Onkel Leo
28.03.2004
Wolfram Schütte, 15.04.2002
Onkel Leo - oder ein paar freundliche Worte zum Abgang des "Medienmoguls" Kirch "
Onkel Leo" nannten manche der von ihm Abhängigen oder Ausgehaltenen den Film- & Medienhändler unter sich. Andere, ihm ferner Stehende sprachen von dem "Medien-Mogul" oder "Tycoon", den sie ehrfürchtig bestaunten, fürchteten und journalistisch bekämpften. Letzteres übrigens zurecht. Der Strauß-, Kohl- & Stoiber-Spezi, der aus seinen konservativen politischen Ansichten, Ambitionen und massenmedialen Tätigkeiten keinen Hehl machte und manchen großkopfeten Politiker an der langen Leine führte, soll zwar ein persönlich charmanter Mensch gewesen sein; aber neben seiner fränkischen Schlitzohrigkeit jedoch auch ein knallharter Wirtschaftsstratege, der sein akkumulativ verschachteltes Medienimperium wie ein Don Corleone paten- & patriarchenhaft führte. Ein paar Karriereleichen säumen wohl seinen Weg; da sich ihm nur wenige entgegenstellten, dürfte jedoch die Zahl der von ihm ausgehaltenen, gehaltenen und geförderten weitaus größer sein - wie im übrigen Leben, in dem die Mutigen und Eigensinnigen ebenso selten wie die Opportunisten und Schleimscheißer zahlreich sind. Vermutlich ist dem Patriarchen die bäuerliche Herkunft, samt deren menschelnde Redundanz, mehr und mehr in die Quere gekommen; so funktional "kalt" wie seine Geschäftspartner Murdoch und Berlusconi ist er doch nicht gewesen; zu "bodenständig", zu "altfränkisch" auch? Seine jahrelange Flucht nach vorne hat ihr Ende erreicht. Die vielen Gründe für den Untergang seines Imperiums sind eine Sache, über die viel derzeit geschrieben wurde; kurz: die Risiken sind nun bekannt. Ich spreche über einige Nebenwirkungen von Leo Kirch, die im Augenblick seines Verschwindens von der medialen Bildfläche erinnert sein sollen.
Auch wir sprachen ironisch oft von "Onkel Leo", wenn wir über zwei Jahrzehnte hin, dreimal im Jahr, auf internationalen Filmfestivals von uns befreundeten "Kirchleuten" zum Essen & Trinken eingeladen wurden. Später dann kamen die Freunde einmal im Jahr vor Weihnachten in Frankfurt vorbei und wir gingen zu einem Edelitaliener auf onkel Leos Kosten. Dabei waren wir völlig unbestechlich, weil wir mit Kirchs Aktivitäten auf dem Film- & Fernsehmarkt gar nichts zu tun hatten; unsere Freunde übrigens auch nichts. Sie machten nur seine Honneurs. Dass aber Leo Kirch seine alten und ehemaligen Geschäftsfreunde aus der Film-& TV-Branche auch nach deren Pensionierung nicht vergaß, davon könnte so mancher ehrenwert Ergrauter samt Gattin ein gar freundliches Lied singen. Ob die von ihm mit Esseneinladungen (vielleicht auch weihnachtlichen Wein-Präsenten aus der Produktion seines Bruders im fränkischen Fahr) durch speziell dafür finanziell ausgerüstete Mitarbeiter langjährig Bedachten - ob sie ihm jetzt wenigstens beim Abschied nicht nur leise Servus sagen, sondern auch ein Danke nachrufen? Das war alles so offen & doch diskret, dass ich nicht weiß, ob sich heute die nun ehemaligen Nutznießer ihrer Vergünstigungen durch den "Tycoon" schämen oder lieber besser nicht mehr daran erinnert werden wollen. Ich jedenfalls denke mit der gleichen Dankbarkeit daran zurück wie nur je zuvor, weil wir dank "Onkel Leo", der ganz bestimmt nichts von unserer stillen Teilhabe an seiner Großzügigkeit wusste, viele schöne Abende mit good food & good wines in angenehmer freundschaftlicher Gesellschaft in Berlin, Cannes, Venedig oder Frankfurt am Main verbracht haben. Unschuldiger mit "interesselosem Wohlgefallen" (Immanuel Kant) dürften selten steuerlich absetzbare Spesen genossen worden sein als von uns.
Aber es gibt noch einen anderen Grund, Leo Kirch zumindest für einen Teil seiner Karriere öffentlich dankbar zu sein. In keinem der vielen Nachrufe zu Lebzeiten, die ihm jetzt während des sich lange hinziehenden Absturzes in die Insolvenz zuteil wurde, fehlt die Gründungs-Anekdote, wie er Fellinis "La Strada" gekauft hat und daraufhin beschloss, Filmkaufmann zu werden. Thomas Kniebe, der jetzt in einem vielfach bedenkenswerten Artikel (in der SZ v. 10.4.02) Leo Kirch schon erste Tränen nachweint, behauptet sogar, dass Kirch fast bis ganz zuletzt immer wieder für Fellini bei Produktionsschwierigkeiten da war. Das ist durchaus denkbar. Er hat ja auch über Jahrzehnte hin, wie Kniebe zurecht bemerkt, dem italienischen Filmregisseur Ermanno Olmi weiterhin zu arbeiten ermöglicht - obgleich der seit dem "Holzschuhbaum" eigentlich nichts Meisterliches mehr zustandegebracht hat. Künftige Filmhistoriker werden Kirchs verdecktes cineastisches Wirken - nämlich z.B. über die Janus-Film Klaus Hellwigs (der Losey, Resnais, Straub u. v. a. produziert hat) - entdecken und zu rühmen wissen. Es gibt da bestimmt noch vielmehr aufzudecken, was Kirch aus geschäftlichem Raffinement und juristischer Berechnung, vielleicht sogar auch aus Leidenschaft (wer weiß das?) unter dem Deckmantel anderer Namen ermöglichte und förderte (oder zumindest ermöglichen ließ) - und durchaus nicht im Sinne seines politischen Credos. In Gottes Haus sind viele Wohnung; auch "Onkel Leo" duldete in seinem undurchsichtig gehaltenen Imperium vieles.
Aber als er im Aufwärtsflug war, begriffen hatte, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen einen großen Hunger nach Spielfilmen hatte, denen sich der bundesdeutsche Kinomarkt zwischen hausgemachter Krise von Opas Kino und usamerikanischer Dominanz (und nicht zu vergessen: wegen politischer Restriktionen gegenüber dem "Ostblock") verweigerte: da schlug Leo Kirchs große Stunde: in den 60ger bis frühen 80iger Jahre, solange er noch nicht selbst zur direkten Medienmacht greifen wollte, im Verbund seiner konservativen CSU/CDU- Freunde. Der erste Coup des Leo Kirch bestand darin, den einen Teil der in rigider politischer und ästhetischer Daueropposition zur restaurativen Bundesrepublik befindlichen linken Zeitschrift "Filmkritik" als gut dotierte Vorkoster, Scouts und Sendboten an die Brennpunkte des cinematographischen Weltgeschehens zu schicken. Ob nach Polen, Ungarn, in die CSSR oder die Sowjetunion; ob nach Schweden, Italien, Frankreich, Spanien oder nach Japan und Lateinamerika: Kirchs hochmotivierte & kenntnisreiche Kundschafter brachten die neuesten & frischesten Nachrichten von den "Fronten des Weltprozesses" (E.Bloch) und den anbrandenden Nouvelles Vagues rund um den Globus in die Münchner Zentrale; und spezielle Einkäufer folgten ihnen auf dem Fuß, um die angezeigten cinematographischen Ernten in die wachsenden Scheuern Kirchs einzufahren. Mittlerweile war der andere Teil der klassischen "Filmkritik" in die neu installierten Filmredaktionen der ARD eingezogen - und so spielten sich die cinephilen Enthusiasten die Filme wie ein perfektes Fußballteam die Bälle zu, die Leo Kirch auf den kommerziellen Weg brachte. Denn ARD und ZDF durften damals noch nicht selbst einkaufen, später konnten sie, durch Signalement bei Kirch, schon beim Entstehen neuer Filme qua Kaufgarantie bereits mitproduzieren. Als sie selbst den Zwischenhändler Kirch in Hollywood ausschalten wollten, wurde das empfindliche Gleichgewicht und freundschaftliche Einvernehmen nachhaltig gestört und schließlich am Ende.
Bis dahin aber war das ein nahezu perfektes Verbundsystem, dessen strukturelle Verwandtschaft mit mafiotischer Kartellwirtschaft jedoch nicht, zumindest auf Seiten der Fernseh-Film-Redakteure und Kirchs kundigen Spähern und Beratern, von Profitinteressen imprägniert war, sondern von einem höchst geistesgegenwärtigen, filmkulturellen und nicht zuletzt auch eminent politischen Interesse der Programmmacher in den TV-Anstalten. Dabei brachte das ZDF, wo eine Crew aus dem gar nicht so konservativen katholischen Filmdienst den Ton angab (ob onkel Leo bei deren Bestallung seine flinken Finger im Spiel hatte?), eher das weniger Riskante auf den Bildschirm, wohingegen die ARD-Filmredaktion (später Degeto), samt einiger hervorragend besetzter Dritten Programme bei WDR, BR und HR, ins Volle & auch Tolle griff. So fand, mit Leo Kirch als immer hilfsbereitem kommerziellem (Ver-)Mittler - auch später als die historischen Bestände Hollywoods angezapft wurden, für mehr als ein Jahrzehnt die aktuelle Filmkultur der Welt in den zwei, drei und mehr Programmen der öffentlichen Fernsehsender der Bundesrepublik statt. Nie war das bundesdeutsche Fernsehen besser, und nie sein Publikum schneller & qualifizierter à jour informiert über die cinematographische Weltkultur als damals - als Leo Kirch nur der monopolistische Filmhändler von ARD & ZDF spielte, reich & mächtig wurde. Das wollen wir ihm historisch-positivistisch nicht vergessen, weil er einsprang und die Lücke im kleinen Format füllte, die uns die bundesdeutsche Filmwirtschaft im Kino & auf der großen Leinwand versagte. Als Dialektiker, die wissen, dass Licht Schatten wirft und alle Dinge ihre Kehrseiten immanent haben, können wir nicht unterschlagen, dass diese schöne Hoch-Zeit nicht ohne Leo Kirchs entscheidende Mitwirkung mit der Installation des dualen Systems auf dem Fernsehmarkt unwiederbringlich zuende ging. Nur bei Goethe ist Mephisto die Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft. Tobias Kniebe in seinem sympathetischen Nachruf auf die kommerzielle Ära Kirch befürchtet, dass das, was der fränkische onkel Leo mit seinem mächtigen Kommerztrieb bisher schon angerichtet hat, noch Gold war gegen das, was nun folgen könnte. Mag schon sein. Wir wollen, alles in allem, zähneknirschend, des Kirchs der frühen Jahre mit Wehmut, Dankbarkeit und Melancholie gedenken. Es war einmal: "Onkel Leo". Wahrscheinlich wird seinesgleichen nicht wiederkehren, denke ich. Oder bin ich doch, spät noch, ganz und zu spät, von der ihm unbekannten Großzügigkeit seiner Spesenritter: bestochen worden?
Wolfram Schütte
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