Danke, Deutschland
28.03.2004
Mathias Tretter, 08.07.2002
Mögen Sie Bahnhofsbuchhandlungen? Ich mochte sie. Zuerst die Öffnungszeiten, natürlich: Man ist schon betrunken, kann aber eben noch eine Erzählung kaufen. Die Verkäuferinnen, die immer so naturtrüb lächeln, als hätten sie den letzten Zug verpasst. Das Regal mit den Bänden von Javier Marias, das einen angrinst, wenn sie den Mann (Thomas) grad nicht da haben - sie könnten ihn bestellen, wenn man morgen nochmal käme. Doch Bahnhofsbuchläden liegen im Nichts, wie Autobahnraststätten. Dorthin kehrt man nicht zurück.
Ich mochte das. Bislang. Bis ich heute, wieder einmal, ins vertraute Neonlicht trat, um den neuesten Houellebecq mitzunehmen. Ein bisschen spät, das wusste ich und war vorbereitet auf Marias. Es stellte sich als unnötig heraus. Denn Spanier und Franzosen waren allesamt verschwunden. Ebenso die Engländer. Und Amerikaner, sogar die südlichen. Portugiesen, Dänen, Inder - weg. Dito Russen, Ungarn, Schweizer. Italiener, Eco!, hatte es ohnehin nie gegeben. Selbst Deutsche: Fehlanzeige! Nicht einmal ein Hesse!
Nur dessen Brille starrte mich an, schwarz auf weiß, von allen Wänden. Darunter der gewohnte Suhrkamp-Schriftzug und der dümmste Titel dieses Sommers: Tod eines Kritikers. Ich wollte mich schon echauffieren, hatte aber Angst, als Jude angesehen zu werden; man weiß ja nie auf deutschen Bahnhöfen. Schließlich schlich ich unbehelligt zu Gleis Neun Tja, jetzt ist es raus. Kein Wort, keinen einzigen Gedanken wollte ich verlieren zur jüngsten Paulskirchiade des versehrten Walser. Seit Wochen werfe ich jeden Morgen zuerst das Feuilleton weg, bevor ich meine überregionale Tageszeitung aufschlage; auch SPIEGEL-Leser wissen nicht mehr, zumindest nicht in diesem Fall.
Was sie wissen, d.h. was alle wissen, ist, dass es um einen sprachgestörten Literaturpapst geht, dessen blutverschmierter Pulli einen anderen mordverdächtig werden lässt. Am Ende allerdings, haha, war's nur Nasenbluten. Das, meine Damen und Herren, ist der Status quo. Das, meine Damen und Herren, ist die deutsche Hochkultur nach der Jahrtausendwende. Darüber erregen Sie sich und das, meine Damen und Herren, kaufen sie - mit einem Furor, dass die Großhändler nicht nachkommen. Man muss sich wundern, auch wenn man es doch nicht wollte - wundern darüber, dass die jubilierende BILD-Zeitung ihn noch nicht für sich entdeckt hat, den Harald Juhnke unter den Spätheideggern: Danke fürs Vergessen! und Es gibt nur einen Martin Walser!
Das jeden Morgen, vier Millionen mal, an jedem Bahnhofskiosk, zu dem man nicht zurückkehren möchte.
Mathias Tretter
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