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Donnerstag, 17. Mai 2012 | 08:33

Der Silvio - ein Traum

28.03.2004

Mathias Tretter, 08.04.2002

 

Ich habe einen Traum: Eines Tages, vielleicht schon morgen, sitze ich mit Stefan Effenberg auf der Bank. Er und ich, ohne Klassenunterschied. Er der offensive Offensive, ich vom defensiven Mittelmaß. Gleichberechtigt, gleichverschmäht. Wir müssen draußen bleiben. Auf der Bank, im Arbeitsamt von München-Grünwald.

"Das ist ja quasi ein Albtraum", paulanert Kaiser Franz, der neben uns kauert, in sein Handy. Auch ihn hat es hart getroffen. Die Umschulung zum Floristen kommt für ihn nicht in Frage. Jedenfalls nicht vor Weihnachten. Obwohl seine Chancen sich damit ins Realistische steigern würden. Denn ALDI, der nachnominierte Ausrichter der WM im eigenen Land, sucht jetzt schon Kräfte, die 2006 den Endspiel-Rasen gestalten. Aber der Franz mag halt einfach nicht. Außerdem: Blumigkeit, das kann er eh schon. Seit Jahr und Tag streut er seine Pflanzerln, arrangiert Stilblüten, dekoriert die bunten Blätter. Was braucht er da den Kurs von der IHK? Und noch dazu jetzt, wo der Silvio kommt.

Silvio, so stellt die Traumhandlung nach ein paar unappetitlichen Tagesresten klar, Silvio ist unser neuer Sachbearbeiter. Frisch aus der italienischen Spitze wegverpflichtet, im Zuge der BfA-Reform. Kaiser Franz baut ganz auf ihn. "Ein Weltklassemann im Mittler-Feld, der Silvio. Der wird uns allen neue Stellen zuspielen." Effe ist wie immer anderer Meinung. Über den Stadionlärm auf dem Korridor brüllt er, der Silvio sei vor allem ein beschissener Skandal: "Ausländer - und bekommt 'nen Job beim Staat! Sind wir wieder soweit?!" - "Wieweit?", möchte ich fragen, aber die Tür geht auf und Silvio winkt mich herein. Als Ersten, natürlich. Er sieht tatsächlich so aus wie in seinen Fernsehbildern: Gerd Rubenbauer unter dem brillantinen Deckhaar von Jacques Chirac. Er sagt "Ciao!". Ich gebe mich gewohnt jokos und scherze "Struuunz!". Er lacht nicht. Es ist ihm ernst mit meinem Fall. Nein, für Kritiker habe er immer noch nichts und werde er auch nichts bekommen. Ob ich es mir nicht doch nochmal überlegen möchte mit der Umerziehung zum Dekorateur? Da würde ich immerhin das Tausendfache verdienen und könnte unter Uli Hoeneß arbeiten. Als ich trotzdem wieder etwas von Literatur entgegne, Schnitt durch mein Über-Es: Eine Großaufnahme zeigt mir Silvios fetten Zeigefinger, den ich eigentlich gar nicht sehen dürfte, an einem Knopf unter der Schreibtischplatte. Er drückt. Ich falle.

Ich hatte einen Traum, bis gerade eben. Es ist Samstag, 7.43 Uhr. Noch ein paar Stunden bis zum Abpfiff. Wer dann auch immer eingewechselt wird, Silvio, Rupert oder ein anderer medialer Vorstopper - wir werden verlieren. So sind nunmal die Regeln der Globalisierung, selbst wenn wir den Kirch im Dorf gelassen hätten. Wie immer bleibt auch ein kleiner Trost, oder zumindest die Hoffnung darauf: Mit unserer Öffentlichkeit, d.h. mit der Bundesliga, wird vielleicht endlich ran verschwinden und die Frage, wie sich der Schütze gefühlt hat beim 0:1. Und die gleichermaßen demente Antwort darauf. Und abseitige Analysen. Und nie mehr Werner Hanschs Verbalbulimie! Und...- fast schon wieder ein Traum.

Mathias Tretter

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