Fragen eines Hörbuch-Abstinenzlers
15.06.2003
Von Wolfram Schütte, 29.09.2001
Wer nicht hören will, möchte lieber lesen
Eben sah ich eine Anzeige des ersten Romans Wladimir Kaminers. Seine "Militärmusik" wird dort nicht nur als Roman für 36 DM annonciert, sondern gleichzeitig auch als "Hörbuch" auf 2 CD für 39 und MCs für 32 DM. Da erinnere ich mich, im Hanser-Katalog des Frühjahrs gesehen zu haben, dass Raoul Schrotts Nachdichtung des "Gilgamesch"-Epos nicht nur als Buch (für knapp 50 DM) sondern auch als 3CD-Hörspiel ("in Luxusausstattung", was immer das sein mag) für 63 DM angeboten wurde. Selbst Milan Kunderas letzter Roman war ja schon, fällt mir jetzt ein, bei Hanser gleichzeitig in der Fassung zum Lesen und zum Hören erschienen; und dass die "Zeit" regelmäßig eine Hörbuch-Kolumne hat, habe ich auch schon mitbekommen. Ich gestehe, dass der Hörbuch-Boom, der vor einigen Jahren bei uns ausgebrochen ist ( & wohl solidere Großgewinne für seine Investoren abgeworfen hat als alle Spekulationen am sonstigen Neuen-Medien-Markt) mir jedoch bis heute ein Buch mit Sieben Siegeln und ein ungeklärtes soziologisches Phänomen geblieben ist.
Denn es gehört zu meinen Grundüberzeugungen, dass Bücher gelesen werden, und zwar allein; und dass Lektüre - also die optische Rezeption von Literatur - der akustischen essentiell voraushat, dass sie dem Leser eine reflexive Souveränität im Umgang mit dem Text erlaubt, die dem Zuhörer verwehrt ist, weil sich Zuhören in der Zeit abspielt, Lesen aber zusätzlich ( & damit entscheidend) auch im Raum.
"Im Raum" soll heißen: auf der Buchseite, in dem Buch, das ein taktil vorliegendes Objekt ist. Vor allem aber kann ich, allein lesend, innehalten, anstreichen, zurückblättern, also einen auf mehrfache Weise intimen Kontakt mit dem Lesestoff aufbauen und kommunizierend unterhalten. Beim Zuhören aber ist mein einziger kommunikativer Zugang zum Text das Nadelöhr der Stimme, mit welcher der Vor-Leser mir den Text - und ich muss es jetzt ganz "anti-autoritär" sagen: - "vorkaut", "zubereitet", "einrichtet", kurz: sich ein für alle mal zwischen die Schrift des Buches und mich stellt. Das vorgelesene Buch ist nicht mehr das Fremde, das ich mir lesend aneigne, sondern ein virtuelles akustisches Phantom. Selbst wenn der Autor oder die Autorin es vorläsen - und es gibt ja meisterliche (oder sind es "überwältigende"?) Selbstinterpreten wie Günter Grass und Martin Walser; und es war einmal ein Wort-Sprech-Künstler wie Ernst Jandl, dessen akustische Expressivität bei der Selbstrezitation mancher seiner Gedichte deren Druckfassung zurecht nur als Schattenwürfe des von Jandl Arrrtikullllierten erscheinen lassen.
Aber selbst die "Authentizität" des Schöpfers kann mich nicht generell fürs Hören des Geschriebenen gewinnen. Denn die Probe des Puddings, meinte Brecht, ist das Essen, sprich: mein Verzehr, und nicht das vorkauende Schau-Essen des Kochs."Authentizität" des Autors im Vortrag seines Textes kann ihm helfen, dessen reale literarische Schwächen durch Virtuosität des Vortrags zu überspielen; sie kann aber auch, wie im tragischen Fall des sächsisch vorlesenden Wolfgang Hilbig, sich vor die Qualität seiner Prosa und Lyrik hemmend stellen. In den meisten Fällen sind die vorlesenden Autoren ohnehin Dilettanten im Vergleich zu den poetischen Möglichkeitsformen ihrer Werke. Deshalb werden ja oft professionelle Vorleser - wie der allgegenwärtige Christian Brückner, dessen Stimme und gedankliche Akzentuierung unzähligen klassischen und aktuellen Texten seine Prägemuster aufgepropft hat - und prominente Schauspieler und Schauspielerinnen beschäftigt, die einerseits Professionalität im Umgang sowohl mit literarischen Texten wie auch deren akustischer Interpretation, also Auslegung des Gemeinten nachgesagt wird, als auch Werbewirksamkeit ihres bekannten Namens für die unbekannteren Texte & Autoren.
Dass ich gelegentlich beim Autofahren, wenn keine Musik unterhält, auch einmal bei einer der Vorlese-Sendungen hängen bleibe, hat aber noch nicht dazu geführt, dass ich mir freiwillig eine Hörkassette einschiebe, schon gar nicht zuhause. Liegt es vielleicht daran, dass ich die Konzentration auf den akustischen Text scheue? Nun muss ich gestehen, dass mir schon Autorenlesungen oft (nicht immer) eine Peinlichkeit und meistens eine Qual sind - weil ich dabei die Autoren betrachte und zwei Verhaltens-Typologien bemerke: zum einen gibt es welche, die sich routiniert dem Ritual unterziehen, sich selbst zu (re)zitieren, weil am Ende ein Umschlag mit dem Honorar winkt; manche von ihnen können aber den Überdruss am Vorlesen schlecht verhehlen. Beides verstimmt mich, weil es mich zum Komplizen einer entwürdigenden Prozedur macht. Zum anderen gibt es (vor allem bei den Lyrikern) den Typus des sich selbst Zelebrierenden, der sich in Weihe redet und seine Person mit seinem Text sakralisiert. "DichterPriestertum" nannte das Arno Schmidt (der als Vorlesender auch nicht frei davon war). Das ist vielleicht noch unangenehmer.
Einzig wenn es sich um humoristische, witzige Prosa oder Lyrik handelt, mache ich eine Ausnahme, wahrscheinlich weil, wenn es etwas zum Lachen gibt, eine lebendige Kommunikation zwischen Vorleser und Publikum entsteht, eine gemeinsame Teilhabe am literarischen Text. Sie löst den Predigtcharakter, dem sich die Gemeinde der Zuhörenden im Angesicht des Vorlesers unterwirft, humoristisch auf. Einsam über einem Buch vor sich hinzulachen, ist ja schon merkwürdig für einen, und kommt höchst selten vor. Die gute Laune, die eine humoristische, satirische oder witzige Literatur dem einsamen, einzelnen Leser verschafft, ist der Mehrwert, den sein inwendig bleibendes Lachen, vulgo sein Lächeln in ihm produziert. Offenbar scheint mir das Vorlesen & Zuhören von Grund auf atavistisch, weil es meine Leser-Souveränität beschränkt. Ich weiß aber ja, dass die Literatur, bevor sie niedergeschrieben wurde, daraus hervorging; und auch noch lange später - bis weit in die Goethe-Zeit hinein - das Vorlesen im Familien - & Freundeskreis ein feudal-bürgerlicher Ritus war. Es soll sogar auch heute noch (Ehe-)Paare geben, die sich Bücher vorlesen, nicht nur zeit- & zwangsweise den eigenen Kindern - die aber gewiss heute öfters mit Hörbüchern aufwachsen als mit elterlichen Vorlesern, wenn wir einmal TV & Video außeracht lassen. Wer aber hört heute die vielen Hörbücher - Eichborn z.B. hat ja eine ganze Armada aufs akustische Meer geschickt - und wie tut er´s (sie´s) und vorallem: warum? Bevor ich mich aber spekulativ er- & überhebe und mich heillos (wieder einmal) in den Labyrinthen der Dialektik der Aufklärung verrenne, stelle ich mir hier bloß diese Fragen eines harthörigen Hörbuch-Abstinenzlers, der sich jetzt gleich wieder der Lektüre zuwendet.
Wolfram Schütte
|
Von der Verrohung des Bürgertums
Ja, die Welt ist schlecht, weil ungleich. Aber hurra – wir tun doch was! Das Netzwerk der »Tafeln« sorgt dafür, dass auch Hartz-IV-ler würdig ...
Wenn man mit der Mafia seinen Doktor macht
Zwei Neuerscheinungen aus Deutschland und den USA nehmen einen trivialen Gegenstand ernst: die erfolgreiche Fernsehserie The Sopranos, die im Mafia-Milieu spielt. THOMAS ROTHSCHILD hat ...
Propagandaschlachten
Nahost-Interessierte kennen die Situation: geht es um Araber und den deutschen Nationalsozialismus, ist die Diskussion zuende, sobald ein Name fällt. Der 1974 verstorbene Großmufti von ...
Vergangen, aber nicht vorbei
Vor nicht einmal 25 Jahren war sie noch in aller Munde, die Apartheid, und ebenso das Land, zu dem sie allein zu gehören schien, Südafrika. Heute scheint sie und die unmenschlichen ...
Gesamtnote: zehn. Bestanden!
Heute heißt es runter, heute ist Sturzflugprüfung und Telemark muss springen. Edward van de Vendel und Alain Verster erzählen in Die Taube, die sich nicht traute von jenem ...
Der neue Schulmädchenreport
»Das wird ein Riesen-Mega-Hammer-Hit!« - Ein Hit waren schon Enid Blytons Serienauftakt über The Twins at St. Clares, ein Riesenhit die ...
Der Kaiser der Revolution
Die Geschichte des Films ist, technisch betrachtet, die Geschichte einer permanenten Annäherung an die Wirklichkeitsillusion. Nachdem Ende des 19. Jahrhunderts aus einer Kombination dreier ...
|