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28.03.2004
Mathias Tretter, 26.08.2002
David Small ist groß. Sein Buch hat zwar nur 26 Seiten, aber es leuchtet. Am anderen Ende des dämmrigen Raumes, den er dafür geschaffen hat, liegt es auf seinem Podest, handgefertigt und überformatig, und erregt Staunen. Das Fluoreszieren des Papiers stellt die verlorene Aura des Kunstwerks wieder her, man bezeigt Reverenz. Ein Angeber wispert: "Prospero!" Ein anderer: "Altar ohne Gott. Die heilige Schrift - ohne Schrift!" Und das alles in Kassel.
Ich freue mich trotzdem. Jetzt kommt eine Dritte und blättert, Aura hin oder her. Sie lässt die Hand über die Seite gleiten: Buchstaben verschwinden, entstehen neu, kollidieren, verschieben einander, gruppieren, formieren und verlieren sich wieder. Noch das kleinste Zittern der Besucherin verändert die Syntax, ihre schwebenden Finger schreiben das Buch. "Smalls Leserin wird Autorin wird Leserin wird Produzentin und Produkt des Diskurses, dessen Zeichen sie lustvoll ausgeliefert ist. Dass diese ursprungslos scheinen, weil dank modernster Technik die Projektoren nirgends zu sehen sind, vervollständigt ihre Magie."
So sollte es eigentlich im Katalog stehen, doch der spricht von Politik. Denn die documenta 11 ist nun mal politisch, eminent politisch. Das muss man einfach mitdenken. Wie sonst begreifen? -etwa die Räume begreifen, deren verpickelte Interieurs mit Zeitungsschnipseln, Klosprüchen und ein bisschen Scheiße den Besucher wehmütig an die Teestube der Schülermitverantwortung denken lassen; die videographierte Bedeutungsschwangerschaft, die sich schlicht und einfältig in zehn oder zwanzig, statt einem Bildschirm entbindet; die Dritt-Welt-Artisten mit Installationen aus unfair gehandeltem Kaffee.
Es gibt Großes auf der Kunstschau, David Smalls Projekt, wie gesagt, oder Annette Messagers düsteres Plüschtier-Purgatorium, das dem Besuch endgültig die Behaglichkeit nimmt, und anderes. Der Rest jedoch ist Politik - und daran muss die Ausstellung scheitern; gar nicht so sehr, weil sich bekanntlich niemand mehr dafür interessiert oder weil in vielen Arbeiten greinendes Gutmenschentum die Ästhetik verweint; nein, sondern schlichtweg, weil es Politik bei uns nicht mehr gibt.
Walter Benjamin hat in der Ästhetisierung der Politik einen Grundzug des Faschismus erkannt. Aber selbst einen solchen kriegt der wahlkämpfende Deutsche nicht mehr hin, so sehr er sich auch bemüht: Joggen mit Joschka, Stottern mit Stoibers, Gerd in Doris, Sachsen und Gummistiefeln, und aus einstigen Stahlgewittern ist die 18-Prozent-Mortadella in blau-gelber Pelle geworden, die vor Supermärkten einschlägt. Das Ganze täglich auf zehn oder zwanzig Millionen Bildschirmen, mit der FDP als absoluter Metapher und interaktiv durch ARD-Wahllotto - wofür, bitte, brauchen wir eine politische Kunst?
Wir brauchen Bücher. Bücher, wie jenes von David Small, Schriften, die mit uns, in uns und aus uns entstehen. Oder vielmehr: Sie brauchen uns. Denn es gibt sie ja längst, in jeder Stadtbibliothek, von Andersch bis Zuckmayer. Und wir brauchen Jürgen W. Möllemann - als Readymade auf der documenta 12.
Mathias Tretter
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