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Donnerstag, 17. Mai 2012 | 08:39

Ins Gelingen verliebt - Zum Tode Siegfried Unselds

28.03.2004

Wolfram Schütte, 29.10.2002

 

Der Frankfurter Verleger Siegfried Unseld, der am vergangenen Samstag im Alter von 78 Jahren gestorben ist, hat eine ganze Reihe von "Nachrufen zu Lebzeiten" dank seiner erstaunlichen Vitalität überlebt. Sei es, dass seine Geburtstage und die Jubiläen des von ihm seit 1959 geführten Suhrkamp-Verlages willkommene Anlässe schufen, die zu Bilanzen eines verlegerischen Lebenswerks zwangen, wie es freilich glanzvoller und die Zeit bestimmender in der deutschen Literaturgeschichte kein zweites gibt, gerade wenn man Namen wie die Cottas, Samuel Fischers, Kurt Wolffs, Kippenbergs und Ernst Rowohlts daneben stellt. Sei es aber auch, dass Unselds immer wieder - "naturgemäß", hätte sein Autor Thomas Bernhard listig & zutreffend hinzugesetzt - missratene Versuche, zu seinen Lebzeiten Nachfolger zu finden (erst seinen Sohn Joachim, dann den Verleger Tedel v. Walmoden und den Lektor & Verleger Christoph Buchwald) an der Übermächtigkeit des Suhrkamp-Patriarchen scheiterten, und regelmäßig mehr Sorgenfalten auf Feuilletonistenstirnen hervorriefen. Als Kapitän, der den Flottenverband von Suhrkamp-, Insel-, Deutschem Klassiker - & Jüdischem Verlag durch die sich rapide verändernde deutsche Buchbranche lotste, war Unseld nicht willens, die Kommandobrücke zu verlassen und griff selbst immer wieder ins Steuer der von ihm zur späteren Nachfolge Ausersehenen, weil er bis fast zuletzt den Kurs halten wollte, den er über knapp ein halbes Jahrhundert hinweg bestimmt hatte, ohne den wechselnden Patentrezepten der hektisch-nervösen Branche hinterher zu hecheln.

Erst mit dem Suhrkamp-"Hausgewächs" Günter Berg als jetzigem Verlagsleiter fand der eigensinnige Verleger einen gegenseitigen Modus vivendi, der geglückt scheint - wenngleich Unseld, zuletzt schwer erkrankt, das ganze Ausmaß der von Berg forcierten, durchfochtenen und das Ansehen des Verlags beschädigenden öffentlichen Auseinandersetzung über Martin Walsers literarisches Pamphlet "Tod eines Kritikers" nicht mehr bekannt gewesen sein dürfte. So ist das letzte traurige & tragische Kapitel einer beispiellosen verlegerischen Karriere zugleich zum Vorkapitel für die Post-Unseld-Zeit geworden.

Fairerweise muss man aber konstatieren, dass die Konfliktturbulenzen, in die Martin Walser, der einmal zu den ältesten & engsten Freunden Unselds gehörte, den Verlag durch seine literarische und geistige Entwicklung in den letzten Jahrzehnten gebracht hat, in Siegfried Unselds verlegerischer Programmatik selbst begründet waren: - nämlich primär ein "Autoren-Verlag" zu sein, der kontinuierlich das Werk der dem Verlag verbundenen Autoren pflegte. "Right or wrong: my author" war Unselds Devise - und er hat gewiss nicht selten die Zähne zusammen gebissen und Demütigungen hingenommen, als die nicht bloß "ideologischen", sondern sich ins Persönliche ausweitenden geistespolitischen Konflikte unter den Autoren, die der Patriarch stolz um sich geschart hatte, die einstige Harmonie in seinem Verlagsreich zuletzt des öfteren ins Kakophonische veränderte.

Als das von ihm, unter tätiger Mithilfe von Hans Magnus Enzensberger, Uwe Johnson und Karl Markus Michel gegründete "Kursbuch" politischen Streit unter den Autoren des Verlags austrug, trennte sich Unseld als verantwortlicher Verleger von der Zeitschrift - um des lieben Friedens (im Hause Suhrkamp) willen. Aber die viel(en) späteren Konfliktlinien, die zwischen Walser, Handke, Sloterdijk einerseits und vor allem Jürgen Habermas andererseits öffentlich erkennbar verliefen, konnte Unseld nur noch äußerlich stoisch, innerlich wohl aber nur schmerzhaft: aushalten. Er wollte keinen seiner daran beteiligten Autoren preisgeben.

Der Mann, der von sich sagte, er sei "ins Gelingen verliebt" und der Goethes Satz: "Das Leben, wie es auch sei, es ist schön" immer wieder zitierte, um aller Welt zu versichern, er sei "ein glücklicher Mensch" (und er war es !), muss die Erschütterung der Harmonie-Grundlage solchen hohen Glücks, Freund & Vertrauter seiner Autoren zu sein, doch zuletzt bitter erlebt haben. Aber er konnte, aufgrund seiner jahrzehntelang erworbenen patriarchalischen Autorität als genialer Verleger, die zentrifugalen Kräfte noch einfangen und unter seinem Verlagsdach zusammenhalten. Schwer vorstellbar, dass irgendjemandem Gleiches zukünftig gelingen könnte: zu stark ist die Kraft des vielfach normativ Faktischen. Eher denkbar dürfte sein, dass der Verlag - bei immer neueren kulturellen, gesellschaftlichen, ökonomischen Unübersichtlichkeiten & Verwerfungen - mit mehreren Zungen sprechen wird. (Er tut es ja jetzt schon.)

Zumindest haben aber Siegfried Unseld und seine Frau (und Verlagsautorin) Ulla Berkéwicz - die eine Stiftung gegründet haben, welche durch die Funktion eines notfalls eingreifenden Aufsichtsrates über die Zukunft des herausragenden literarischen Imperiums wachen soll - alles Menschenmögliche getan, um der Erbschaft der großen Unseldschen Zeit Dauer zu gewährleisten. Das ist, vor allem auch von Ulla Berkéwicz, eine hochherzige persönliche Entscheidung, die aller Ehren wert ist, welche in unserer Raff-, Hopp- & Ex-Gesellschaft nicht mehr (an)erkannt wird, weil die Stiftung ein recht einsames Beispiel für kulturelle Verantwortung gibt, die desto entschiedener politisch "links" ist, als sie sich der Tradition der "bürgerlichen", aufklärerischen, anspruchsvollen europäischen Geistesgeschichte verpflichtet und sich allein damit schon einem "Geist der Zeit" widersetzt, der augenblicklich weht, wohin der Kursverfall der kulturellen Tagesnotierungen ihn treibt. Manchen jüngeren Literaturkritikern war die "Suhrkamp-Culture", die George Steiner zum geflügelten Wort gemacht hat, schon zuviel des historischen Ballasts: zu "verkopft", zu "anspruchsvoll", zuviel "E" statt "U", nicht spaßig und flippig genug.

Der Augenblick des Todes von Siegfried Unseld besiegelt den oft schon zuvor ungeduldig beschworenen "Herbst des Patriarchen" nun durch den Kälteeinbruch des Absoluten. Die feuilletonistisch beschworene Verwandtschaft Unselds mit der Titelfigur von García Márquez grandiosem Diktatoren-Roman - bei dem eine Faszination für das von ihm literarisch beschworene gewalttätige, bornierte, mythische Monstrum des Caudillo unterstellt wird - trifft jedoch nicht, was Unseld als Verleger und Pater familias seiner Autoren auszeichnete und was ihn auch international zu einem Unikat machte: seinen fast Schillerschen Enthusiasmus für die Literatur, die Autoren, die Bücher und das Lesen. Er war ein leidenschaftlicher, mitreißender, entflammter Liebender und Bewunderer seiner Autoren - und derer, die er als bereits historische Größen nach und nach auch noch in seine Verlage zog: z.B. Joyce und Broch, Karl Kraus und Robert Walser. Welche Resonanz hätte er doch auch Döblin und Jahnn verschafft, wenn er sie unter seine Fittiche genommen hätte! Denn der antreibende, schmeichelnde, fordernde, fördernde und schützende Enthusiasmus des Literatur-Liebhabers verband sich bei Siegfried Unseld mit dem bewundernswerten, ebenso phantasievollen Geschäftssinn des unermüdlichen Verlegers, der seinen Beruf als Berufung ansah, das ihm anvertraute oder das von ihm entdeckte und aufgespürte literarische und geistige Kapital derart vielfältig und vielfach zu bewirtschaften und zu verbreiten, dass sich im Laufe seines knappen Halbjahrhunderts jene heute bereits nur noch bestaunte Kontinuität der allseitigen Präsenz der Suhrkamp-Kultur in der Bundesrepublik herausbilden konnte.

Sie hat Generationen von deutschen Intellektuellen die geistigen Nährstoffe bereitgestellt, indem der Suhrkamp-Verlag ein umfassend tätiges, ungemein produktives Eingedenken dem verschaffte, was durch den Nationalsozialismus vertrieben, zerstört und getilgt werden sollte: das große kritisch-spekulative Denken deutsch-jüdischer Philosophen. Erst durch die Rückgewinnung und Entfaltung der Oeuvres von Adorno und Benjamin, Bloch und Kracauer, Scholem und Löwenthal hat diese historisch einzigartige Duchdringung von Kunst und Philosophie, Gesellschaftskritik und aufklärerischem Humanismus nachglühend doch noch eine weitreichende Strahlkraft entfaltet, die zur zivilisatorischen Rückkehr des intellektuellen Selbstbewusstseins in Deutschland entscheidend beigetragen hat. Ohne diese Reaktivierung des historisch vertriebenen und verschütteten Denkens, das offen oder subkutan in Fortsetzung und Abwendung Späterer oder Jüngerer virulent bleibt (selbstverständlich bei Habermas, aber auch sogar noch bei Sloterdijk) ist die Geschichte der Bundesrepublik bis ins Heute nicht denkbar.

Und Lesern der Belles Lettres hat der Suhrkamp Verlag über Jahrzehnte hin zu einer literarischen Urteilsbildung verholfen, die unausgesprochen, aber nachhaltig kanonischen Rang erwarb: ob sie durch Samuel Beckett oder Bert Brecht, Max Frisch oder Hermann Hesse, Roa Bastos oder Thomas Bernhard, H.M. Enzensberger oder Peter Weiss, Alexander Kluge oder Mario Vargas Llosa, Uwe Johnson oder Jorge Semprun, Martin Walser oder Günter Eich e tutti quanti vermittelt war. Denn sosehr Unselds persönlichste Leidenschaft der aktuellen deutschen Literatur in einer Breite und Vielfalt galt wie keinem anderen deutschen Verlag, sosehr hat er doch auch dafür gesorgt, dass in seinem literarischen und geistigen Imperium die Sonne auch andernorts aufging und ihr Licht auf andere Literaturen warf - vor allem die lateinamerikanische (Cortázar, Carpentier, Lezema Lima, Puig, Roa Bastos), die französische (Proust, Barthes, Foucault, Bourdieu, Robbe-Grillet, Beckett, Semprun) und die osteuropäische (Hrabal, Konrad, die polnische Literatur). Dass er, als Entdecker und Förderer, dabei die angelsächsische und nordeuropäische Literatur Rowohlt und Hanser überließ (z.B. Updike, Pynchon, Roth und Gustafsson) die italienische weitgehend Hanser und Wagenbach (z.B. Calvino, Pasolini, Eco, Malerba, Gadda), gehört auch zur eigenwilligen Physiognomie seines verlegerischen Werks, das aber durch die weltliterarische Anthologie der "Bibliothek Suhrkamp" sich umfassend aus anderen Quellen als den eigenen sich auffüllte und den universellen literarischen Bestand sicherte.

Siegfried Unseld ausgreifende, stürmische, beflügelnde Aktivitäten setzten auf eine permanente Mobilisierung leserischer Neugier, literarischen und geistigen Erfahrungshungers durch das gedruckte Wort, auf den ästhetischen Mehrwert des Buches als unverzichtbarem Lebensmittel. Er hat über seine eigenen verlegerischen Unternehmen hinaus nicht nur den Buchhandel insgesamt in Bewegung gehalten, sondern sich, seinen Autoren und Büchern und vor allem deren hohen Anspruch die Leser erst auch erschaffen. Das war eine epochale kulturelle Leistung, deren motivierender Impuls nicht zuletzt aus dem verheerenden Zivilisationsbruch in der deutschen politisch-gesellschaftlichen Geschichte herrührt. Ihm ist geglückt, was kaum noch zu erhoffen war: die Rückforderung und Reintegration einer verworfenen Vergangenheit. Die Verteidigung der Zukunft seiner Verlage wird nicht weniger Energie, Enthusiasmus, Leidenschaft und kaufmännische Phantasie erfordern als er sie besaß, eher noch mehr. Und Leser, ja... Leser...

Wolfram Schütte

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