Der Bock alsGärtner: Caspar Einem und die Frauen
28.03.2004
Thomas Rothschild, 11.11.2002
Der Anteil der Frauen soll in allen Verwendungsgruppen und Funktionen auf mindestens 40 Prozent erhöht werden. Bis zur Erreichung dieser Quote sind Bewerberinnen, die für eine angestrebte Planstelle nicht geringer geeignet sind als der bestgeeignete Mitbewerber, bevorzugt aufzunehmen. Dies ist auch in der Ausschreibung zu vermerken." Diese Formulierung stammt zwar nicht von Caspar Einem, weshalb sie in korrektem Deutsch abgefasst ist. Aber in seiner Eigenschaft als österreichischer Minister für Wissenschaft und Verkehr machte er sie sich zueigen und rühmte sich gern mit ihr.
Im Juni 2002 wurde Caspar Einem zum Präsidenten des Bundes Sozialdemokratischer Akademikerinnen und Akademiker, Intellektueller, Künstlerinnen und Künstler (BSA) gewählt. Der BSA hat acht Landesvorsitzende. Davon ist gerade einer (in Zahlen: 1) eine Frau. Das kann nur heißen, dass die österreichische Sozialdemokratie über keine Frau verfügt, welche die limitierte intellektuelle Kapazität eines Caspar Einem erreicht (wie steht eigentlich Hannelore Eva Kreisky, die Mentorin von Einems Frauenförderplan, zu dieser Möglichkeit?), oder dass dieser ein weiteres Mal beweisen wollte, dass er ein schamloser Heuchler und bedenkenloser Lügner ist, der seine angeblichen Prinzipien nur auf Männer ohne SP-Parteibuch, nie aber auf sich selbst anwendet. Eine professionell mit der Benachteiligung von Frauen beschäftigte und mit Einem vertraute Freundin schreibt mir dazu: "Du hast sicher recht: Einem ist ein Heuchler, bzw. wenn es um eigene Positionen geht interessieren sich die meisten Männer/Politiker kein bisschen für Abbau der Geschlechterungleichheit. Mein Leben aber ist kurz und wird immer kürzer und ich will meine Zeit nicht für Proteste, die ununterbrochen nötig wären, verwenden."
Man sollte denn auch bei den Frauen, die Quotenvergünstigungen für sich in Anspruch genommen haben, sehr genau darauf achten, dass sie die von ihnen forcierten Spielregeln einhalten, wenn es um die Karriere ihrer herangewachsenen Söhne geht. Auch ihnen sollte man eine verlogene Doppelmoral nicht durchgehen lassen. Für weitere Belege solch einer Doppelmoral siehe mein Buch Von Einem, der auszog das Fürchten zu lehren. Streitschrift wider einen exemplarischen Karrierepolitiker, Czernin Verlag, Wien 2001. Darin steht, wovon der einst dem Frankfurter Pflasterstrand, heute jedoch eher einem sozialdemokratischen Ortsgruppenblatt verwandte Wiener Falter (dessen Chefredakteur Armin Thurnher gerade so lange für Diskussionsbereitschaft plädiert, wie man seinen Ansichten nicht widerspricht) wie das österreichische Nachrichtenmagazin profil (das eine Redakteurin recherchieren lässt, die Ergebnisse der Recherche dann aber unterdrückt) wie der ORF - Pressefreiheit hin, Informationspflicht her - schweigen: Eine Schmierenkomödie mit Caspar Einem, der Wasser predigt und Wein (und nicht zuwenig davon) trinkt, das Gesetz bricht und mit Zynismus und Lügen Karriere macht, mit Evelyn Deutsch-Schreiner, Professorin für Quote und Intrige sowie für positivistische historische Erforschung der Verdrängung von Juden und Linken aus den Institutionen und dem kulturellen Bewusstsein Österreichs mit gegenwärtiger praktischer Anwendung, die somit von jenen Diskriminierungen profitiert, die zu kritisieren sie vorgibt, mit Kitty Buchhammer, der Cholerikerin als Pädagogin, und mit Bundespräsident Klestil, der es hinnimmt, dass durch seine Unterschrift, die auf falschen Informationen beruht, die Zukunft eines "Untertanen" zerstört wird.
Es ist diese Verlogenheit, diese Doppelzüngigkeit, mit der Grundsätze deklariert, aber nie eingehalten werden, wenn es um die eigenen Pfründe geht, was junge Menschen begreiflicherweise skeptisch macht gegenüber der Politik und ihren Repräsentanten. Denn Caspar Einem ist nur ein besonders dreistes Beispiel eines Politikertypus, der in Österreich und darüber hinaus verbreitet ist. Darüber hinaus, aber nicht überall. Was die Tradition der Denunziation und des Nepotismus angeht, also die demokratiefeindliche Vernichtung von persönlichen Gegnern und die Gewährung bzw. Erschleichung von persönlichen Vorteilen über private Verbindungen, kann es allenfalls Russland mit Österreich aufnehmen. Von Metternich zu Caspar Einem und von Metternichs Hausmeistern zu Kitty Buchhammer führt ein direkter Weg. "Man richtet es sich" in Österreich. In Deutschland ist dieser geläufige Ausdruck unbekannt.
Und keiner in Einems Partei sagt: Schluss jetzt. Die Ekelgrenze ist überschritten. Stattdessen wiederholt Einem stumpfsinnig die Vokabeln "Glaubwürdigkeit" und "Chancengleichheit" und "Gerechtigkeit". Für "Glaubwürdigkeit" will ausgerechnet der Sohn der Liane von Bismarck, die mit der Familie Göring befreundet war, und Gottfried von Einems, der 1937 aus Österreich ins nationalsozialistische Deutschland ging, um Karriere zu machen, als andere in die entgegengesetzte Richtung emigrierten oder in KZs deportiert wurden, auch eintreten durch einen "offenen und ehrlichen Umgang mit der Geschichte". Es ist ja mittlerweile bekannt, dass der BSA, um dem Protektionismus des katholischen CV eingestandenermaßen ein "linkes" Gegenstück zu schaffen, in Ermangelung einer originär sozialdemokratischen Intelligenz nach 1945 bis zu 40 Prozent ehemalige Nationalsozialisten aufgenommen hat (da war er jedenfalls effektiver als bei der Wahl von Frauen in die Vorstandspositionen). Jetzt, da diese verstorben oder in Pension sind, will Einem zu diesem Thema Symposien abhalten. Von einer Genugtuung für jene, die sowohl vom CV, wie von den Nazis im BSA geschnitten wurden und denen in Ermangelung eines Parteibuchs und weil sie weder katholisch, noch Nazis waren, jede Berufsperspektive in Österreich gestohlen wurde, ist keine Rede.
Thomas Bernhard hat kein bisschen übertrieben. In Österreich haben sich die katholischen Nazis und die sozialdemokratischen Nazis die Macht geteilt. Dies und nur dies ist der Sinn von Proporz und großer Koalition. Wer weder der einen, noch der anderen Hälfte angehört, hat kaum eine Chance. Noch Bruno Kreisky, qua Herkunft zum Nazi nicht geeignet, musste wenigstens andere Nazis decken, um seiner Partei willkommen zu sein. In Brechts Tagen der Commune haben die Kommunarden (wie ihre historischen Vorbilder) beschlossen, "nunmehr schlechtes Leben/ Mehr zu fürchten als den Tod." Will heißen: "In Erwägung: Ihr hört auf Kanonen -/ Andre Sprache könnt ihr nicht verstehn -/ Müssen wir dann eben, ja, das wird sich lohnen!/ Die Kanonen auf euch drehn."
"Schlechtes Leben" meint heute nicht allein materielle Not, sondern auch entwürdigende Diskriminierung. Zwischen der Menschenverachtung privilegierter Politiker und der zunehmenden selbstzerstörerischen Gegengewalt gibt es einen ursächlichen Zusammenhang. Ist es bei der schnoddrigen Gleichgültigkeit gegenüber einzelnen Schicksalen, bei dieser kaltschnäuzigen Zerstörung von Existenzen und dieser kalkulierten Verursachung von "schlechtem Leben" anderer wirklich überraschend, wenn sich Einzelne, und sei es um den Preis des eigenen Tods, den Verursachern gegenüber mit Gewalt wehren? Bei der Unverfrorenheit, mit der Politiker Lebensentwürfe vernichten, dürfen sie sich nicht wundern, wenn mal einer ausflippt und die verbreiteten rabiaten Rachephantasien in die Tat umsetzt, die zahlreiche Filme ja nicht produzieren, sondern lediglich reproduzieren. Handeln Selbstmordattentäter unter dem Gesichtspunkt der Gerechtigkeit nicht rationaler als die ewigen Dulder und Vergeber, die dem Unrecht der Starken eine scheinbare Legitimation verleihen, während diese noch niemals vergeben haben, wenn ihnen genommen wird? So wird der Besitzstand unter Mitwirkung der Opfer bewahrt.
Thomas Rothschild
|
Von der Verrohung des Bürgertums
Ja, die Welt ist schlecht, weil ungleich. Aber hurra – wir tun doch was! Das Netzwerk der »Tafeln« sorgt dafür, dass auch Hartz-IV-ler würdig ...
Wenn man mit der Mafia seinen Doktor macht
Zwei Neuerscheinungen aus Deutschland und den USA nehmen einen trivialen Gegenstand ernst: die erfolgreiche Fernsehserie The Sopranos, die im Mafia-Milieu spielt. THOMAS ROTHSCHILD hat ...
Propagandaschlachten
Nahost-Interessierte kennen die Situation: geht es um Araber und den deutschen Nationalsozialismus, ist die Diskussion zuende, sobald ein Name fällt. Der 1974 verstorbene Großmufti von ...
Vergangen, aber nicht vorbei
Vor nicht einmal 25 Jahren war sie noch in aller Munde, die Apartheid, und ebenso das Land, zu dem sie allein zu gehören schien, Südafrika. Heute scheint sie und die unmenschlichen ...
Gesamtnote: zehn. Bestanden!
Heute heißt es runter, heute ist Sturzflugprüfung und Telemark muss springen. Edward van de Vendel und Alain Verster erzählen in Die Taube, die sich nicht traute von jenem ...
Der neue Schulmädchenreport
»Das wird ein Riesen-Mega-Hammer-Hit!« - Ein Hit waren schon Enid Blytons Serienauftakt über The Twins at St. Clares, ein Riesenhit die ...
Der Kaiser der Revolution
Die Geschichte des Films ist, technisch betrachtet, die Geschichte einer permanenten Annäherung an die Wirklichkeitsillusion. Nachdem Ende des 19. Jahrhunderts aus einer Kombination dreier ...
|