Wie aus Spaß Ernst werden könnte
28.03.2004
Wolfram Schütte, 02.09.2002
"18 mit 18" las ich auf einem Wahlplakat in Frankfurt am Main. Ein junger Mann blickte einem westerwellig grinsend entgegen. Wie auch anders? Er ist der jüngste FDP-Kandidat: mit 18 will er in den Bundestag, auf der Woge der 18 %, die sich die Mölleweller & Westermänner als weitausgreifende "Vision" und Wahlschlager vorpfeifen, wie einsame Spaziergänger in einem dunklen Wald: pfiffig eher als ängstlich. Ich bin mir gar nicht so sicher, ob sie nicht doch damit an ihr Ziel kommen, zumindest in dessen Nähe - so lächerlich der 3. Kanzlerkandidat sein mag und so lustig sich die schreibende Zunft über das Gezappel der mobilen FDP bislang gemacht hat. Weil wir diese Wester-Welle nicht ernst nehmen - was, zugegeben, schwer fällt -, unterschätzen wir womöglich den Ernst, mit dem uns, vor allem junge Wähler, eine Nase drehen werden: vor allem jene, die zu den "Besserverdienenden" zählen möchten - und wer möchte das nicht?
Wenn man die Profilbeschreibungen, welche die Shell-Studie über die derzeitige junge Generation von karrierebewussten Pragmatikern in Betracht zieht, die früh schon an die Aus- & Heranbildung ihrer "Ich-AG" denkt, mit der sie sich durchs Leben boxen will; und wenn man sich fragt, was diesen Jungen Leuten inmitten der Tranigkeit und Verwechselbarkeit des derzeitigen Wahlkampfs der sogenannten "Volksparteien" als Option entspräche, dann kann´s ja nur die immer wohlgelaunte, von keinen Bedenkträgerfalten, sondern nur von Lachfältchen geprägte Physiognomie der FDPler sein. Dabei deckt der Fallschirmspringer, der zumindest am laufenden Reißband persönlichen Mut beweist (was durchaus für diese Shell-Jugend zählt), eher das ressentimentalisierte Alt-Liberalen Feld ab. Sein rhetorischer Achsensprung von Michel Friedmann zu Ariel Scharon und den Palästinensischen Selbstmördern hatte nicht nur den rechten politischen Rand vor Augen, sondern auch das breite Mittelfeld, das "endlich einmal wieder offen sagen will", was in ihm denkt, nämlich dass "die Juden unser" und erst recht ihr eigenes "Unglück sind". Antisemitische Dissonanzen als "Mut" zum "Unkorrekten", samt "deutschem Trotz": man sollte nicht unterschätzen, was solche Verstöße gegen die "Guten Sitten" in einer "Konsensgesellschaft" für "Sympathiewerte" bringen. Der schwule Fortyn ist auf ähnlich Hohem Ross gegen den "Konsens" der Etablierten geritten und hat das niederländische Politsystem aufgemischt. Und dass das deutsche politische System "reformiert", radikal verändert, von "Verkrustungen befreit" werden müsse, ist ja längst ein All-Gemeinplatz, auf dem die "Volksparteien" herumstehen, ohne sich - wie die Neoliberalen täglich es ausposaunen - wirklich zu "bewegen".
Das Jung- & Selbst-Unternehmer-Image, das die FDP als "Spaß am Leben und an Leistung" vorführt, verspricht "wirkliche Bewegung". Sie hat für sich "Mobilität" und "Flexibilität" als Begriffe eines dynamischen Fortschreitens besetzt, mit dem alles "Alte", Korporationistische (Gewerkschaft, Renten-, Krankenversicherungs- & Arbeitlosenunterstützungs-System) "dereguliert" werden soll. Was einmal die Brandtsche Losung von "Mehr Demokratie wagen" meinte - nämlich größere Transparenz von und öffentliche Mitsprache bei Macht- & Entscheidungsprozessen auch in der Wirtschaft! -, wird heute bis weit in jene Schichten hinein, die davon an ihren Arbeitsplätzen profitierten, als Hemmnis angesehen, das souveränem Handeln (als punktuelle, schnell reagierende, westwellenreiterische Machtausübung Einzelner) hemmend, "entschleunigend" im Wege steht. "Mehr Wirtschaft wagen" ist die hier und da schon offen ausgesprochene Devise von heute - mehr Wirtschaft, sprich: individuellen Gewinn, koste es, was es wolle, und weniger "demokratische", sprich: sozial verantwortliche "Hemmungen".
Das Ziel der von keinen sozialen Rücksichtnahmen gebremsten Losung des "Enrichissez-vous", dem schon Millionen von Deutschen Neubörsianern (via Telekom und sonstigen Anlage- & Wertsteigerungsversprechen, aus einer müden eine schnelle Mark zu machen, wenn erst die bis dato festgelegten Spar-Kapitalien auf dem Neuen Markt ins Tanzen kämen) zu ihrem Schaden auf den Leim gegangen sind: - diese "Vision" wird für die Newcomer umso attraktiver, als es sonst je keine Chance zu geben scheint, schnell zu viel Geld zu kommen. Das gut gelaunte, spaßige und erlebnisreiche "gefährliche Leben" im Deregulierten: es könnte durchaus sein, dass der bloße Anschein, die FDP wolle endlich wieder "Spannung", "Nervosität", "Turbulenz" in die Erlebnisflaute zwischen abgebremstem Kanzler und korsettiertem Herausforderer bringen, und am Tag nach der Wahl staunen lässt. Denn es sieht ganz so aus, als würden die einen Namen & Personen wählen, die anderen aber, die Jüngeren: Mentalitäten, die vorherrschenden.
Wolfram Schütte
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