Zum Ende des Literarischen Quartetts
15.06.2003
Wolfram Schütte, 19.08.2001
Dreizehn Jahre - das ist für eine Fernsehsendung eine lange Zeit; und erst recht, wenn deren bestimmende & beherrschende Figur im Laufe dieser Zeit das 81. Lebensjahr erklommen hat. Im Dezember wird das "Literarische Quartett" im ZDF das letztemal aufspielen und dessen "Primgeiger" (wenngleich eher in zweideutbarer Weise von einem Pauker zu sprechen wäre), soll dann künftig Solo-Auftritte haben. Ohnehin waren seine Mitspieler nur ad majorem papae gloriam gedacht - ob als Dauerbegleiter (wie der unverbesserliche Hellmut Karasek), länger oder kürzer verweilende Lebensabschnittbegleiterinnen wie Sigrid Löffler oder Iris Radisch oder ob als wechselnde "Gäste", denen es nur höchst selten gelang, den übermächtig-lautstarken Gastgeber alt & blamabel aussehen zu lassen.
Das "Literarische Quartett" war zu einer öffentlichen Institution geworden, und obwohl, wie Johannes Willms, der das Spektakel einst aus der Taufe hob, jetzt berichtet, es nie mehr als 680.000 Zuschauer & -hörer hatte, waren die gestischen & akustischen Auftritte, vornehmlich des mit hymnischen Lobs eher geizenden und mit genussvollem Verriss verschwenderisch umgehenden Einpaukers, jeweils Tagesgespräch in kulturell und literarisch interessierten Kreisen. Vor allem bei jenen, die sich von der "Meinungsfreude", die da als Streitgespräch über Literatur kursierte, eine "intellektuelle" Erregung versprachen, die ihnen im TV (und natürlich kaum bei Literatur) sonst nicht geboten wurde.
Die Kritik- & Buch-Branche hat das "Quartett" zuerst "mit Spott und Häme" (Willms) betrachtet, bald aber - selbst bislang ausgewiesene "Feingeister!" - zur Gästeliste gedrängt oder die PR zu schätzen gewusst, die den im "Quartett" behandelten Büchern in den Buchhandlungen zuteil wurden. Denn die Sendung hat Bücher und Autoren "gemacht" - wie Javier Marias, Cees Nooteboom oder zuletzt Zeruya Shalev -, jedoch nur dann, wenn (wie zuletzt immer penetranter) vornehmlich vom Wortführer die erotischen und sexuellen "Gewagtheiten" zusammen mit aufregenden "Liebesgeschichten" über den grünen Klee gelobt wurden. Wenn das Publikum bei einem empfohlenen Buch ahnte, dass ihm da ein Anspruch zugemutet wurde, der nicht mit den Annoncen solcher scharfen Sachen gewürzt war, spielte auch das Quartett folgenlos. Gar bei einem Verdammungsurteil - "unlesbar, langweilig, verworren, versponnen" - verdienten postwendend einzig die Beförderungsunternehmen an den Remittenten.
Es war ein literarisches Roulette, auf das der Buchhandel starrte wie das Kaninchen auf die Schlange. Mehr und mehr beugten sich auch die seriösen Zeitungen und Kritiker dem ebenso eng auf Realismus wie auf subjektive Vorlieben eingeschworenen Auswahl-Diktat des "Quartetts". Wie die Buchhandlungen vor den Sendungen die darin besprochenen Bücher großpartienweise orderten, so ordneten - wie ich weiß - auch Chefredakteure in seriösen Zeitungen an, dass gefälligst die "Quartett-Bücher" in ihren Blättern gleichzeitig rezensiert werden sollten, um "up to date" und parasitär beim "Quartett" in ihren Blättern "dabei" zu sein. Man kann, was sich durch den "Quartett"-Sog im literaturkritischen Gewerbe herausbildete, eine klassische Konzentration der literarischen Meinungsbildung nennen. Was für den populären literarischen Konsummarkt die Bestsellerliste ist, wurde das "Quartett" für den vermeintlich gehobenen literarischen Geschmack: Kompass, der anzeigte, "was man derzeit gelesen haben müsste", um "mitreden zu können", wenngleich gewiss das Gerede des "Literarischen Quartetts" den allermeisten seiner Konsumenten für den Hausgebrauch des belletristischen small-talks ausreichte. Freilich lebte der Buchhandel davon, dass sich solche Mit- & Nachredner wenigstens das corpus delecti zur Selbstversicherung anschafften.
Je mehr die seriöse deutsche Literaturkritik - die beste der Welt in der Tagespresse, wie unverdächtige Autoren (Milan Kundera, Antono Lobo Antunes, Cees Nooteboom) behaupten - in den Schatten des literarischen Fernseh-Quartetts geriet und selbst bei einem Unisono-Hymnus auf ein Buch Leser in nennenswerter Zahl nicht mehr zum Kauf animieren konnte, desto verzweifelter hofften Verlage und der Buchhandel auf einen Volltreffer beim "Quartett" und seinem Quartiermeister. Dass er und seine drei (Mit)Streicher jedoch zunehmend in der Saftlosigkeit ihrer stereotypischen Wort-& Körpergesten die höchst eigenen Selbstparodie darboten, wurde spätestens durch eine parodistische Vorwegnahme des "Quartetts" durch den Alleingang Harald Schmidts in seiner "Show" erkennbar. Schmidts Kopie war im Hinblick auf die zu verhandelnden Bücher seriöser & subtiler, als was sich die ihm schienbar bloß nacheifernden "Quartettisten" dann erlaubten.
Deshalb ist das, was Michael Krüger, der Verlagsleiter von C.Hanser, eben in der FAZ (vom 16.8.01) als eine denkbare Fortsetzung des "Quartetts" mit anderen Mitteln vorschlägt - nämlich mit Harald Schmidt als Anchorman -nicht bloß ein despektierlicher Witz, den er sich zum endgültigen Quartett-Abschied erlaubt; sondern es ist auch schierer Ausdruck des verzweifelten Ernstes. Er findet offenbar die seriöse Literatur im Fernsehen bei dem angeblichen " zynischen Spaßmacher der Nation" besser aufgehoben, als dass als sie nun im totalen Blackout für diese einzige Talking-Heads-Sendung über Literatur im gesamtdeutschen Fernsehen ein für alle Mal verschwindet. Denn das Ende des "Literarischen Quartetts" hat niemand mehr zu fürchten als der deutsche Buchhandel und Verlage - wie Hanser, Suhrkamp, Kunstmann und andere -, die nicht nur von vornherein als gut verkäuflich angesehene Bücher publizieren. Es könnte durchaus sein, dass die Lücke, die das "Literarische Quartett" in der TV-Landschaft hinterlässt, minimal ist - im Vergleich zum horror vacui, der daraufhin den Buchhandel heimsuchen dürfte. Dem deutschen Buchhandel und Verlagswesen könnte damit eine "Stunde der Wahrheit" schlagen, deren Anbruch vom "Quartett" immer wieder verzögert worden war. Nämlich die beängstigende Vermutung, dass es künftig das "anspruchsvolle" Buch und seriöse Verlage noch schwerer haben werden - weil die vom "Literarischen Quartett" im Massenmedium TV zum Gegenstand öffentlicher Erregung gemachte Literatur und die gelegentlicher dadurch mit einem " Long"- oder "Bestseller" beglückten Verlage diese kommerzielle Schubkraft für ihre Mischkalkulation schmerzhaft vermissen dürften. Wenn der Primus also im Dezember zum letzten Mal auf die Pauke hat, dürften erst so recht alle derartigen Fragen "offen sein" - falls, ja falls nicht Harald Schmidt seine "Bücher-Show" abzieht.
Wolfram Schütte
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