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Donnerstag, 17. Mai 2012 | 08:37

Die kuschelige Nehrung

28.03.2004

Mathias Tretter, 14.10.2002

 

Mal ehrlich: Wo wären wir ohne Litauen? Ohne die kurische Nehrung? Ohne Litauisch, das, wie wir ja alle wissen, dem Sanskrit ähnelt? Ohne moderne Musik aus Vilnius und ohne Tomas Venclova, Renata Serelyte und Jurga Ivanauskaites "Regenhexe"? Mal ganz ehrlich: Wir wären verloren. Ohne den Länderschwerpunkt müssten wir uns in den anderen Hallen der Buchmesse aufhalten. Denn die Außenluft ist zu kalt zum Verweilen und überdies kontaminiert vom Geruch überteuerter Frankfurter - mit Senf, bitte.

Bei den Litauern dagegen hat man es kuschelig und es duftet nach dem Nationalgetränk, das großzügig von einer litauischen Firma aus Turin spendiert wird: Cappuccino - in Tassen mit EU-Zulassung, ganz nach dem Messemotto "Bridges for a World Divided". Die Podiumsdiskussionen werden in gedämpfter Lautstärke geführt, die landeskundlichen Broschüren sind dünn und hochglänzend, man kann gefahrlos rauchen, und später wird es gar Sekt geben, aus dem rheinischen Baltikum. Vorzüglich, wirklich vorzüglich, aber ich muss weiter!

Weiter in Halle 3, wo gerade Dr. Michael Naumann Jonathan Franzen nach Oprah Winfrey fragt, während sich gegenüber Sigrid Löffler kaum die Frisur zurechtrücken kann, so klein ist ihr Stand dieses Jahr. Dafür wird sie äußerlich Oprah immer ähnlicher, eine Art Photo-Negativ der amerikanischen Buchklubberin. Die meisten anderen Frauen ihrer Altersgruppe indes, die jetzt in Franzens schwiegersonorer Stimme vergehen, sehen aus wie Hellmuth Karasek. - Und haben Sie den Rest der Mischpoke gesehen? Mein Gott, der kann einem wirklich den Rest geben, hahaha. Morgen wieder hier?

Nein. Nein, ein Tag auf der Buchmesse ist mehr als genug; auch wenn Roger Willemsen, der anerkannte Rocker unter Deutschlands Habilitierten, prahlt, es sei großartig, er saufe und schwitze die ganze Zeit. Er war eben schon immer ein bisschen härter, Roger, die alte Messehippe! Außerdem wird er dauernd erkannt und von den Karasek-Tanten geknuddelt, denen ihr Jonathan mittlerweile abhanden gekommen ist: das stählt. Unsere Brillen beschlagen nur vom eigenen Dunst. Um sieben werden auch bei den Litauern die Stühle hochgestellt; also wieder raus in die Kälte. Weil wir weder gesoffen noch allzu sehr geschwitzt haben, fühlt sich der Weg zum Auto großartig an.

Wir sind draußen, wir atmen, wir haben uns, außer der diarrhöischen Frage nach unserem "Lieblingsbuch auf der Messe", mit der sich eine ihrerseits zwar transpirierende, jedoch nüchterne NDR-Charge in unsere Rolltreppe warf, nichts geholt. Jetzt nur noch rasch, wie abgemacht, zum Literaturtalk im Römer. Als wir ankommen, interviewt MC Gisela Marx gerade den Jungautor David Wagner, der etwas irritiert wirkt: Wieso fragt die dauernd ihn, er hat sich doch gar nicht gemeldet! Angesichts seines Konfirmandenschmelzes beschlabbert sich eine übrig gebliebene Schwiegermutter in spe, die sich schließlich als Karasek selbst herausstellen wird. Der Rest der Damen ist peinlich gerührt.

Ganz anders da die Marx-Schwester auf der Bühne. Die hat endlich einen Milchbuben gefunden, dem sie mal zeigen kann, wo das Alter die Pointen holt. Es geht um eheähnliche Beziehungen - und süffisant läßt sie uns spüren, dass sie schon viel öfter abgespült hat als der Rotzlöffel. Das Buch des miesen kleinen PISA-Versagers heißt übrigens "Was alles fehlt".

Wenig später haben wir unser Anstandsbier geleert und können uns endlich zum Parkplatz entfernen. Glücklich verpassen wir Ko-Talkmaster Dr. Holger Noltzes Frage an die Litauerin Renata Serelyte. Er wisse ja, dass man Erzähler und Autor nicht verwechseln dürfe - aber, Hand aufs Herz, das Mädchen in Ihrem Buch sind doch Sie?! Nur ihre wunderbare Antwort auf Noltzes vorhergehende Einfältigkeit vibriert noch lange wärmend in unseren Ohren: "Für Literatur", lächelte sie, "darf man nicht talentiert sein." - Wo wären wir ohne Litauen!

Mathias Tretter

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