Preiserhöhungen jetzt
28.03.2004
Mathias Tretter, 03.06.2002
"Ja, Indien - man hasst es oder man liebt es!" Sogenannte Traveller sagen sowas; nette junge Menschen, die mit Rucksack und Gore-Tex-Sandalen den Rückweg zum Primitivismus suchen. Die, die schon da waren, sagen es zu denen, die noch hin wollen. Und zu allen anderen.
Ich habe auch einen Rucksack, und selbstverständlich wollte ich mir, früher einmal, auch die Freiheit nehmen, die es bekanntlich nur in Dritt-Welt-Ländern gibt. Ich flog, mit theatralisch zur Schau gestelltem schlechten Gewissen wegen des Flugbenzins. In Indonesien angekommen, in einem dieser super-superbilligen Guest-Houses, hörte ich zunächst die Empfehlung eines Verkaufsstandes mit Teigbananen, dann das Diktum über Indien. Von einer Nürnbergerin, die sich unter anderem Sorgen um ihre zuhause gebliebenen Zimmerpflanzen machte.
Warum erzähle ich das? Weil ich gerade wieder einmal zurückgekommen bin. Aus Südfrankreich, wo der Traveller Tourist heißt und aus dem Rucksack längst ein VW-Bus geworden ist. Nürnbergerinnen sind dort selten, man verbraucht Normalbenzin, man übernachtet bei Freunden, deren Eltern Häuser an der Atlantikküste haben. Jürgen W. Möllemann ist auf keinem einzigen Sender zu hören und die FN-Plakate bringen mich vor allem zum Grinsen, seit mir ein französischer Freund erzählt hat, er wähle Le Pen wegen des Kribbelns, das er spürt, wenn er danach seine marxistische Freundin küsst. Können Sie sich das mit Richter Schill vorstellen?
Ja, Frankreich - ich dachte, ich liebe es. Doch diesmal hat das Wiedersehen unsere Beziehung getrübt. Denn ich vermisste Antoine, schmählichst. Seinen Blick, sein Flugzeug, seinen Elefanten im Bauch einer Schlange: Ciquante Francs, mit Antoine de Saint-Exuperys blauem Lächeln vor dem Hintergrund Afrikas und Europas. Stattdessen übergewichtige Architektur in grässlichen Farben. Was kümmert mich die Teuro-Diskussion, was gehen mich die Sitzkreise und Jammerforen nöliger Verbraucher an? Mein Gott, soll der Sellerie doch zehn Euro kosten - Antoine de Saint-Exupery ist verschwunden! Zum zweiten Mal!
Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin ein großer Anänger der Währungsunion; allein schon, weil ich Kaffeeautomaten hasse und jener um die Ecke die 20-Cent-Stücke nicht von den einen Euro teuren Wertmarken unterscheiden kann. Aber das Einkaufen in Frankreich ist zur reinen Transaktion verkommen. Welche Tragik wohnte früher dem Erstehen eines edlen Käses inne: Hin- und hergerissen zwischen dem kleinen Prinzen und einem Camembert mit in Calvados getränkter Kruste! Heute ist mir einfach nur schlecht von all den Roqueforts, Coulommiers, Cremouillons. Denn es bleibt nur eine Abhilfe: Man sollte sie schnellstmöglich loswerden, die schlechten Noten der eutopäischen Einigung. Das aber heißt: Kaufen, kaufen, kaufen und zukünftig auf die Raffgier des Einzelhandels bauen. Hören Sie mich, Frau Künast: Preiserhöhungen, jetzt!!
Was bleibt sonst? Zwei französische Fünfziger in meiner Schreibtischschublade. Ich liebe sie.
Mathias Tretter
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