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Donnerstag, 17. Mai 2012 | 08:43

Beautiful Dangerous World

28.03.2004

Anselm Brakhage, 16.09.2002

 

Jetzt schreien sie, die Technokraten, und wollen uns vor den Kriegskarren spannen. Das zieht natürlich: Ein Bösewicht baut Atombomben. Also, muss der Bösewicht weg. Und überhaupt alle Bösewichte dieser Welt. Da werden wir noch viel zu tun haben in Zukunft und gar nicht so viele übrigbleiben, die gänzlich und dauerhaft unverdächtig sind. Es ist frappierend, wie sehr wir gelernt haben unsere Ohren auf Durchzug zu stellen bei all dem Säbelrasseln. Aber sonst hältst du es ja im Kopf nicht aus. Denn es wird kommen. Und manches sonst wird noch passieren. Irgendein Größenwahnsinniger, Verrückter, Weltpolizist, krankhaft Machtbesessener, in welchem Gewand auch immer. Das Erstaunliche ist, dass es schon so lange nicht mehr gekracht hat, atomar meine ich. Bei soviel Potential. Fatalistisch klingt das? Zynisch? Nein, das Gegenteil von zynisch ist es.

Genau die, die uns seit jeher die Mär von der Sicherheit durch Atombomben, von der sauberen Zukunft durch Atomkraft auftischen, die schreien jetzt am lautesten und malen die Schreckensvisionen aus, um ihre Machtspiele zu legitimieren. Es stimmt absolut, die Lage ist gefährlich, verdammt gefährlich. Aber jeder weiß, dass die Gefahren durch Militärschläge mitnichten beseitigt, sondern weiter geschürt werden - das zu erkennen, dazu muss man kein Nahost- und kein Sicherheitsexperte sein.

Gleichzeitig erzählen uns unsere selbsternannten Wirtschaftsexperten - manche tragen auch noch den Kompetenz-Begriff sozusagen im Firmennamen - dass unser größtes Problem derzeit die drastisch sinkende Inlandsnachfrage ist. Egal - auch wenn die Welt schon halb in Flammen steht - kaufen sollt ihr, Konsumieren ist angesagt. Ist es zu fassen, dass man uns Anfang des 21. Jahrhunderts mit derart überholten ökonomischen, armselig stereotypen Mustern kommen will? Aber was die sinkende Reiselust angeht, da zeichnet sich ja Licht am Horizont ab. Wenn man erst mal für ein paar Euros durch Europa jetten kann, dann wird definitiv keiner mehr widerstehen können. Mindestens fünfmal im Jahr. Da muss man einfach mitmachen. Und Ölvorräte gibt es ja noch am Kaspischen Meer, hab ich mir sagen lassen... womit wir wieder den Bogen zum Eingangsthema gekriegt haben.

Es gibt stille Momente, bei Tagesanbruch, in der Abenddämmerung, nachts oder auch manchmal mitten im Alltagsgeschäft, da hörst du einfach nur das Universum rauschen und willst dich regelrecht berauschen daran; da fühlt es sich einfach verdammt gut an da zu sein, und man fühlt sich wirklich frei. Und dann merkst du wie wenig es eigentlich braucht um sich gut zu fühlen. Und wie wenig dieses Freiheitsgefühl mit dem Wohlstands-Freiheitsbegriff zu tun hat, sich alles leisten können zu wollen. Und manchmal stelle ich mir in diesen Momenten vor, dass das Heute vielleicht morgen schon als der Tag davor bezeichnet werden wird und dass ich mich dann - wenn ich mir überhaupt noch etwas werde wünschen können - nach diesen prallen Momenten einer vergangenen Zeit zurücksehne. Und auf einmal bekommt alles wieder mehr Gewicht.

Anselm Brakhage

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