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Wirtschaft und Kultur - Zum Zustand der Frankfurter Rundschau

28.03.2004

Thomas Rothschild, 21.10.2002

 

Man sollte öfter mal den Wirtschaftsteil und das Feuilleton einer Zeitung im Zusammenhang lesen. In der jüngsten Ausgabe der ZEIT findet sich im Wirtschaftsteil ein Artikel über die (ökonomische) Krise der Frankfurter Rundschau. Er endet mit der Perspektive eines möglichen Zusammenrückens der Redaktionen von FR und Süddeutscher Zeitung. Abschließender Kommentar: "Für die Rundschau-Redakteure ein echtes Schreckensszenario. Die Suche nach ihrer publizistischen Identität könnten sie dann einstellen."

In Wahrheit wurde diese publizistische Identität längst mutwillig aufgegeben. Für diese Tatsache liefert das Feuilleton derselben ZEIT-Ausgabe eine drastische Illustration. Dort versucht sich der Redakteur Thomas E. Schmidt in Intellektuellenschelte, einer zur Zeit beliebten Sportart. Gleich im ersten Absatz verhöhnt er den "weltverlorenen politischen Maximalismus und die risikolose Moral", die "auf nachsichtige Duldung hoffen" durften, "wenn der Autor vorher einen passablen Roman verfasst hat oder wenn es, sagen wir," - na, wo wohl? - "im Feuilleton der Frankfurter Rundschau stand".

Mit einer delikaten Mischung aus Profilierungssucht und Unterwürfigkeit polemisiert Schmidt gegen seinen verantwortlichen Ressortleiter Jens Jessen, der zuvor im gleichen Blatt "für Abständigkeit als letzte verbleibende intellektuelle Haltung angesichts einer ideologischen Phalanx aus Massenkultur, Neoliberalismus und kulturellem wie politischem Amerikanismus" plädiert hatte. Hämisch spottet Schmidt über Jessens angebliche Haltung, die in Kunst und Kultur "nur noch von Kapitalismus und Imperialismus besetzte Kolonien" sehe. Dem stellt Schmidt schulterklopfend jene Künstler oder Literaten gegenüber, "die sich ernsthaft mit profanen Fragen des Gemeinwesens auseinander setzen". Wer nun an Kindergartenplätze denkt oder an die Bekämpfung der zunehmenden Armut oder an einen erleichterten Zugang zu Bildungsangeboten, der hat unseren Schmidt unterschätzt. Seine Idole machen sich über ganz andere Dinge Gedanken: "Ob nicht beispielsweise der Arbeitsmarkt doch ein wenig flexibilisiert gehöre und angesichts des Zustands der Sozialsysteme die schematische Beschwörung sozialer Gerechtigkeit wirklich die einzig mögliche intellektuelle Haltung sei. Oder wie weit der traditionelle Pazifismus noch trägt, wenn Saddam Hussein ein Hindernis für Frieden im Nahen Osten darstellt und der amerikanische Krieg gegen ihn trotzdem Unrecht ist."

Was hat das nun alles mit dem Artikel im Wirtschaftsteil zu tun? Die heimliche Pointe liegt in der Herkunft der Antagonisten. Thomas E. Schmidt war nämlich über Jahre hinweg Feuilletonredakteur der Frankfurter Rundschau, der man die "schematische Beschwörung sozialer Gerechtigkeit" seinerzeit kaum übel genommen hätte, während Jens Jessen von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung kommt, deren Ablehnung von Kapitalismus und Neoliberalismus bisher kaum aufgefallen ist. Schmidt will uns also drastisch vor Augen führen, dass er seinen "Chef" weit rechts überholt hat und sich - wer weiß - in schlechteren Zeiten, wenn auch die ZEIT Redakteure entlassen muss, zu dessen Nachfolger qualifiziert.

Der wendige Thomas E. Schmidt ist der Zeitung, der er einst angehörte, ehe er über Springers Welt in die ZEIT geriet, mit pionierhafter Kühnheit vorausgegangen. Mit etwas Geduld hätte er auch bleiben und dortselbst Karriere machen können.

Rekapitulieren wir: Die Frankfurter Rundschau war die Zeitung der 68er. Die linksliberale Leitung ließ ein Feuilleton zu, in dem sich eine ganze Generation von Lesern und Autoren wiederfand. Hier konnte man Artikel lesen und schreiben, die anderswo keine Chance hatten. Hier wurden Themen diskutiert, die anderswo nicht auftauchten, hier kamen Ansichten zu Wort, die anderswo unterdrückt wurden. Hier hielt man an den Idealen der Aufklärung fest, als sich anderswo der Zynismus ausbreitete. Wer, obwohl ihm Alternativen offenstanden, in der FR schrieb und bei schlechter Honorierung in Kauf nahm, dass Artikel dort mit mehr Druckfehlern erschienen als in jeder anderen überregionalen Tageszeitung, der tat das aus zwei Gründen: weil ihm die FR in ihrer Haltung und ihrer Politik nahestand und aus Loyalität.

Diese Frankfurter Rundschau gibt es längst nicht mehr. Sie ist austauschbar geworden, und gelegentlich wird sie von der dezidiert konservativen Presse links überholt. Geblieben ist sonderbarerweise ihr Ruf als "gewerkschaftsfreundlich". Für freie Mitarbeiter war dieser Ruf nie gerechtfertigt. Er verdankte sich gedruckten Kommentaren, gewiss nicht dem Umgang mit Menschen und ihrer Arbeit. Auch die Kommentare aber haben sich geändert. Peter Iden, der Theaterredakteur der Frankfurter Rundschau und einst, vor langer Zeit, Parteigänger der ästhetisch und politisch revolutionären Aufbrüche an der Berliner Schaubühne, wusste (in der FR vom 6.3.2002), woran die deutschen Theater kranken: an den Angestellten der Bühnen, die "mehrheitlich im Öffentlichen Dienst gewerkschaftlich organisiert sind", am "oft betriebsfremden Anspruchsdenken der Gewerkschaften". Er hat offenbar begriffen, dass "der Arbeitsmarkt doch ein wenig flexibilisiert gehört angesichts des Zustands der Sozialsysteme". Sein einstiger Kollege Thomas E. Schmidt kann mit ihm zufrieden sein.

Bloß: welche "publizistische Identität" wollen die Rundschau-Redakteure da noch finden?

Thomas Rothschild

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