Die massenhysterische Harry Potterei
15.06.2003
Von Wolfram Schütte, 25.11.2001
Der Nörgler spricht - Die massenhysterische Harry-Potterei
Obwohl ich nie vorhatte, auch nur einen Blick in eines der Bücher zu werfen (und es auch dann nicht getan habe, als manche Gleichgesinnte ihre Neugier aus literatursoziologischen oder zeitdiagnostischen Gründen auf die Bücher richteten), habe ich über Harry Potter, seine Autorin, ihren phänomenalen internationalen Erfolg, die Massenhyterie, die davon ausgelöst oder die zeitgeistigen Gedanken, die über das "Phänomen" in jeglicher Hinsicht geäußert wurden: - ich habe den ganzen Schreibmüll , nein, gar nicht "arrogant" umgangen, sondern ihn lesend konsumiert; auch als - ich glaube: in der "ZEIT" aus erziehungsliberaler Sicht - gegen eine Verfilmung, wenn ich nicht irre, sogar auf der Titelseite, polemisiert wurde, habe ich das gelesen, obwohl ich ja nicht die geringste Primärerfahrung mit dem Buch, resp. den Büchern gemacht hatte und schon gar nicht aus "erziehungspädagogischer" Sicht, mangels davon infizierter Eigen- resp. Enkelkinder, dazu gedrängt worden wäre, wenngleich sogar auch kinderlose Erwachsenen-Leser sich freimütig zur Harry-Potter-Lektüre bekannten; und dass angeblich die Autorin (sie soll sympathisch, sozial engagiert und wie ich auf einem Foto sah, zudem noch hübsch und nicht in die Jetset- oder Promi-Society aufgestiegen sein) -: dass diese Schriftstellerin, die einem deutschen Nobody-Verlag mit ihren Büchern wahrhaft sagenhafte Gewinne verschafft hat (was einen wie mich natürlich, wenn auch in Maßen, freut), schon das Ende der Hary-Potter-Geschichte geschrieben hat und das ultimative Potterbuch fix & fertig in einem englischen Safe ruhe, um publiziert zu werden, nachdem die noch fehlenden Zwischenstücke geschrieben und veröffentlicht worden sind: - auch das habe ich als bestaunenswerte Information in mich aufgenommen.
Sogar jetzt, als der Film nach dem Buch (oder der Bücher?) in die Kinos kam - erst in die britischen und usamerikanischen, worüber ja gleich bei uns berichtet wurde -, habe ich die "sensationellen" Erfolgsmeldungen gelesen, zuletzt sogar die Spekulationen des SZ-Kritikers Fritz Göttler, der sich Gedanken darüber macht, wie Spielberg, Lucas & Co. mit dem box-office-Erfolg der großbritannischen Gemütsergötzung, die ursprünglich ja nur für Kinder gedacht, also doch gerade für´s Kino wie geschaffen war, nun "umgehen" mögen - wo ihnen doch jetzt die Palmen der größten möglichen Einspielergebnisse der Kinogeschichte entrissen werden; und dass Göttler zudem einen einfältigen CSU-Hinterbänkler sich vornahm, der den Film für Deutschland erst einmal verboten wissen wollte, weil er schädliche hexistische Einflüsse auf "unsere" Kinderpopulation befürchtete, habe ich amüsiert gelesen. Das alles (und wahrscheinlich im Laufe der Zeit noch viel mehr) habe ich gelesen. Nicht aber gelesen habe ich, als ich jetzt im Wartezimmer bei einem Arztbesuch, den "Stern" zur Hand nahm und (wie auch in anderen Publicity-Blättern) dort mit einer mehrseitigen Foto-& Text-"Strecke" (wie das im Branchenjargon heißt) bestürmt wurde und mir sagte, wenn die nicht dafür bezahlt wurden, müssten sie schwachsinnig sein. Da muss, sagte ich mir, mindestens die eine Hand die andere gewaschen haben. Auch nicht gelesen, sondern nur bemerkt habe ich, wie jetzt in der FR eine dreiviertel Seite sich mit dem Film beschäftigte und berichtet wurde, dass Väter um 5 Uhr nachts mit ihren Kindern ins Kino pilgerten, damit die Schulpflichtigen behaupten konnten, sie seien nicht nur dabei, sondern auch noch unter den ersten gewesen. Aber erst recht nicht gelesen habe ich, was die deutsche Filmkrititik von dem Film hält, der ja mit der größten Zahl von Kopien, die bislang bei uns gleichzeitig auf den Markt kamen, selbst in sogenannten arthouses läuft; und was speziell jene Kollegenschaft davon hält, die das von jeher filmkritisch abscheuliche "Verfilmungs"-Genre nun ernstlich beackert und sich mit der lächerlichen Frage beschäftigt, ob der Film der literarischen Vorlage "adäquat" ist, sie verfehlt ("trivialisiert") oder übertroffen hat. Ich habe das nicht nur nicht gelesen, weil ich nicht geringste Lust verspüre, mir das ungelesene Buch nun doch noch im Kino anzusehen und mich deshalb womöglich über dessen mögliche kinematografische Qualität informieren lassen möchte; sondern weil ich - noch nicht einmal lesend - an dem konformistischen Verfall der Filmkritik zum Promoter eines Geschäfstinteresses teilhaben wollte, das sintflutartig alles überschwemmt und selbstverständlich ohne die vor- oder nachkostende und abschmeckende Beteiligung der Filmkritik längst als Selbstläufer und selffulfilling prophecy "funktioniert". Also auch auf die Mitwirkung der Filmkritik hätte verzichten können? Nein, ohne sie hätte der massenhysterischen Veranstaltung aus dem Bilderbuch der Luhmannschen Gesellschaftssozio- & philosophie, ohne sie hätte dem totalitären Phänomen der letzte Kick, nämlich gewissermaßen der "geistliche Segen" gefehlt, der besiegelt, dass sich niemand und nichts dem Erfolgsdruck entziehen kann - und: darf. Kein Filmkritiker hätte dazu schweigen dürfen, falls er es gewollt hätte: die Chefredaktion hätte es ihm verboten. Und warum hätte er schweigen sollen, wo ja alle von der schreibenden Zunft "im Interesse ihrer Leser" immer nur wieder von Harry Potter das Neueste geschrieben und publiziert haben - seit nunmehr mehreren Jahren? Und auch die - wie ich -, die weder Buch noch Film je lesen oder sehen möchten, von der totalitären massenmedialen Ausbreitung des Phänomens affiziert wurden?
Man bekommt - gewiss auch die harmloseste Art - derzeit einen tiefen Eindruck von dem allgewaltigen & allseitigen Druck, den die gesellschaftliche Ausbreitung einer Ideologie der Zustimmung und Teilhaberschaft auf einen ausübt: wie sie einen, erst recht durch die Vielzahl unserer Medien und deren wechselweisen Handwaschungen in der Zirkulation von Nachricht und Konsum, so richtig durchknetet und nicht entkommen lässt und einen sogar zur halbherzigen, fingierten, gar nicht die Sache selbst goutierenden Mitwisserschaft zwingt.
Wenigstens diese Ahnung eines Schattens, den die derzeitige Harry-Potterei wirft, möchte ich zu Protokoll geben dürfen, wenn auch um den Preis, mich als Spielverderber, Nörgler, Gutmensch , Schwarzmaler oder Alarmist, auf jeden Fall als Miesmacher erkennbar & lächerlich zu machen. Denn die Rolle des Abweichlers im einstimmigen Medien- & Resonanz-Schauspiel des Augenblicks schien mir durch den Auftritt nur eines CSU-Idioten noch nicht hinreichend besetzt zu sein. Wolfram Schütte
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