Strange Love - Wie wir lernten die A-Bomben zu lieben
28.03.2004
Wolfram Schütte, 18.03.2002
Noch nie, denke ich im Augenblick, wäre die Existenz der Sowjetunion notwendiger gewesen, als heute - um die amerikanischen Militärs in Zaum zu halten. Denn das sogenannte "Gleichgewicht des Schreckens" hat jahrzentelang dafür gesorgt, dass die Versuchung, mit Atombomben kriegerische Konflikte zu kontaminieren, nicht zur Tat wurde. Insofern sind die verachteten, geflohenen oder hingerichteten Spione (von Klaus Fuchs bis zu den Rosenbergs), die der UdSSR Stalins (!) die Alamo-Geheimnisse verraten haben, die in Hiroshima & Nagasaki demonstrativ "ausprobiert" worden waren, doch wieder zu Agenten des Hegelschen Weltgeistes und seiner Listen geworden. Das und die darauf gegründete Bi-Polarität der Weltpolitik hat den nuklear bedrohten Frieden gesichert, wie prekär er in der letzten Hälfte des 20.Jahrhunderts auch gewesen sein mag; wenigstens war er nicht nuklear verseucht.
Als General Mac Arthur im Korea-Krieg den chinesischen Nachschub für Nordkorea am Amur durch Atombomben unterbinden wollte, hat dieser Wunsch den hochdekorierten Sieger über Japan Amt & Würde gekostet. Natürlich wurde seither im Strategic Air Command - Kubriks "Dr. Strangelove" hat uns eine audiovisuelle Vorstellung davon gegeben - weiter über Atombomben als strategische Waffen nachgedacht. Sie sind ja die ultima ratio der Vernichtung des Feindes, kürzer kann ein Prozess militärisch nicht gemacht werden, erst recht dadurch, dass er keine eigenen Menschenleben kostet - ein Gedanke, der nach dem Desaster des vietnamesischen Landkriegs und seiner amerikanischen Opfer (die freilich nur ein Bruchteil der vietnamesischen waren), als "saubere Option" für die usamerikanischen Militärs immer verführererischer geworden ist. Sie zielen ja schon lange auf einen Krieg mit Präzisionswaffen. An die Stelle von technisch hochgerüsteten menschlichen Kampfmaschinen, die von "Rambo" zum "Terminator" fortgeschritten sind, sollen am besten Objekte treten, die von Computern in Echtzeit programmiert werden. Die kurzzeitig , noch während der Balance of Powers, in Spekulation gebrachte Neutronenbombe, die Menschen vertilgte, die Objekte aber an ihrem Platz beließ, war noch auf die Nutzung des materiellen Kapitals gerichtet. Das ist mittlerweile wieder gleichgültig geworden; besser scheint´s, wie man es schon in Vietnam wünschte, den Feind "in die Steinzeit zurückzubomben". Koste es, was es wolle.
Es ist ebenso erstaunlich wie beängstigend, dass z.B. die bundesrepublikanische Gesellschaft und ihre veröffentlichende Meinung, die jüngsten Überlegungen der Bush-Regierung, künftig auch mit Atom-Waffen Frieden schaffen zu wollen, so gelassen hinnimmt, als handele es sich bei dieser 56 seitigen, vom amerikanischen Verteidigungsminister abgezeichneten Strategie-Papier und der darin politisch-ökonomisch in Aussicht genommenen Atombomben-Option der USA nur um ein neues Computerspiel zur Beschäftigungstherapie von frustrierten Pentagon-Generälen. So hat weder die SZ noch die FR das Thema zur Schlagzeile gemacht, sondern die eine unter "Atomare Planspiele" eher ironisch abgehakt und die andere als "Aufsetzer" in den unteren Bereich ihrer Titelseite versetzt. Und die FAZ spricht in einem kleinen Feuilleton (!) -Beitrag davon, dass dadurch "die Welt an der Schwelle zu einem neuen Atomzeitalter" stehe.
Die Befürchtung, die USA würden nach dem Twin-Tours-Attentat mit Atombomben "antworten", war ja in vielen Köpfen, die sie damals schon nicht zu äußern, sondern nur angstvoll zu befürchten wagten. Und wenn die Täter des Verbrechens eine eindeutige Anschrift gehabt und sich nicht weitgehend in der Anonymität aufgehalten hätten, wäre ein solcher "Gegenschlag" schon damals so unwahrscheinlich nicht gewesen - angesichts der Ungeheuerlichkeit der öffentlichen Demütigung der USA. Weil eine schnelle und machtdemonstrative Vergeltung ausblieb, hat man die amerikanische Regierung für ihre "Besonnenheit" allseits gelobt, und speziell hierzulande haben sich selbsternannte "Amerikafreunde" über die Ängstlichkeit des "antiamerikanischen" Ressentiments, das die "Cowboy-Mentalität" der konservativen US-Regierung an die Wand malte, hämisch hergemacht.
Wahrscheinlich trifft weder das eine noch das andere zu - oder beides zugleich. Der "Cowboy" hat nicht panisch um sich geschossen, sondern "besonnen" das Indianer-Gelände sondiert und ist dann mit der Kavallerie zurückgekehrt, die nun ein für allemal im Wilden Osten, mit der "Achse des Bösen", den alten Feinden Russland & China aufräumt und systematisch alle Terroistennester "ausräuchert", wo immer sie sie vermutet.
Die Weltmacht, die sich im Voll- & Alleinbesitz der alle überlegenen Waffensysteme wähnt, hat seit dem 11.September systematisch & Zug um Zug sowohl ihren Verbündeten & Freunden als auch ihren Vertragspartnern von Gestern und erst recht ihren heutigen Gegnern und Feinden unmissverständlich vor Augen geführt, dass sie allein fortan bestimmen will, was global politisch, militärisch & (last, not least) wirtschaftlich von ihren Gnaden erlaubt und was verboten ist. Wenn das nicht nur imperial, sondern nicht auch zugleich imperialistisch ist - was wäre es dann? What´s good for America is even better for the rest of the world oder "Von den USA lernen, heißt siegen lernen".
Im Lichte dieses weltmachtpolitischen Fundamentalismus, der alle kompromisshaft vereinbarten Balanceabsprachen gegen eine nukleare Selbstvernichtung der Menschheit jetzt einseitig zur Makulatur einer obsoleten Diplomatie erklärt, müssen alle Regierungen, die sich auf das Wort der USA in der Vergangenheit verlassen haben, sich als Gutgläubige düpiert - und mehr noch: bedroht - sehen. "Vertrauen", auch pragmatischer als "Berechenbarkeit" im diplomatischen Geschäft einstmals en vogue, wird damit verschrottet: Kontrolle ist besser, lautet die leninistische Devise der amerikanischen Regierung, die sich von einer nahezu monolithischen Zustimmung im eigenen Land getragen sieht, das kein Wenn oder Aber zulässt, sondern nur ein Wann & Wo diskutiert. Und jetzt also auch keine Bedenken mehr beim womit - nämlich mit Atombomben.
So könnte doch noch wahr werden, was Fukujama vor dem Ende der bipolaren Weltordnung als optimistische Vision unserer aller Zukunft prognostizierte, wenn auch dann in ihrer pessimistischen Version: das Ende der Geschichte. "Ich habe es nicht gewollt", lässt Karl Kraus seine "Letzten Tage der Menschheit" mit der "Stimme Gottes" ausklingen. Wir aber, wir haben es gewollt.
Wolfram Schütte
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