Hommage zum 80. Geburtstag von Fernando Botero Aléa Torik: Das Geräusch des Werdens von Michael Ebmeyer Der FUTTERblog - streng verdaulich! Joy As A Toy: Dead As A Dodo Kennzeichen T - 28.04.2012
Donnerstag, 17. Mai 2012 | 08:26

BestürzungTrauerWutAngst

15.06.2003

Anselm Brakhage, 23.09.2001

 

Viele Stimmen melden sich dieser Tage zu Wort. In den Gazetten, Nachrichten, Sondersendungen und Talkshows. Glaubwürdiges ist dabei, Engagiertes, Ritualisiertes, Kluges, Erhellendes, Reißerisches und Dümmliches. Was ist mir im Gedächtnis haften geblieben?

Während der Live-Übertragung der Ereignisse, unmittelbar bevor und nachdem die Türme eingebrochen sind, spekulierte n-tv unentwegt und vorwiegend darüber, ob die New Yorker Börse geschlossen würde. Business must go o­n. Ansonsten jedoch steuert die n-tv Berichterstattung durchaus Substanzielles bei.
Der amerikanische Präsident beschwört den Kampf des Guten gegen das Böse; und er verspricht den Sieg des Guten.
Die Formulierung vom Anschlag auf und vom Krieg gegen die zivilisierte Welt setzt sich auf breiter Front durch, wird Allgemeingut.
Die Unterscheidung von Zivilisation und Barbarei sei eine "urblöde Formel", sagt der Präsident der Berliner Akademie der Künste, György Konrad.
Der Literaturwissenschaftler Walter Jens warnt davor, die Spirale der Gewalt weiterzudrehen. "Rache um jeden Preis ist nicht das Gebot der Stunde." Er plädiert "als Christenmensch" dafür, "zu differenzieren, mit dem Florett zu arbeiten, statt das Breitschwert zu benutzen, und nicht in gängige, vertraute Gut-Böse-Muster zu verfallen".
Der israelische Autor Amos Oz ruft als einer der ersten mit bemerkenswerten Worten zur Besonnenheit auf: "Verurteilen Sie nicht jeden Moslem!...dies ist der Kampf zwischen den Fanatikern, für die der Zweck - jeder Zweck, sei er religiös, nationalistisch oder ideologisch - die Mittel heiligt, und dem Rest von uns, die dem Leben selbst diese Heiligkeit zuschreiben."
Publizist Henryk M Broder zetert im Spiegel hemmungslos über den Anti-Amerikanismus in deutschen Landen und Geistern. "Sie alle eint die Überzeugung, dass Hass ein schlechter Ratgeber ist. Es sei denn, das Objekt des gemeinen Gefühls sind die Amerikaner selbst. Amerikaner dürfen gehauen werden." Gemeint sind nach Broderscher Lesart damit alle, die vor einer unkontrollierten Gewaltspirale warnen und neben militärischen auch anderen Kategorien Geltung verschafft wissen wollen.

Dann Boulevard Bio. Thema: "Nichts ist mehr, wie es war." Vier Gäste mit unterschiedlicher Perspektive: Ein deutscher Student, zum Zeitpunkt des New Yorker Anschlages in unmittelbarer Nähe, beschreibt ganz nüchtern und umso eindrucksvoller seine Erlebnisse und die Stimmung in der Stadt danach. Ein in Deutschland lebender Student iranischer Abstammung verspürt hierzulande bereits ein raueres Klima für moslemische Mitbürger. Michael Lüders, Nahost-Experte der "Zeit", gewährt erstaunliche Einblicke in die islamische Mentalität und beschreibt eindrücklich die möglichen Folgen eines unbedachten Vorgehens. Schließlich Fein- und Hochgeist Roger Willemsen, der die Worte von Kölns Trainer Ewald Lienen als das Klügste, Beste und Wichtigste an Kommentar in den letzten Tagen befand; Lienen hatte sich nicht an der Diskussion um Vergeltungsschläge etc. beteiligen wollen, sondern an jeden Einzelnen appelliert, zu überlegen, was man selbst beitragen könne um den Graben zwischen verschiedenen Kulturen und die Kluft zwischen Arm und Reich zu überwinden.
Gegen Ende der Sendung beklagte - zu meinem Erstaunen - tatsächlich auch Moderator Biolek einen latenten Anti-Amerikanismus im Tenor der deutschen Intellektuellen, die dieser Tage ihre Besorgnis vor überstürzten und folgenschweren Reaktionen Amerikas artikulieren. Natürlich sei Kritik in jeder Gesellschaft nötig, plattheitete er, aber in Bezug auf die USA im Moment doch völlig deplatziert. Als Willemsen darauf verwies, dass man bei aller ehrlicher Betroffenheit nicht die Ursachen und Hintergründe des Hasses außer Acht lassen dürfe und damit auch Amerikas Auftreten in der arabischen Welt meinte, da geriet der für diplomatisch harmonisierendes Geschick bekannte Biolek völlig aus der Fassung und verfiel stammelnd, mit zitternder Stimme und wild gestikulierend in die Niederungen kindlich simplifizierender Rhetorik: "Man könne doch jetzt nicht die Amerikaner zu den Bösen machen... ja, sind denn Herr Bin Laden und seine Getreuen plötzlich auf der guten Seite, nur weil die Amerikaner in der Vergangenheit auch Fehler gemacht haben?...

Spätestens hier (und als der sonst stets höflich-charmante Biolek wenig später um ein Haar vergaß, Willemsen zu verabschieden und ihm für sein Kommen zu danken) wurde mir klar, dass der vermeintliche breite Konsens, der unter dem ersten Schock nahezu die ganze Gesellschaft und Welt zu einen schien, natürlich eine Illusion war.

Meine Schlüsse aus alledem? Persönlich nach einer abgrundtiefen Demütigung der Vergeltungslogik zu folgen, ist menschlich und verständlich. Auf politischer Ebene müssen andere Maßstäbe gelten. Besorgnis ist mehr als angebracht. Angst? Ja, auch Angst, natürlich, legitim. Aber sich der Angst beugen - das nicht.

Anselm Brakhage

Von der Verrohung des Bürgertums

Ja, die Welt ist schlecht, weil ungleich. Aber hurra – wir tun doch was! Das Netzwerk der »Tafeln« sorgt dafür, dass auch Hartz-IV-ler würdig ...

Wenn man mit der Mafia seinen Doktor macht

Zwei Neuerscheinungen aus Deutschland und den USA nehmen einen trivialen Gegenstand ernst: die erfolgreiche Fernsehserie The Sopranos, die im Mafia-Milieu spielt. THOMAS ROTHSCHILD hat ...

Propagandaschlachten

Nahost-Interessierte kennen die Situation: geht es um Araber und den deutschen Nationalsozialismus, ist die Diskussion zuende, sobald ein Name fällt. Der 1974 verstorbene Großmufti von ...

Vergangen, aber nicht vorbei

Vor nicht einmal 25 Jahren war sie noch in aller Munde, die Apartheid, und ebenso das Land, zu dem sie allein zu gehören schien, Südafrika. Heute scheint sie und die unmenschlichen ...

Gesamtnote: zehn. Bestanden!

Heute heißt es runter, heute ist Sturzflugprüfung und Telemark muss springen. Edward van de Vendel und Alain Verster erzählen in Die Taube, die sich nicht traute von jenem ...

Der neue Schulmädchenreport

»Das wird ein Riesen-Mega-Hammer-Hit!« - Ein Hit waren schon Enid Blytons Serienauftakt über The Twins at St. Clares, ein Riesenhit die ...

Der Kaiser der Revolution

Die Geschichte des Films ist, technisch betrachtet, die Geschichte einer permanenten Annäherung an die Wirklichkeitsillusion. Nachdem Ende des 19. Jahrhunderts aus einer Kombination dreier ...