Alte Lieben, rosarot und schwarz
15.06.2003
Von Wolfram Schütte, 04.11.2001
Auf den 35. Internationalen Hofer Filmtagen
Ohne Zweifel sind die Hofer Filmtage das Werk des Heinz Badewitz. Er hat - seit den Beatles ein Pilzkopf & heute ergraut - seine Heimatstadt seit nunmehr 35 Jahren alljährlich in der letzten Oktoberwoche zu einem Treffpunkt des jungen deutschen und des internationalen Films gemacht. Herzog ,Wenders, Fassbinder è tutti quanti waren hier zuhause; aber auch z.B. Roger Corman, David Cronenburg, Monte Hellmann mit kleinen Retrospektiven in der oberfränkischen Provinz präsent. Filmemacher, Kritiker und Publikum saßen eng zusammen: ein intimes Fest, wie kaum ein anderes auf der Welt. Das war einmal.
Man tut den Internationalen Hofer Filmtagen keinen Tort an, wenn man sagt, dass sie eine große Vergangenheit hinter sich haben. Denn die Zeiten heute sind kleiner, die einst gemeinsame Aufbruchsstimmung und Neugier auf alles Neue und Befremdliche, die damals im Dreiländereck von BRD, DDR und CSSR seinen elektrisierenden Ort hatte, gehört längst der Vergangenheit an - aber Badewitz hält Kurs in mehr Kinosälen und zwei Spielstätten als früher, mit breitem Angebot und der Devise, dem deutschen Nachwuchs eine Chance zu geben, so hoffnungslos er sein mag. Er kann hier zumindest besichtigt werden. Und der Zuspruch ist gut, wenn auch ein Festival wie Hof auf Gedeih & Verderb eingebunden ist in die allgemeine Film-, Verleih- & Kinosituation, die nicht sehr ermutigend ist, und die "kleineren" Filmfestival-Events allerorten sich heftige Konkurrenz und sich gegenseitig die raren "Entdeckungen" abspenstig zu machen suchen. Auch der Reiz der kinematografischen Globalisierung, der Badewitz vor Jahren & Jahrzehnten mit Filmen aus Neuseeland, Australien oder Kanada vorausgeeilt war, ist verflogen. Hard Times also heute. Dennoch bot Hof in seinem 35. Jahr viel & Vieles, so dass die Besucher genug zu wählen hatten. Statt einer Retrospektive präsentierte das 35. Festival fünf einstündige (Fernseh-) Filme deutscher Autoren zum Thema "Denk ich an Deutschland": subjektive Notate, Selbstbeschreibungen von Klaus Lemke, Peter Patzak, Faith Akin, Leander Hausmann und Peter Lilienthal. Lemke, einst Münchner "Sensibilist", ist zwar in die Jahre gekommen, aber nicht aus seinen erotischen Obsessionen herausgewachsen: noch immer ist ihm die Schwabinger Leopoldstraße der Laufsteg der vergnügungssüchtigen Teenies, der modischen Exzentriker und alkoholisierten Schnorrer & Aufreißer, die er sich für ein paar Mark vor die Kamera und das Mikrofon holt. Patzak reist Freunden und Bekannten nach, die in Brasilien und New York ein neues, anderes Leben gewagt und Deutschland hinter sich gelassen haben. Der geborene Türke Faith Akin, der sich als Altonaer fühlt, gräbt sich in die Ankunftsgeschichte seiner Eltern zurück, reist zu Verwandten nach Istanbul und zum Schwarzen Meer, wo er auf Remigranten trifft, die sich in der zeitweilig für die deutsche Fremde verlassene Heimat erst langsam und schmerzlich wieder akklimatisieren mußten. Der Ex-DDRler Hausmann inszeniert ein Klassentreffen mit seinen Freunden, die in ihrer Jugend die DDR mit Bob Dylan und Mick Jagger im Kopf und den Gliedern "ignorierten" und in einer kleinen Kommune lebten: manche harrten aus, manche wanderten aus, andere ins Gefängnis. Die Erinnerung verklärt das Pubertäre zu einem Jux, den man sich mit dem Politischen machte. Nur der Älteste, Peter Lilienthal - der als jüdisches Kind durch die Emigration nach Uruguay dem Schicksal seiner Verwandten entging - setzt einen bedachtsam-nachdenklichen Akzent. Wenn er an Deutschland denkt, dann vor allem daran, ob hier & heute (noch oder wieder) zu leben sei - gegen Antisemitismus und Fremdenhass, und der menschenfreundliche Optimist Lilienthal findet Beispiele des Muts und der Ermutigung, ob bei einem jüdischen Lehrer, einem Mozabikaner oder der Eberswalder Polizeipräsidentin. Insgesamt zeigen die 5 Filme höchst unterschiedliche Einblicke in deutsche Befindlichkeiten und Lebenserfahrungen; sie wären durch andere gewiss noch zu ergänzen.
Die äußersten geistigen und ästhetischen Extreme traten in zwei Filmen der 35. Internationalen Hofer Filmtage zutage: in Paul Cox´ "Innocence"(Erste Liebe, Zweite Chance) und in den "Hundstagen" des Österreichers Ulrich Seidel, der mit seinem Film schon die Kritik auf dem Lido während der diesjährigen Mostra polarisiert hatte.
In beiden Filmen geht es um Liebe unter älteren Menschen. Der in Holland geborene, aber in Australien lebende Paul Cox ist eine genuine Badewitzsche Entdeckung. Schon vor 17 Jahren lief sein Debütspielfilm in Hof, danach weitere 8 (!) Filme, und Badewitz hat dem sanftmütigen australischen Humanisten die Treue bis heute gehalten. "Innocence" ist ein klassisches Melodrama: ein junges belgisches Liebespaar, das durch väterlichen Einspruch des jungen Organisten für ein Leben lang getrennt wurde, findet in seinen späten Jahren in Australien wieder zu sich - und zur körperlichen Liebe. Vergangenheit und Gegenwart montiert Cox eloquent zusammen, so dass das erste Gefühl der jungen Körper sich in den alten wieder auffrischt. Es ist die Frau, die bewundernswerte Julia Blake, welche nach anfänglichem Zögern aus ihrer erkalteten Ehe ausbricht und leidenschaftlich zu dem langjährigen Witwer und ehemaligen Jugendgeliebten sich hinwendet. Eine "amour fou" unter Moribunden: während der Geliebte auf der Orgel spielt, tanzt die Herzkranke sich hinter seinem Rücken in den Kirchenbänken in eine letale Glückseuphorie hinein. Aber auch der nun wieder verlassene Organist hat als Krebskranker nicht mehr lange zu leben, wenn er auch zuletzt mit dem geprellten Ehemann und Nebenbuhler vereint einen Spaziergang macht. Ein rosarotes Melodrama. Ulrich Seidel setzt dagegen die Short cuts seines tiefschwarzen Melos "Hundstage". In sechs Erzählsträngen, die er verknotet und jeweils mit monströsen Stillleben nackter, fetter, schwitzender Körper beginnen lässt, versammelt er Geschichten von kaputten, debilen, verzweifelten Paaren aus der Peripherie Wiens, wo seriell-sterile Einfamilienhäuser mit den Großmarktkathedralen des Konsums und Autobahnzubringern sich kreuzen, zu einem Pandämonium aus schmuddeligem Sex und sadistischer Gewalt. Es ist ein zweistündiger Film mit Schauspielern und Laiendarstellern, die in der äußersten Hitze der hochsommerlichen Hundstage einander verletztend dahinvegetieren. Man denkt dabei zuerst an die sanften Schrecken, die der Kanadier Atom Egoian in einem verwandten Ambiente der baulichen Verlassenheit und der verzerrten Sehnsucht nach Liebe als misteriöse Horrorszenarien entwarf, sieht sich aber bald durch den stilisierten Naturalismus und existentialistischen Brutalismus Ulrich Seidels an eine Ödön von Horváthsche Weltverfassung erinnert, die durch die Kältezonen gegangen ist, die der österreichische Cartoonist Manfred Deix gegenwärtig so horribel zu pointieren versteht. Wenn Paul Cox immer ein wenig (und manchmal zuviel) zur einstimmenden Süße des Lebens neigt, so Ulrich Seidel zum Sacharin einer herausfordernden Mitleidlosigkeit gegenüber der Hässlichkeit des Lebens. Er fordert einem als Zuschauer - wie sein Landsmann Michael Haneke - äußerste Teilnahme ab. Unterhaltung wird hier nicht geboten - es sei denn eine durch die "Hundstage" provozierte Unterhaltung mit einem selbst. Kino als einen an- & ergreifende Erfahrung mit den eigenen Gefühlen: wo findet sich dergleichen heute noch?
Wolfram Schütte
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