Fly and Error
28.03.2004
Anselm Brakhage, 25.03.2002
Ist Ihnen eigentlich bewusst, wie dramatisch schlecht es uns geht? Hier in Deutschland? Im wirtschaftlichen Sinne, versteht sich, alles Andere ist so weit im Lot. Gut, dass es so etwas wie Tourismusmessen gibt. Sonst hätte ich es vielleicht gar nicht gemerkt, sonst würde ich vielleicht glauben, wir lebten in einem KaufRauschRaff-, pardon: Wohlstandsland.
Jedenfalls erfuhr ich unlängst aus dem Radio von einem führenden Vertreter der Tourismusbranche, dass man für dieses Jahr bisher einen katastrophalen Einbruch von 10% bei den Reisebuchungen zu verzeichnen habe. Schuld sei weniger der 11. September als die verheerende Wirtschaftslage. Hinzu kommt natürlich schon, dass es tatsächlich immer lästiger und schwieriger wird, die Urlaubsrouten um aktuelle und potenzielle Kriegsgebiete herumzulotsen - letzteres ist meine freie Interpretation, das hat er natürlich so nicht gesagt. Er hat auch nicht gesagt, dass ihm die Arbeitslosenzahl eigentlich weniger Sorgen bereitet, solange die restlichen 76 Millionen weiter kräftig spaßreisenrauschen. Nein, er hat sich einfach nur auf die mangelnde Kaufkraft konzentriert.
Nun, das überrascht mich, ehrlich gesagt, doch ein wenig. Mir fällt eher auf, dass manche Klassenkameraden meiner Kinder seit Jahren keinen einzige Ferientag mehr in heimatlichen Gefilden verbringen. Dass manche Zehnjährige schon alle fünf Kontinente abgegrast haben. Dass ein fünfzehnjähriger Kollega aus der Erfahrung zahlreicher Besuche zu erzählen wusste, dass New York einfach geil sei: Markenjeans kriegst du da für weniger als die Hälfte verglichen mit hier. Eine weitläufige Bekannte beklagte sich in der Weihnachtszeit bei mir, dass es so kalt gewesen sei in ihrem letztjährigen Winterurlaub in der Türkei, sie habe aber trotzdem wieder gebucht. Selber schuld, habe ich gesagt, unter der Dominikanischen Republik würde ich's im Winter auch gar nicht mehr machen... inzwischen sind wir noch weitläufiger bekannt. Ein enger Bekannter lamentierte - gelangweilt im Sessel fläzend - über den Verrat der Regierungsgrünen an ihren Idealen. Es wurde nicht ganz klar, ob er damit eigene Ideale meinte oder die von Joschka. Wir konnten das auch nicht mehr klären, da er zeitig los musste, am nächsten Morgen ging sein Flieger; er musste einfach mal wieder raus. Wir sind immer noch enge Bekannte, aber ich spürte plötzlich und unerwartet einen Anflug von Sympathie für Joschka.
Führende Vertreter der Wirtschaftsforschung sagen uns im Übrigen einen Anstieg des Luftverkehrs um 70 % für die nächsten 20 Jahre voraus, ähnlich wie beim LKW-Verkehr. Unlängst wurden auch schon mal vorsorglich die Bestimmungen entsprechend angepasst und der Mindestabstand von Flugzeugen deutlich verringert.... Jaja, so ist das mit der unerträglichen Bürde grenzenloser Freiheit. Dabei kann Reisen doch so schön sein - wirklich! - obwohl die führenden Vertreter der Reisebranche das behaupten.
Anselm Brakhage
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