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Donnerstag, 17. Mai 2012 | 08:43

Fußball Macht Spaß ! Macht Fußball Spaß?

28.03.2004

Anselm Brakhage, 17.06.2002

 

Paraguay ist schwer zu spielen. Mit ihrer massiven Deckung. Irland auch, wie auch Finnland, Ukraine. Faröer Inseln. Ganz undankbare Gegner. Die liegen uns nicht. Da musst du selbst das Spiel machen. Anders als gegen Portugalien und andere Große Fußballnationen. Mit ihren überragenden Einzelkönnern aus den europäischen Topligen. Ich meine, da hast du's natürlich erst recht ganz schwer. Wir halten also fest: jedes Spiel ist schwer. Ist auch so. Kann man auch sagen. Aus Anerkennung der Realität und gebührendem Respekt vor dem Gegner. Aber bitte nicht als prophylaktische Entschuldigung oder nachgereichte Erklärung für dürftige Darbietungen, für fehlende Ballkunst. Kunst? Für schlechte Arbeit. Also, bei allem Verständnis für Leistungsschwankungen: Aber wenn ich es als Profi-Fußballer undankbar finde, das Spiel machen zu müssen, dann habe ich den Beruf verfehlt.

Ach, warum muss ich denn immer nörgeln? Warum kann ich nicht einfach das Fähnchen schwingen wie andere auch und mich freuen am Erfolg. Schließlich gibt er doch Recht, der Erfolg, den Rechthabern. Ich bin' s ja auch froh, dass wir noch mitmischen, damit die Stimmung hierzulande noch ein bisschen weiterköchelt. Ich mag es wenn's brodelt. Wenn alle drüber quatschen und sich samstags morgens aus dem Bett schälen, um ein Sportereignis mit dem Esprit von Bundesjugendspielen zu verfolgen.

Warum muss ich nur immer nörgeln? Schließlich haben wir jetzt wenigstens mal einen Trainer, dem man wirklich Gutes wünscht und auch zutraut. Und den Spielern kann man eigentlich auch nichts vorwerfen, außer einer gewissen Langweiligkeit. Naja, es ist nur, ich will einfach mal was Herzerwärmendes. Etwas nicht nur zum Abhaken. Ist mir egal, mit welchem System. Ist auch wirklich egal. Ich will, dass man vor einer Mannschaft auch den Hut ziehen kann, wenn sie verliert. Das ist alles. Dass sie alles versucht, Risiko eingeht, wenigstens ab und zu für Überraschungsmomente sorgt und nicht nur hofft und daran glaubt nicht zu verlieren. Irland zum Beispiel. Die haben das vorgemacht. Danke und Glückwunsch, Irland. Keiner wird euch zuhause oder anderswo irgendwelche Vorwürfe machen. Im Gegenteil. Ihr gehört zu den Gewinnern dieser WM.

Aber klar, von Irland hat ergebnistechnisch auch keiner mehr erwartet. Die hatten's ja leicht. Konnten nur gewinnen. Auch wenn sie verlieren. Kein Druck wie auf Figo, Batistuta, Henry, Totti, Ballack. Ist sogar was von dran. Es ist auffällig und irgendwie auch beruhigend, dass so viele Supermegastars mit dem Erwartungsdruck nicht fertig werden. Mit dem Druck verantwortlich zu sein für nationale Katastrophen. Kann ich verstehen. Eher erstaunlich, dass manche damit scheinbar zurecht kommen. Aber wartet's ab. Keiner ist vor dem Versagen sicher. Wisst ihr noch? Ronaldo 1998, Endspiel. Gelähmt, blockiert. Nichts ging.

Aber es macht mir trotzdem Spaß. Wie Senegal tanzt, Inamotos Jubel oder Concecaos Verzweiflungstränen schon während des Spiels. Rivaldo zwischen Genie und Lächerlichkeit. Und natürlich Miro furioso. Viel Unerwartetes, das ist klasse, wenn ich's auch schade finde, dass Argentinien nicht mehr dabei ist. Die sind eigentlich einfach zu gut, um sie nicht mehr sehen zu dürfen. Aber was soll's. Ja, und Costa Rica hat mir gefallen, auch wenn ich da vielleicht der Einzige bin. Cool, zielstrebig, ästhetisch, spielstark, kämpferisch, dynamisch. Aber erfolglos, ich weiß.

Verrückt, oder? Wie man sich dem allem hingibt. Und zwischendurch noch ein paar Nachrichten aufschnappt, von nuklearen Bedrohungen zum Beispiel. Wir wissen um die Propagandazwecke. Aber wir wissen auch, dass es trotzdem nur eine Frage der Zeit ist, bis es irgendwo passiert. Ob Kaschmir, New York, Frankfurt. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Oder lieber nicht. Vielleicht reden wir deshalb so viel über Viererketten und Muskelverhärtungen. Vielleicht ist es auch gut so, dass wir so viel über Viererketten und Muskelverhärtungen reden. Ja, ich glaube, es ist gut so. Ganz bestimmt.

So, nun steht's also fest: Die Amis sind unsere nächsten Gegner am Freitag. Oouuh, das wird ganz schwer. Aber alles ist möglich. Schließlich glauben angeblich über 40 % hierzulande schon an den WM-Titel. Wegen unserer Tugenden, die sich durchsetzen werden. Aber so ein paar Miesmacher werden auch dann noch nach dem Wie fragen.

Anselm Brakhage

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