Von den 36. Hofer Filmtagen
28.03.2004
Wolfram Schütte, 04.11.2002
Von einer Zwergschule und Berliner Luden - Auf den 36. Hofer Filmtagen
Den diesjährigen Hofer Filmpreis bekam das Team des Filmmagazins "Kino,Kino" des Bayrischen Rundfunks, das sich, wie alle Jahre zuvor, mit einer halbstündigen Hofberichterstattung revanchierte, in der Wim Wenders´ kurzer Abstecher zum Freund Heinz Badewitz wie ein Staatsbesuch zelebriert wurde, garniert mit Impressionen der oberfränkischen Stadt und ein paar oberflächlichen Bemerkungen zu diesem und jenem der dort gelaufenen Filme. Dabei war der undotierte Preis nicht bloß als lokalpatriotische oder landespolitische Nettigkeit gedacht, sondern als publizistische Hilfe für eines der letzten noch in unseren öffentlich-rechtlichen TV-Sendern platzierten Kino-Magazine. Denn auch "Kino, Kino" steht für die öffentlich-rechtlichen Quoten-Terroristen zum Abschuss frei. Und dass keiner der nach Hof gereisten Zeitungsjournalisten es für nötig befand, den Hofer Filmpreis für die bedrängten Kollegen auch nur zu melden, geschweige denn ihm kommentierend den dringend notwendigen publizistischen Rückenwind zu geben: - das sagt vielerlei über den Zustand des Film- (& Kultur-) Journalismus im Fernsehen und den Printmedien aus - und über die Nische, in welche das einstige Klassentreffen des Neuen Deutschen Films mittlerweile gerutscht ist, seit den großen Namen der Wenders, Herzog, Fassbinder nur noch viele kleine folgten und Filme, die man oft schon vergessen hatten, wenn man das Kino verließ.
Und das ganz überwiegend junge Publikum, das wie immer in hellen Scharen den mittlerweile 8 (!) Spielstellen zustrebte (in der Hoch-Zeit Hofs gab´s nur eine oder zwei!) - dieses Publikum hat mittlerweile auch den euphorischen Enthusiasmus verloren, der vor 5, 10, 15 Jahren den Kinosaal des Central mehr als einmal zu einer vor Freude jauchzenden Arena überschwänglicher Dankbarkeit machte - für Filme, die hier mit Aplomb zu "entdecken" waren. Das größte Entzücken weckte noch die pointensichere Ethno-Komödie "My Big Fat Wedding", in der ein vegetarischer WASP ein ehemals hässliches Entlein heiratet, was zu turbulenten Verwicklungen in einer strenggriechischen Familie führt. Der kommerzielle Überraschungserfolg aus den USA wird von der FOX demnächst in unsere Kinos kommen, die Preview in Hof verspricht Amüsement auch in Deutschland.
Mittlerweile hat sich bei den jungen Zuschauern der Massengeschmack des Mainstream-Kinos auch schon festgesetzt - und was hier an deutschen Kurz-, Spiel- & Dokumentarfilmen debütiert oder mitläuft, sieht sich womöglich nur in Hof einmal in einem Kinosaal mit dem Publikum direkt konfrontiert, bevor es im Fernsehen versendet wird. Verständlich, dass die Regisseure, Schauspieler und der ganze Tross von Mitwirkenden (was für monumentale Abspänne für filmische Nichtigkeiten!) diese Manegenluft auch einmal schnuppern wollen. Wenigstens einmal - man hat ja sonst keine Resonanz (außer der Quotendepression). Das alles ist rührend und das Publikum herzig, aber es ist auch ein trauriges Lichtspiel, weil von der unabweisbaren Ahnung beschattet, dass nichts wirklich Bewegendes, Militantes, Überraschendes einen Aufbruch signalisiert.
Wenn man doch einmal in Hof darauf stieß, dann war´s, wie in diesem Jahr, aus Frankreich (& schon in Cannes gelaufen), nämlich Nicolas Philiberts "Etre et Avoir" (Sein & Haben). Auf den ersten Blick mag unserem modernen Bewusstsein diese dokumentarische Langzeitbeobachtung über eine Zwergschule, den Lehrer und die in einem Schulraum versammelten Erst- bis Viertklässler befremdlich erscheinen, gilt doch der bei uns wohl ausgestorbene Schultypus, bei dem der Pädagoge sich gleichzeitig um Schüler in unterschiedlichen Klassen und Altersstufen kümmern muss, als "zurückgeblieben" und historisch obsolet. Der französische Filmmacher Philibert nähert sich dem separat liegenden Schulhaus in der Auvergne - einer der kältesten, windigsten, einsamsten Gegenden Zentralfrankreichs, welcher der französische Romancier Richard Millet zwei wunderbare, düstere, sprachmächtige Romane gewidmet hat, in deren einem eben eine solche Zwergschullehrerin von sich erzählt (siehe Schüttes Lesarten "Satzsymphonien") - im Winter, wenn ein kleines, schwarzhaariges, chinesisches oder mongolisches Mädchen seine Nase an die Scheiben des Kleinbusses presst, der sie durch eine verschneite, eisigkalte Hochebene und den einen oder anderen zusteigenden Schüler dem täglichen Unterricht zuträgt. Mit ihr und den anderen gelangen wir dann, an dem schlanken, hochgewachsenen spitzbärtigen Lehrer vorbei in den Schulraum, in dem ein Ofen steht. Die Kinder müssen sich erst vor ihren Stühlen aufbauen, ruhig werden, bevor ihnen der Lehrer erlaubt sich zu setzen. Was für eine exotische, "repressive", "autoritäre" Welt - hätte man noch vor kurzem bei uns gesagt. Aber je mehr sich Philibert auf diese kleine Welt einlässt - auch in die bäuerlichen Familien geht und dort die schwere Last des Lernens im Familienkreis beschreibt, sich um einzelne aufgeweckte und verstockte Kinder kümmert oder sich dem bald in die Pension gehenden Lehrer zuwendet: einem Bauernsohn spanischer Emigranten, dem die Eltern den Ausweg aus dem schweren Leben gewiesen und ermöglicht haben - desto mehr werden wir nicht nur vertraut mit diesem Zwergschulleben, das einer Nussschale am Ende gleicht, in der die ganze Welt enthalten ist. Es liegt an dem ruhigen Rhythmus der Montage von Orten, Fahrten und szenischen Momenten des Schul- & Lernalltags, wodurch uns Philibert einen Kosmos von Gesten der Kommunikation, des Glücks ans Herz trägt. In dessen Mittelpunkt steht aber die Zärtlichkeit und Liebe des einsamen Lehrers, der sich immer wieder mit unendlicher Geduld und großer Anteilnahme den ihm Anvertrauten zuwendet: während des Unterrichts, beim Schlichten von Streiten oder beim Besprechen und Trösten von ersten Erfahrungen der Isolation, des schulischen Scheiterns oder des Todes in der Familie. Wenn er am Ende des Schuljahres seine Kinder in die "Welt" entlässt (auf weiterführende Schulen in der Provinzhauptstadt), fühlt man in diesem Augenblick plötzlich in sich eine bildliche Assoziation aufsteigen, die der Film jedoch in keinem Moment aus- oder anspricht. Es ist der Augenblick, in dem Jesus sich von seinen Jüngern trennt und sie hinausschickt. Auch dem Lehrer, den sie zum Abschied küssen, der ihnen ein letztes Mal über den Kopf streichelt, stehen Tränen in den Augen über den Trennungsschmerz: Nicht nur ihm. Jean Paul, der in Hof seine bittersten Hungerjahre verbrachte und Zwergschüler war, und der als reifer Mann mit seiner Erziehlehre "Levana" weit voraus schaute, weil er in den Kindern schon den "kleinen Menschen" von den Großen geachtet sehen wollte, hätte in diesem bewegenden Dokumentarfilm aus einer dem Oberfränkischen klimatisch und sozial engverwandten französischen Landschaft seinen eigenen menschenfreundlichen Enthusiasmus wiederentdeckt.
Eine ganze Welt liegt zwischen dieser französischen Hommage an eine Zwergschule und der krassen Welt einer armseligen, gewalttätigen schottischen Jugend in der Asozialität von Kriminellen und Drogendealern, von der Ken Loach in "Sweet Sixteen" erzählt! Im nackten und brutalen Überlebenskampf hat sein jugendlicher Held nur einen Traum: die im Gefängnis einsitzende Mutter, die dort noch von seinem Vater zu Drogengeschäften missbraucht wird, aus dessen Fängen zu befreien und sie bei der Entlassung mit einer Luxuswohnung in besten Lage zu überraschen. Das Geld dazu hat er jedoch selbst durch raffinierte Drogendeals im Schutze eines lokalen Mafiosos "verdient" (und dabei den anarchistischen Freund verloren. Aber die geliebte Mutter, deren Einzug mit einem Fest gefeiert wurde, ist am nächsten Tag wieder in ihr Milieu geflüchtet.
Auch die 29jährige, in Stuttgart geborene Absolventin der Berliner FFB, Sülbiye Günar, schickt in ihrem ersten Spielfilm "Karamuk" eine außenseiterische 18jährige Schülerin auf die Suche nach ihrem unbekannten türkischen Vater, der ein Restaurant & Familie hat. Unerkannt sprengt sie mit einer großen Intensität (erstaunlich überzeugend: Julia Mahnecke!) die verborgenen, verdrängten Verhältnisse auf - und die Regisseurin, die ein eigenes Drehbuch verfilmte, hat eine kräftige, lakonische, unsentimentale filmische Handschrift, die auf ein unbezweifelbares cinéastisches Talent für das Erzählkino hoffen lässt.
Gleich drei Filme, die Wim Wenders Road-Movie mit kleinem Budget, gefördert von Sony für den WDR, produziert hat und sich der handlichen Digital-Video-Kameras (DV) bedienen, liefen in Hof - wie auch eine viertelstündige Drogenhalluzination von Wenders selbst. Nachdem die dänischen Dogma-Filme den rauen Reiz des körnig aufgeblasenen, ästhetisch-korrupten Bildes für ihre Ibsenschen familiären-erotischen Handmade-Movies für das "kleine, schmutzige Kino" bekannt gemacht haben - in Hof lief das hochmelodramatische "Open Hearts" von Susan Biert: ein erotischer Strudel, in dessen Mittelpunkt ein Querschnittsgelähmter steht wie schon in Lars van Triers mystischer Passion "Breaking the waves" - scheint die billige DV-Technik nun eine vorläufige Zukunft als ars povera zu haben, wie in den Siebzigern das 16mm-Format. Hanno Hackforts Melo "Junimond", das ich leider nicht gesehen habe, scheint vielversprechend damit umgegangen zu sein, was ich, vor allem wegen der erweckungsdramaturgischen Auflösung der Story von Marc Otters (Buch/Regie) "Halbe Miete" nicht sagen kann. Dabei ließ die Idee, einen kriminellen Hacker, der durch den Selbstmord seiner Freundin aus der Lebensbahn geworfen wurde und der fortan auf der Flucht als nichtsesshafter Streuner sich in fremden Wohnungen einrichtet, durchaus komödiantischen Witz, Melancholie und ein bisschen Suspense erwarten - auch durch das Zusammenspiel von Laien und Profis -, wurde aber durch eine moralistische Wendung ins Betuliche süßlich verdorben.
Es versteht sich, dass Dominik Graf - mit seinen 50 (!) Jahren immer noch der ästhetisch versierteste und neugierigste der jüngeren deutschen Regisseursgeneration - nach seinem DV-radikalen "Felsen" nun in "Hotte im Paradies" die digitale Videobildlichkeit souveräner zu handhaben versteht. Sein fetziger Ausflug ins Charlottenburger Rotlichtmilieu, wo sein bislang kleinbürgerlich-netter Lude mit seinen zwei "Pferdchen" an ein drittes, das attraktive Luder Yvonne gerät, mit der er plötzlich auf großem Fuß und über seine Verhältnisse lebt und schließlich abstürzt, folgt einem arg schematischen Drehbuch von Rolf Basedow, das keinen bekannten Show-Wert des Zuhälter- und Nuttenmilieus und der großkotzigen Zirkulation des schnellen Geldes, der großen Autos und der kriminellen Mafia in dunklen Bars und Hinterhöfen aus-, aber auch keine feuchten und sentimentalen Männerträume von der braven und der zu rettenden Nutte unterlässt. Hottes Aufstieg & Fall, disfunktional als Rückblende mit gelegentlichem Voice-over erzählt, simuliert durch die dynamisierte Visualität einen hysterischen, manchmal halluzinatorischen Realismus, der von manchen vermeintlicher "Authentizität" gutgeschrieben wurde. Sicher: wie fast immer bei Graf sind die Schauspieler (auch in Massenszenen) brillant geführt, es gibt zwei, drei meisterliche Sequenzen, aber auch zu breit ausgespielte Redundanzen in dem knapp 2stündigen "Hotte im Paradies", der öfters wie ein Berliner Schattenboxen mit dem "Casino" Martin Scorseses wirkt. Dominik Graf, der seit 1975 neunzehn Filme gemacht hat, hat trotz seiner bewundernswerten, vielseitigen Professionalität und ästhetischen Sensibilität immer noch nicht den Durchbuch zu einem Stoff gefunden, der mit Zielgenauigkeit und Intensität einen Nerv seiner Zeit, unserer Zeit trifft. Man wünschte es sich, dass seine Filme nicht "immer nur eine schöne Kunstfigur" (Clemens Brentano) blieben - wie jetzt wieder "Hotte im Paradies". Aber vielleicht teilt der herausragendste und beste unserer Filmregisseure die virulente "Krankheit" auch seiner jüngeren deutschen Zeitgenossen: dringlich sagen zu müssen, was und "woran ich leide".
Wolfram Schütte
-------------------------------------------------------------
|
Von der Verrohung des Bürgertums
Ja, die Welt ist schlecht, weil ungleich. Aber hurra – wir tun doch was! Das Netzwerk der »Tafeln« sorgt dafür, dass auch Hartz-IV-ler würdig ...
Wenn man mit der Mafia seinen Doktor macht
Zwei Neuerscheinungen aus Deutschland und den USA nehmen einen trivialen Gegenstand ernst: die erfolgreiche Fernsehserie The Sopranos, die im Mafia-Milieu spielt. THOMAS ROTHSCHILD hat ...
Propagandaschlachten
Nahost-Interessierte kennen die Situation: geht es um Araber und den deutschen Nationalsozialismus, ist die Diskussion zuende, sobald ein Name fällt. Der 1974 verstorbene Großmufti von ...
Vergangen, aber nicht vorbei
Vor nicht einmal 25 Jahren war sie noch in aller Munde, die Apartheid, und ebenso das Land, zu dem sie allein zu gehören schien, Südafrika. Heute scheint sie und die unmenschlichen ...
Gesamtnote: zehn. Bestanden!
Heute heißt es runter, heute ist Sturzflugprüfung und Telemark muss springen. Edward van de Vendel und Alain Verster erzählen in Die Taube, die sich nicht traute von jenem ...
Der neue Schulmädchenreport
»Das wird ein Riesen-Mega-Hammer-Hit!« - Ein Hit waren schon Enid Blytons Serienauftakt über The Twins at St. Clares, ein Riesenhit die ...
Der Kaiser der Revolution
Die Geschichte des Films ist, technisch betrachtet, die Geschichte einer permanenten Annäherung an die Wirklichkeitsillusion. Nachdem Ende des 19. Jahrhunderts aus einer Kombination dreier ...
|