Witz, dein Name ist Müller
28.03.2004
Wolfram Schütte, 01.04.2002
Ein Saarländer erklärt uns ein Schauspiel
Als Heribert Prantl, der überragende innenpolitische Ressortleiter der "Süddeutschen Zeitung", am vergangenen Samstag die ebenso grotesk verlaufene wie verfassungsrechtlich umstrittene Bundesratsabstimmung zum Einwanderungsgesetz kommentierte, sprach er davon, dass zwischen den unter der Federführung des saarländischen Ministerpräsidenten Peter Müller nach den wiederholten Wünschen der CDU/CSU "nachgebesserten" und dem von der rotgrünen Koalition nun zur Abstimmung gebrachten Gesetz nicht "Welten, sondern nur die Bundestageswahlen" lägen. Diese treffende Metaphorik brachte die destruktive Wahl-Strategie Stoibers auf den Punkt; und weil Peter Müller am besten wußte, daß vom Bundesrat ein Gesetz ratifiziert werden sollte, bei dem die Regierung der Opposition fast um den Preis der Selbstachtung entgegengekommen war, paraphrasierte der brillante Leitartikler Prantl Hamlets Satz "Schwachheit, dein Name ist Weib", indem er dem von Stoiber zurückgepfiffenen Saarländer zurief: "Feigheit, dein Name ist Müller".
Das war neben der sachlichen Triftigkeit natürlich auch deshalb ein wunderbarer Witz, weil das hohe Pathos der "Feigheit" mit dem deutschen Allerweltsnamen Müller auf ein geradezu lachhaft banales Niveau herunterkam, wo es ja auch hingehörte. Prantl konnte nicht ahnen, welche Folgen seine ironische Anrufung Shakespeares haben würde und erst recht nicht, wie schnell der Geist von Stratford upon Avon die "Frühlingssommernacht" einer deutschen politischen Komödie schreiben würde, deren Puck Müller (engl. Miller) heißen würde.
Denn ich behaupte, dass der als "Feigling" apostrophierte saarländische Ministerpräsident tollkühnen Mut beweisen wollte, als er einen Tag später im Staatstheater Saarbrücken einen Vortrag mit dem Titel "Politik und Theater - Darstellungskunst auf der politischen Bühne" halten sollte. Er ist, sage ich, von Prantl zu jenem Geständnis provoziert worden, welches das bislang bloß metaphorisch von den Journalisten so genannte "Bundesratstheater samt Eklat", in dem der kaltfischige Hessische Ministerpräsident Roland Koch den empörten Rüpel spielte, als einen von A bis Z spektakulär inszenierten Theatercoup der CDU/CSU aufdeckte. Was eine spontan-eruptive Erregung von CDU/CSU Verfassungshütern zu sein schien, sollte genauso aussehen - wie ( und vorallem weil) man in der Nacht vorher in einem "kleinen Zimmerchen in einer großen Parteizentrale" es so abgesprochen hatte. Peter Müller hat das einer staunenden Mitwelt im Saarbrücker Staatstheater enthüllt, und selbst die postmodernen journalistigen Kommentatoren, die schon immer behauptet hatten, Politik sei (heute mehr noch als früher) nur eine medienwirksame, theatralische Inszenierung, waren baff über diese unverhoffte Offenbarung aus erster Hand (oder erstem Mund?). Potzblitz: eine längst ausgelaugte rhetorische Metapher war de facto: Wirklichkeit! Zu wahr, um schön zu sein - zumindest für die davon Überraschten.
Mit der noch nicht vom egomanischen Machtinstinkt abgebrühten Unschuld eines Provinzpolitikers hatte Peter Müller damit das für´s Publikum immer wieder schockierende Betriebsgeheimnis von Poesie und Schauspielkunst benannt: dass nämlich deren emotional erschütterndste Ausdrucksformen und Resonanzwirkungen mit der äußersten Kälte souveräner Verfügungsgewalt über die eigenen Mittel (re)produziert werden. Aber dass "Politiker Schauspieler sind" (Müller), dürfte in einer Gesellschaft, in der Schröder "als begnadeter Selbstdarsteller" gefeiert und der hölzerne, dialogunfähige Stoiber dafür gelobt wird, dass er sich einen versierten Medienberater engagiert hat, der ihn ummodeln und sein Erscheinungsbild à jour gestalten soll, doch eigentlich nicht als Neuigkeit gelten. Offenbar haben alle, die bislang vom "Theatralischen der Politik" gesprochen haben, obwohl sie doch den "Komödienstadl" in der Regie von Sabine Christiansen wöchentlich goutieren und die Entlassung der jeweiligen politischen Heldendarsteller aus den gespielten Rollen im allgemein fröhlichen Beisammensein der eben noch Zerstrittenen während des Abspanns der Sendung regelmäßig sehen können -: offenbar haben aber alle diese Beobachter der medienpolitischen Szene ihren kühlen Kopf verloren, als die CDU-Empörlinge Hitzköpfe spielten und sie mit einem sehr gut inszenierten Bundesratsspektakel in die "Authentizitätsfalle" lockten. Und weil der dem Witz und Scherz schon früher nicht abgeneigte Peter Müller auf den "Brettern, die die Welt bedeuten" voller Stolz und in edler Einfalt die inszenatorischen und darstellerischen Leistungen seiner Mitspieler als spektakulärstes Beispiel besonders gelungener "politischer Kommunikation" herausstreichen wollte, sind alle, die sich davon als Schauspieler und als Publikum düpiert sahen, mit einer Wut und Empörung über ihn hergefallen, die nun nicht mehr nur perfekt gespielt, sondern wahrhaft "authentisch", also endlich einmal wirklich echt war.
Weil Erregung, Wut und Empörung, wie man aus eigener Erfahrung zu wissen meint, eine höchster Zustand des unkontrollierten "Außersichseins" und man zugleich dabei doch ganz schutzlos bei sich ist (weil der Verstand aussetzt), erscheinen solche emotionalen Ausdrucksformen als besonders wahrhaftig und mit dem Gütesiegel der "Authentizität" versehen. Das haben sich wohl auch die CDU/CSU-Akteure im Bundesrat gedacht; und wenn sie nicht selbst auf die Idee gekommen wären, so hätte sie ihnen doch Stoibers Medienberater nahe legen müssen - um nach den kalkulatorischen Durchspielen der taktischen Möglichkeiten, die zur Wahl standen, im absehbaren Fall mit gemimter Empörung beim Wahlvolk Glaubwürdigkeitsgewinne einzuheimsen. Peter Müller hat ihnen jedoch einen Strich durch die Rechnung gemacht. "Vielleicht", hat Müller in seiner Staatstheater-Rede gemeint, die von äußerst dürftigem intellektuellen Zuschnitt ist und permanent den Bundestagspräsidenten mit dem Bundesratspräsidenten verwechselt (ein Abgrund von Verfassungsunverständnis tut sich da auf!) - "Vielleicht", so also Müller, "unterscheidet sich ja gute und schlechte Politik an der Frage der Authentizität". Eine vergebliche Hoffnung, weil er - aus Übermut, Dummheit oder persönlicher "Authentizität" ? - glücklicherweise dafür gesorgt hat, daß die vermeintliche "Authentizität" als abgekartete, also "unauthentische" Empörungsmachination von ihm entschlüsselt wurde. Die damit bestätigte Ahnung des Wahlvolks, es habe mit einem blechernen Theaterdonner erschreckt werden sollen, hat es mit einem, wie zu lesen war, mehr als 70% Mißtrauensvotum gegen alle an dem Bundesratsspektakel Beteiligten quittiert.
In der von der "Süddeutschen Zeitung" (am 27.3.02) dokumentierten Staatstheater-Rede Peter Müllers heißt es am Ende: "In der Politik gilt - und daran sollte man denken, wenn die Politik Theater veranstaltet: auf Dauer kann man eine Schlaftablette nicht als Vitamtablette verkaufen". Was immer er damit auch gemeint haben kann: Peter Müller verdanken wir jedenfalls das überraschende Geschenk einer Ecstasy-Tablette. Falls einer bisher geschlafen haben sollte: spätestens jetzt ist er - hallo! - hellwach. Witz, pardon: Treppenwitz - den Name ist Müller!
P.S. Ein Psychoanalytiker könnte - vorausgesetzt, Prantls öffentliche Inkriminierung des nicht uneitlen Saarländers als Feigling habe Peter Müller verletzt - spekulativ mutmaßen, durch sein Ausplaudern der Inszenierung habe sich der in die wahlstrategische Pflicht von Stoiber genommene Schwarze Peter klammheimlich & sich selbst unbewußt an der ihm von seiner Partei aufgezwungenen und ihm bei klarem Verstand unsinnigen Loyalität: gerächt. Wider Willen wäre Müller nach dieser Lesart seines Verhaltens: ein Gerechter unter sovielen Ungerechten. Das wäre, um mit Nestroy zu reden: "Klaasisch!" (Und "authentisch" dazu .)
Wolfram Schütte
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