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Donnerstag, 17. Mai 2012 | 08:31

Von gnadenloser Aktualität

15.06.2003

Von Anselm Brakhage, 02.12.2001

 

"Forscher züchten menschliche Embryo-Klone. Für die einen ist es ein Durchbruch, für die anderen ein Tabubruch: US-Forscher haben geklonte menschliche Embryos produziert, die künftig als Reservoir für begehrte Stammzellen dienen sollen." (Spiegel o­nline, 26.11.)

Das war eine von vielen bemerkenswerten Meldungen der Woche, die im Blätterwald auch durchaus gehörige Resonanz fand. So zitierte etwa der Spiegel (online) am Montag den Präsidenten der deutschen Bundesärztekammer, Jörg-Dietrich Hoppe: "Die Versuche seien ein Alptraum, der nun leider Wirklichkeit wird. Die Klon-Experimente der amerikanischen Wissenschaftler sind unethisch und offenbaren eine erschreckende Geringschätzung menschlichen Lebens."
In der FAZ kommentierte Frank Schirrmacher: "Nicht mehr die Natur, sondern Menschen entscheiden über die Biologie von Menschen, also über die aller künftiger Generationen", und fragte: "Was wird das für eine Gesellschaft sein, die in der Lage ist, einen Teil ihres Nachwuchses, also ihrer Embyronen, zu Reparaturzwecken zu gebrauchen und den anderen, wenn nicht abzutreiben, dann nach eigenen Kriterien zu selektieren? Wie wird man sich dort, wo dies zur gesellschaftlichen Routine geworden ist, eigentlich in die Augen schauen? Ein zweites Ich schaffen, um sich zu regenerieren? Der namenlose Sprössling aus Worcester ist der Homunkulus all unserer Zukunftsfragen."
Die "Sensationsmeldung" wurde wenig später von diversen Leuten aus diversen Gründen wieder relativiert. So sind für Ian Wilmut, Schöpfer des Klonschafs Dolly, die Zellhaufen aus dem US-Labor keine wahren Klone. Und Max-Planck-Präsident Hubert Markl wetterte in der Süddeutschen: "Nachrichten über Klonen haben anscheinend unweigerlich das Klonen von Nachrichten zur Folge. Der Pawlow-Reflex biopolitischer Sofortentrüstung sei zuverlässig abrufbar."
Wenige Tage danach dann die nächste Meldung zum Thema, nun von politischer oder sagen wir eher pseudopolitischer Ebene:
"Der von der Bundesregierung eingesetzte Ethikrat hat sich mehrheitlich für den Import embryonaler Stammzellen ausgesprochen. Das hat bei der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages unterschiedliche Reaktionen ausgelöst, denn die hatte zuvor genau das Gegenteil beschlossen." (Spiegel o­nline vom 29.11.)

Ein spektakuläres Thema, zweifellos, das da für einige Tage, einige Zeitungsausgaben lang aus dem Schlummerdasein an die Oberfläche emporgestiegen ist. Spektakulär zwar, aber doch nicht wirklich wahrgenommen: Mögen kluge und/oder berufene Köpfe auch trefflich in Zirkeln, Talkshows, Feuilletons, Gremien etc. darüber streiten, aber an der Basis, in den Wohnstuben, am Arbeitsplatz, nicht einmal an den Universitäten, findet das Thema kaum wirklich angemessene Beachtung. Geschweige denn, dass ein nenneswerter Aufschrei ertönen würde. Das ist erstaunlich, selbst in Zeiten, da einen so schnell nichts mehr aufregt.

Vielleicht ist es zu schwer zu greifen, das Thema. Die üblichen abgenutzten Gutmensch-Muster wollen nicht so recht greifen: steht doch auf der einen Seite die erklärte Absicht, schlimme Krankheiten bekämpfen zu wollen - ein ehrenwerter Vorsatz, sollte man meinen - und auf der anderen Seite so etwas wie die Achtung vor der Schöpfung: auch nicht gerade geeignet für ein Feindbild. Und sowieso: seitens der Biowissenschaftler und -industriellen und auf politischer Ebene bemüht man sich ohnehin, dem Bürger seine eigene Unmündigkeit in dieser Sache zu suggerieren. Das Thema sei ja so ungeheuer komplex, ein sehr genaues Abwägen nötig, um sich ein Urteil bilden zu können, für den Fachmann schon schwierig genug, für den Laien kaum möglich. Nichts gegen sorgfältiges Abwägen, aber mich lässt das Gefühl nicht los, dass hier vor allem anderen eine grundsätzliche Haltung gefordert ist. Dass wir uns viel zu sehr verwässern und erschlagen lassen mit Details und den Kerngehalt (im wahrsten Sinne des Wortes) aus den Augen verlieren. Vielleicht ist es ein Rest von Intuition oder einfach gesundem Menschenverstand, der mich da so misstrauisch und wütend macht.

Der Innenpolitik-Ressortchef der Süddeutschen Zeitung, Heribert Prantl, hat dieses Unbehagen in einem NDR-Beitrag ("Der achte Schöpfungstag - Zur Gentechnik und zum Biopatentgesetz") für mich sehr schön auf den Punkt gebracht:

"Der Philosoph Hans Jonas hat einmal gesagt, der menschliche Geist hätte sich zweier Kerne nicht bemächtigen sollen - des Atomkerns und des Zellkerns; die gesellschaftlichen und die individuellen Folgen seien kaum beherrschbar. Bei der Kernenergie hat diese Warnung, jedenfalls in Deutschland, Gehör gefunden. Es gab ja auch apokalyptische Zeichen: Es gab Hiroshima, es gab Tschernobyl. In der Gentechnik dagegen schreitet die Bemächtigung, vor der Hans Jonas gewarnt hat, mächtig voran. Und die Ethik-Diskurse über das Erlaubte und das zu Erlaubende hinken weit hinter dem Wissenszuwachs hinterher. Der deutsche Bundeskanzler hat einen Ethikrat einberufen - dort sitzen natürlich auch die Ingenieure der Machbarkeit. Sie werden sich nicht selbst ein Berufsverbot erteilen. Dieses Biopatentgesetz basiert nämlich auf der falschen Vorstellung, ja auf der größenwahnsinnigen Fiktion, Leben sei eine Erfindung, sei also auch wie eine Erfindung, wie ein geistiges Eigentum zu schützen. Doch wer hat die Gene erfunden? Für gläubige Menschen ist es Gott, für Nichtgläubige die Natur. Der Mensch kann sie finden, also entdecken, aber nicht erfinden... Der europäische und der deutsche Gesetzgeber behandelt sie so, als könne man daran Eigentum erwerben, als sei der Genvorrat der Welt ein Pool, aus dem man sich zu Zwecken des Geldverdienens beliebig bedienen könne - Gene isolieren, synthetisieren, exklusivieren, kommerzialisieren. Das ist ein grausamer Irrweg.
Es gibt keine, wie dies die Lateiner nennen, "res extra commercium" mehr, nichts, was nicht vermarktet werden könnte. Als das Schaf Dolly mit seinem patentierten Herstellungsverfahren in das Licht der Öffentlichkeit blickte, machte die Börse einen Freudensprung. Was wird geschehen, wenn das erste geklonte Kind in der Welt ist und ganz niedlich aussieht? Wir haben uns daran gewöhnt, dass Leben machbar geworden ist, dass ein Kind nach Wunsch geboren werden muss. Der Druck wird immer größer werden, den genetischen Schadensfall auszuschalten, Leben ohne Zufall herzustellen. Arbeitgeber und Versicherungen werden schon dafür sorgen, der Wunsch von Eltern nach vermeintlich perfekten Nachkommen wohl auch.
"Politik", so hat Kurt Tucholsky geschrieben, "Politik kann man in diesem Lande definieren als die Durchsetzung wirtschaftlicher Zwecke mit Hilfe der Gesetzgebung". Der Satz ist weit über achtzig Jahre alt. Er ist von gnadenloser Aktualität - nicht nur in diesem Lande.

Abschließend möchte ich noch wärmstens einen Beitrag von Andrea Böhm in der ZEIT zur Lektüre empfehlen: "Im Land der Kindermacher - Eine Reise durch die Fortpflanzungsfabriken Kaliforniens. Amerika führt vor, was eugenische Raffinesse ist. Elitestudentinnen als Eizellen-Verkäuferinnen, Tote als Samenspender." Sie führt einem in bestechender Weise und überdeutlich vor Augen, wohin die Reise schon gegangen ist und nach den Wünschen der Macher weiter gehen soll. Und wer und was die treibenden Kräfte dabei sind. "Nein danke", sage ich, "Ich Will Das Nicht." Denn ihr Bericht lässt einen die ganze Perversion dieser Entwicklungen und der dahinterstehenden technokratischen Denke förmlich spüren.

Anselm Brakhage

P.S. Übrigens als Abwechslung zur üblichen Medienschelte mal ein Loblied auf gut genutzte Möglichkeiten das Internet: der gut aufbereitete und brandaktuelle o­nline-Dienst des Spiegel (er sei hier stellvertretend für andere genannt) stellt wirklich ein hervorragendes Informationsreservoir dar und kann echte Hilfe zur Meinungsbildung leisten.

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