Nach Pisa
28.03.2004
Mathias Tretter, 04.03.2002
Als ich zur Schule ging, irgendwann in den düsteren Achtzigern, war Pisa noch eine Stadt in - ja, wo eigentlich? Jedenfalls gab's einen Turm dort, der voll schräg war; d.h. bis ihn Superman im dritten Teil geraderückte (das natürlich, bevor Christopher Reeves vom Pferd in den Rollstuhl fiel). In Erdkunde hatte ich eine Drei und in Deutsch hatte ich auch eine Drei, wegen der Wiederholungen. Religion wählte ich ab, wegen Superman.
Heutzutage wissen die Blagen nicht einmal mehr, daß Christopher Reeves Clark Kent spielte, der wiederum das alter ego von Superman war. Aus Türmen sind Tower-PCs geworden und Pisa ist nur noch für ewig Gestrige eine Stadt; alle anderen schreien auf bei dem Namen, gepiesackt von ihrem Wissen ums Nicht-Wissen. Weshalb, fragt man sich. Weshalb die Aufregung über ein paar dösige Pennäler? Selbst Deutschlehrer kennen die korrekte Schreibung von 'geraderücken' nicht, noch von 'ewig Gestrige'. Ganz zu schweigen von Professoren und den Reformern der Reform der Rechtsschreibreform. Sogar über Genitivreihen muss man sich keine Gedanken mehr machen.
Der Kommission tut es übrigens leid, so stand für die, die es noch gelernt haben, zu lesen. Mit der Orthographie hat man eben ein paar Jahre ein bisschen Mist gebaut, das kann passieren. Glücklicherweise sind ja auch alle Oberstufenreformen in die Hose gegangen; da kürzen sich die Mißerfolge weg. Minus mal Minus gibt Plus, rechnen die, die es noch gelernt haben.
Trotzdem: Dass wir Dichter, Denker und Wintersportler unter anderem von den windigen Japanern gedemütigt wurden, stimmt schon nachdenklich. Warum nur, nach den wunderbaren siebziger Jahren, nach all den erfolgreichen Anstrengungen der Agitpädagogik? Kann das nicht einfach an den Fragen gelegen haben? PISA, also bitte. An deutschen Schulen geht es um wichtigere Dinge als umbrische Touristenfallen! Damit mag der Japaner was anfangen können - pleite ist er dennoch.
Selbstverständlich sind auch die Lehrer schuld. Das kann Ihnen jeder sagen, der mal zur Schule gegangen ist: Deutsche Bildungsbeamte - keine Ahnung, aber Geld und Ferien ohne Ende; Burn-out mit 40, aber unkündbar. Und die Klaßleiterin der 10b macht zum dritten Mal Babypause. Die sollten wirklich einen Sitzkreis bilden und über ihr Verhalten nachdenken.
Weitere Verbesserungsvorschläge, die das Feuilleton bislang vernachlässigt hat, wären etwa: mehr Geld für die Alphabetisierung von Lehramtsstudenten; mehr Geld, um außer den jährlichen Käufen neuer DUDEN-Ausgaben das Dach zu reparieren; mehr Geld für die Anwerbung indischer Schüler. Optional sollte über einen Fond zur Verfolgung von Lateinlehrern nachgedacht werden. Übrigens: Damals, in den düsteren Achtzigern, fuhr ich mit meinen Eltern irgendwann nach Pisa. Ich schrieb eine Erlebniserzählung darüber, auf die ich eine Drei bekam. In der Schlußbemerkung meines Deutschlehrers hieß es: "Gute Ansätze in Aufbau, Stil und Handlungsführung. Leider lässt die Orthographie zu wünschen übrig." Ich hatte das zweite n in Superman vergessen.
Mathias Tretter
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