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Donnerstag, 17. Mai 2012 | 08:42

Einsamer Rufer in der Wüste - Erfreuliche Versprechen

28.03.2004

Wolfram Schütte, 27.11.2002

 

Einsamer Rufer in der Wüste - Erfreuliche Versprechen

Der gerade bis 2009 (!) wiedergewählte Intendant des "Deutschlandradios", Ernst Elitz, hat in einem Beitrag für die FAZ (am 22.11.02) mit einer geradezu sensationellen Entschiedenheit behauptet, "beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist die Kultur krisensicher. Das Kulturradio hat sich für die Geisteskräfte entschieden".

Das sind große Worte und Absichten, die umso größer erscheinen müssen, als sie Rufen und der Beschwörung einer kultivierten Fata Morgana in einer Wüste gleichen, für deren stetige Ausbreitung zu einer kulturellen Sahelzone eben jener "öffentlich-rechtliche Rundfunk" sorgt, dem Elitz das direkte Gegenteil attestiert. Wo das öffentlich-rechtliche Radio und Fernsehen als jeweils landeseigne Anstalt auftritt - von Hamburg bis München, von Köln bis Brandenburg - kann nämlich mitnichten davon gesprochen werden, dass bei ihm die Kultur "krisensicher" sei: sie ist ja kaum noch vorhanden und falls, dann finanziell unterbemittelt. "Deutschlandfunk" und "DeutschlandRadio" dagegen, teils in Köln, teils in Berlin produziert, ist eine nationale Institution, die von jeher dem politischen und kulturellen Wortprogramm mehr Raum eingeräumt hat als jeder Form von Musik & allen akustischen Begleitgeräuschen des Alltags, deren flächendeckende, sich überschneidende Totalität die Landesrundfunkanstalten sich angelegen sein lassen, obwohl eine Unzahl von regionalen Kommerzsendern auf der gleichen Dudelwelle sendet.

Verschafft DF & DR die nationale Funktion größere Unabhängigkeit sowohl von den parteipolitischen Interessen der Länder als auch von der Quotenhörigkeit der (nebenbei hochbezahlten) "Intendanten", denen der staatsvertraglich vereinbarte Minderheitenschutz der Kultur, ob im TV oder Hörfunk, noch nicht einmal als Feigenblatt dient, um immer neue Varianten eines dummdreistdämlichen Unterhaltungs-Programms auf Sendung zu schicken? Mag sein, ist aber keine Entschuldigung dafür, dass Elitz´ Intendanten-Kollegen sich generell kulturfeind- & konsumfreundlich verhalten.

Auch haben weder die Produzenten noch die Konsumenten von Kultur in Rundfunk & TV bisher eine Organisationsform gesucht, geschweige denn eine gefunden, die ihre gemeinsamen Interessen gegen den allseitigen Konformitätsdruck in den Funkhäusern bündelte und sie gegen eine parteiübergreifende Koalition von struktureller Dummheit und tagesaktueller Opportunität ins Feld führte, um so dem seit Jahren, wenn nicht gar seit Jahrzehnten dauernden öffentlich-"rechtlichen" Abbau kultureller Segmente in den steuerlich finanzierten Medien kategorisch Widerstand entgegenzusetzen.

So sind sie auf ein solches Intendanten-Unikum wie Ernst Elitz angewiesen, der eine demokratisch-republikanische Selbstverständlichkeit ausspricht, die fast "revolutionär" aussieht - als lebten wir (und wir tuns!) in feudalistischen Zeiten, wo auf einen gebildeten & kunstliebenden mäzenatischen Fürsten ein Dutzend duodezfürstlicher Debilitäten kamen. Elitz kommt nicht umhin, sowohl aktuell als auch historisch das Selbstverständliche, das allgemein ignoriert wird, statistisch und erinnerungsappellativ zu rechtfertigen: "4,3 Millionen hören täglich eines der öffentlich-rechtlichen Kulturprogramme, siebzehn Millionen schalten regelmäßig ein", schreibt er, wobei man sich fragen mag, worin sich die Differenz von rund 13 Millionen ausdrückt, die zwar "regelmäßig einschalten", aber im Gegensatz zu den 4,3 Mio. dabei: - "weghören" etwa?

Elitz begibt sich damit auf das weite & diffuse Feld der "Einschaltquoten", mit dem allerorten operativ im Trüben gefischt wird. Er will vielleicht weniger sich als seinen tauben Kollegen ein wenig Mut machen - groteskerweise Mut zur Erfüllung ihres "Programmauftrags" - und ihnen versichern, dass "mit diesen Hörerzahlen die Kulturprogramme längst aus der Nische herausgetreten sind, die ihnen in den öffentlichen Debatten zugewiesen wurde". Und er setzt, ganz medienkonform, hinzu, um dem Vorwurf des "Elitären" zu begegnen: "Das öffentlich-rechtliche Radio ist kein Redakteursradio, es ist ein Hörerradio. Es bietet Service". Der hanebüchene Unsinn, der heute mit dem scheinbar wertfreien Wort "Service" in den öffentlich-rechtlichen Medien getrieben wird, hat aber ja gerade dazu geführt, dass als gelungene "Dienstleistung" nur gilt, was durch "Quotenresonanz" abgesegnet wird - wie z.B. jene "mit Musiktapeten bekleisterten Studios, aus denen ein paar lockere Typen uns ein paar von Jingles zerhackte Wortfetzen entgegenrufen, samt Wetterbericht und Staumeldung". Derart charakterisiert Ernst Elitz treffend das Menetekel solcher "Serviceleistungen", das er von den öffentlich-rechtlichen Rundfunkwänden allerorten abliest.

Mit "Service" kann er das von ihm apostrophierte "Hörerradio" also nicht allein für die "Quotenhörigen" legitimieren. Er muss schon in der Rundfunkgeschichte bis in die späten Zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts zurückgehen, um gerade jetzt erst recht, "während der Zeitungskrise... eine kulturelle und literarische Grundversorgung zu bieten". Dabei hätte es eines solchen Rückgriffs in die "Steinzeit" des Rundfunks gar nicht bedurft, ein Rückblick auf das vergleichsweise "späte Mittelalter" des Mediums, sprich: in die Zeit von 1950/1970 hätte genügt, um die Öffentlich-Rechtlichen an die adäquate Erfüllung ihres Kulturauftrags zu gemahnen. Es ist aber wahrscheinlich schon mutig, dass ein Rundfunk-Intendant heute von einer kulturell präsenten Vergangenheit als fortdauerndem Auftrag für die Gegenwart spricht und von seinesgleichen verlangt, "sich für die Geisteskräfte zu entscheiden". Zu befürchten ist jedoch, dass die meisten seiner Kollegen gar nicht mehr wissen, was er meint - mangels Geisteskräften in Intendantenköpfen.

Wolfram Schütte

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