Moers lebt
15.06.2003
Von Anselm Brakhage, 24.06.2001
Sie kennen diese Wendung, um den nachwirkenden Geist von herausragenden Persönlichkeiten oder Ereignissen zu umschreiben. Jede Fangemeinde, jeder Einzelne hat da seine eigenen Quellen aufzuweisen: Bird li-ves heißt es bei den Jazzern, Elvis lebt beim Rock'n Roll, beim Reggae lebt der Geist von König Bob Marley... und neulich las ich auf einem Transparent von Fans des derzeit unterklassigen Clubs Rot Weiß Essen in riesigen Lettern: Erwin Kostedde lebt. Kostedde, seinerzeit wahrlich kein Fußballgott, aber eben doch schillernd genug, um für die Schar Essener Fußball-freunde stellvertretend für ruhmreichere Zeiten zu stehen.
Die Kleinstadt Moers am Niederrhein lebt in diesem Sinne, nicht etwa aufgrund eines besonderen architektonischen Zaubers, den sie aufzuweisen hätte (und schon gar nicht an einem gottverdammt verregneten Pfingstwochenende), sondern weil sie seit dreißig Jahren Austragungsort eines Mu-sikfestivals der besonderen Art ist. Internationales New Jazz Festival Moers, so die offizielle aber eigentlich zu enge Bezeichnung, denn der Jazz ist nur noch der musikalische Kern des Moers-Festivals, um den herum sich ein weites musikalisches Spektrum öffnet. Ob Funk (Defunkt u.a.), finnischer Tango (M. A. Numminen), Rap (Russell Gunn), satter Bigband-Sound (Gianlugi Trovesi), modernes Kuba (Tony Martinez & The Cuban Power); Son & Salsa (Candido Fabré), der rhythmische Kosmos Afrikas (Mola Sylla!), Soul aus Südafrika (Soulbrothers), Rock sowieso (u.a. Supsongs: The Mu-sic of Robert Wyattfeaturing Anniie Whitehead), japanische Urbanität (Satoko Fujii), unerhörte Individualisten á la Fred Frith, u.v.m.... welche Richtung und Spielart auch immer, eines verbindet sie alle, die Acts und Akteure von Moers: das Streben nach intensivem authentischem innovativem musikali-schem Ausdruck. Das ist der Spirit von Moers: Offenheit, Vielfalt & Freiheit, nicht nur im musikalischen Sinne.
Hierfür einen Rahmen zu schaffen, eine Bühne, die sich in aller Welt einen klangvollen Namen geschaffen hat, das ist gar nicht hoch genug zu bewerten vor dem Hintergrund einer herrschenden, durch und durch kommerzialisierten Musikindustrie, die neben vielem anderen vor allem eines zur Folge hat: eine Überflutung mit gleichförmigen durchgestylten Produkten. Dass dabei trotz allem auch immer mal wieder Bands und Hits in die Charts rutschen, die wohltuend aus dem Einheitsbrei herausragen, ändert nichts an dieser deprimierenden Grundtendenz.
Gestalterische Offenheit bedingt Riskobereitschaft und gebiert Überraschungen, die Moers seit jeher zuhauf zu bieten hat, inklusive mancher, na: sagen wir es wertneutral: höchstumstrittener Auftritte. Das gilt für die einzel-ne musikalische Darbietung ebenso wie für die gesamte Veranstaltung. Man kann Burkhard Hennen, dem künstlerischen Leiter seit der ersten Stunde, aber nur einmal mehr zu einem höchst abwechslungsreichen hochkarätigen Programm gratulieren. Er hat es einfach, dieses besondere Händchen, im-mer wieder in aller Welt musikalische Perlen aufzuspüren und für Moers zu gewinnen. Kostbarkeiten, die, in ihrer Heimat und bei Insidern oft als solche längst anerkannt und gefeiert, dem Nichteingeweihten hierzulande vorent-halten bleiben würden - gäbe es Moers nicht. Das ist das Verdienst dieses Festivals und seines Machers, der trotz des unbestrittenen Erfolgs etwas amtsmüde geworden ist ob des Gegenwinds, der solch einer Veranstaltung naturgemäß stetig und heftig ins Gesicht bläst; man kann nur hoffen, dass er seinen Ausstieg, dem er nach eigenen Worten so nah ist wie nie, noch ein Weilchen hinauszögert.
Das Moers Festival hat mir in diesem Jahr wieder drei essentielle Dinge beschert: Ohrenschmaus (&Augenweide) vom Feinsten, Inspiration und Spaß. Was kann man sich mehr wünschen von einem Musikfestival, was kann man sich überhaupt mehr wünschen. Der Regen hat den Genuss kaum schmälern können, aber ein anderer metereologischer Rahmen wäre das Sahnehäubchen gewesen.
Anselm Brakhage
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