sondern: da fängt dann eben auch die "Klugscheißerei" an, das "Aufplustern mit Weisheiten, Erkenntnissen aus zweiter Hand".
Ich habe aber nie verstanden, warum beim Gespräch über Bücher, Filme & Kunst eben das als "Klugscheißerei", also Arroganz und Anmaßung verachtet wird, was in jedem Gespräch von Fußball- oder Formel 1-, von Pop- oder Rap-Fans als Grundvoraussetzung für jedes "vernünftige" Gespräch unter einander gilt: Kennerschaft, Expertenwissen, Erfahrung, Erinnerung, Enthusiasmus und Urteil. Und dass diese Leidenschaften nichts mit dem eigentlich wirklichen Leben zu tun hätten, wird Ihnen, lieber Anselm Brakhage, von denen keiner abnehmen - wie ich Ihnen nicht den Gegensatz von Bücherwürmern und Grasfressern.

Wolfram Schütte

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