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Donnerstag, 17. Mai 2012 | 08:27

Schnelltest für Terroristen

15.06.2003

Von Mathias Tretter, 08.10.2001

 

Anfang September lautete eine drängende Frage, mit der ich eines Morgens meine Mortadella mümmelte: Wo ist eigentlich BSE? Der Grillsommer ging zuende, die Steaks wurden wieder Karpfen, und etwas war verschwunden. Heimlich, ohne eine Anschrift zu hinterlassen. Zuletzt gesehen in einem mallorquinischen Swimming-Pool: ein paar Amateuraufnahmen, die Experten sogleich auf ihre Blödheit untersuchten. Eine Sonder-MKS wurde eingesetzt, die grenzüberschreitend fahndete. Leider erfolglos, wie man inzwischen weiß. Am elften des Monats kehrte die tödliche Idiotie zurück, in einer neuen Variante, deren Aggressivität sich selbst Radikalveganer nicht vorzustellen vermocht hatten. Dagegen schien jeder machtlos. Plötzlich schmeckte gar nichts mehr; auch die Kichererbsen wurden verdächtig.. Über die Ursachen des Ausbruchs lässt sich noch immer nur spekulieren. Separatisten-Fleisch sei im Spiel gewesen, heißt es, ein unheiliges, saudisches Rindvieh und mehrere Erstwelt-Länder, die dem Rest des Planeten seit Jahrzehnten Schlachtabfälle verfütterten. Nachweise fehlen jedoch.
Entsprechend schwierig gestalten sich die Abwehrmaßnahmen. Was tut man gegen eine Krankheit, deren Erreger man nicht kennt? Erinnern wir uns: Die Notschlachtung ganzer Herden, infiziert oder nicht, hatte am Höhepunkt des Rinderwahnsinns doch vor allem eines bewirkt: apokalyptische Kadaverberge. BSE wurde dadurch nicht besiegt.

Natürlich hinkt der Vergleich ganz bedenklich. Hier geht es um Menschen, auch wenn sich ihre Lebensbedingungen und die Rolle, die man ihnen im globalen Dorf zugesteht, von der nutzlos gewordener Nutztiere kaum unterscheidet. Es geht um Millionen, die der Hunger bedroht, um Frauen, deren Rechte sich tatsächlich wenig vom Tierschutz unterscheiden, um ein Land mit mittelalterlichem Regime und postmodernen Waffen.
Natürlich sind Terroristen keine Prionen. Doch der Umgang mit beiden unsichtbaren Gefahren fordert das gleiche: Besonnenheit. Dies zumindest scheinen einige Verantwortliche inzwischen begriffen zu haben. Noch steht Kabul bzw. das, was der Bürgerkrieg davon übrig gelassen hat. Allenthalben hört man Ermahnungen, nicht den Islam zur Seuche zu erklären. Manch westlicher Politiker äußert gar Selbstkritik. Dass die Hirnrissigkeit ganz zu besiegen sei, damit war selbstverständlich nicht zu rechnen, auch nicht im Nachfeld einer mehr als ernüchternden Katastrophe. Die Gegenbeispiele sind Legion. So machen frömmelnde Formel 1-Fahrer sich plötzlich Gedanken darüber, einen Sonntag mal keine Millionen in den Himmel zu blasen - aus Mitgefühl mit all dem Elend. So säuft man, wie ich ausgerechnet in der ZEIT las, im Oktoberfestzelt von Hacker-Pschorr solidarisch: Unterm Sternenbanner und "In Verbundenheit für Frieden und Freiheit." Und Terroristen-Schreck Schröder kuschelt mit Terroristen-Schreck Putin bei kaukasischem Branntwein.

Einige Bodenlosigkeiten haben sich sogar die Schein-Fiktionalität erhalten, von der angesichts der Ereignisse in den USA gesprochen wurde. Stockhausens Äußerungen etwa, die die WTC-Attacken zum größtmöglichen Kunstwerk erklärten, machten ihn endgültig zur literarischen Figur. Zarathustra goes Karl-Heinz. Und wie eine Produktion aus Disneys Alptraumfabrik erscheint jene Fortsetzung des falschen Films, die in der bislang leidlich liberalen Bundesrepublik spielt. Die Rede ist von Schill und Schily, dem ungleichen Terrier-Paar der Neuesten Mitte. Ein Amtsrichter und ein Ex-RAF-Anwalt in der Offensive gegen den Rechtsstaat. Schnelltests für Terroristen. Und das Ganze finanziert durch teurere Zigaretten. Können Sie das glauben?
Sie werden müssen.

Mathias Tretter

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