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Donnerstag, 17. Mai 2012 | 08:44

28 Stunden

28.03.2004

Thomas Rothschild, 09.12.2002

 

Kürzlich hielt ich mich vor einem Kinosaal auf, in dem für mehrere Grundschulklassen ein Kinderfilm gezeigt werden sollte. Nach und nach kamen die Lehrerinnen - es waren ausschließlich Frauen! - mit ihren Schülerinnen und Schülern an. Das war ein Gewurle wie in einem Ameisenhaufen, ein Geschnatter und Gezwitscher wie in der Vogelabteilung eines Tierparks. Ich hielt es keine fünf Minuten aus. Doch die Lehrerinnen kümmerten sich um ihre aufgeregten Schützlinge, geduldig, liebevoll, ubiquitär mit Aug und Ohr.

Und das haben die nun 28 Stunden in der Woche. 28 Stunden Bewegungsdrang und Äußerungsbedürfnis, 28 Stunden Hektik und Kommunikation, 28 Stunden, in denen ihren Betreuern Aufmerksamkeit und Verständnis abverlangt wird.

Ist das jenen eigentlich bewusst, die Lehrer und Lehrerinnen schmähen, ihnen die paar Wochen Ferien im Jahr neiden, die gnadenlos reagieren, wenn diesen mal die Nerven durchgehen? Was gibt es eigentlich für ein rationales Argument dafür, dass vor allem Grundschullehrer - aber auch Hauptschul- und Gymnasiallehrer - nicht nur geringer geachtet, sondern auch weitaus schlechter bezahlt werden als Universitätsprofessoren mit einem Deputat von gerade 8 Wochenstunden? Womit rechtfertigt sich deren höhere Gehaltseinstufung, zumal wenn sie nicht nachweislich forschen (und der Öffentlichkeit die Ergebnisse ihrer Forschung zugänglich machen), sich oft nicht einmal über den aktuellen Erkenntnisstand ihres Faches am Laufenden halten, sondern - wie das in manchen Disziplinen die Regel, in anderen nicht selten der Fall ist - Jahr für Jahr, bisweilen über Jahrzehnte hinweg, die gleichen Routineveranstaltungen abhalten?

Dahinter stecken die alten Standesdünkel, die Differenzierungen zwischen einer kostbaren Erziehung privilegierter Eliten und der wohlfeilen Ausbildung der Massen. Die Grundschullehrerin und der Grundschullehrer unterscheiden sich in Wahrheit von der Universitätsprofessorin und dem Universitätsprofessor keineswegs durch eine geringere, sondern eher durch eine größere Arbeitsleistung. Dass ihre eigene Ausbildung kürzer war: welch ein perverses Argument! Muss, wer das Privileg hatte, länger zu studieren, also einer lustvollen, selbstbestimmten Betätigung nachzugehen anstatt bereits einer Erwerbsarbeit ausgesetzt zu sein, auch noch lebenslang dafür belohnt werden? Und wer denn glaubt, dass Universitätsprofessoren grundsätzlich Ausnahmebegabungen seien, der sollte sich mal in eine Fakultätssitzung schleichen. Die unterscheidet sich nicht von einer Lehrerkonferenz an der Grundschule, jedenfalls nicht zu ihrem Vorteil.

Die aktuellen Offensiven, die demokratischen Bildungsreformansätze der sechziger und siebziger Jahre zurückzunehmen und Eliten zu fördern, sind Ausdruck eines allgemeineren antistaatlichen Affekts zugunsten der Privatisierung von bislang öffentlichen Zuständigkeiten. Die Bourgeoisie plädiert, ohne es so zu nennen, auf allen Gebieten für eine Klassentrennung der Kultur. Sie beruft sich auf den Status quo, statt jene, die seit Generationen benachteiligt waren, durch bessere Bildungsmöglichkeiten zu befähigen, Zugang zu finden zu jener Kultur, deren Wert sie sehr genau kennt, weil sie ihr Leben alltäglich bereichert. Die Progressivität jeder sozialen Bewegung wäre daran zu messen, ob sie im Sinne der Egalität für den Zugang aller zu den Privilegien (die dann keine mehr sind), also auch zu Bildung und Kultur kämpft, oder ob sie nur für sich einen Anteil an diesen Privilegien fordert, die Klassentrennung aber nicht in Frage stellt. Im Augenblick ist eine signifikante progressive soziale Bewegung in diesem Sinne in Europa kaum wahrzunehmen.

So hat man in Mitteleuropa unter Mitwirkung der Sozialdemokratie, die darin der konservativen Konkurrenz gleicht wie ein Ei dem anderen, nach angloamerikanischem Vorbild das Bakkalaureat als Studienabschluss eingeführt. Dient das wirklich jenen, als deren Advokat sich die Sozialdemokratie einst aufspielte, den sozial Schwachen, den Kindern von Nichtakademikern, den Unterprivilegierten? Die Einführung des Bakkalaureats (des englischen Bachelors) bei gleichzeitiger Zulassung von Privatuniversitäten bedeutet nichts anderes als die Verstärkung des Zweiklassensystems in der Bildung: ein rasches Discount-Studium für die Massen und eine bevorzugte Ausbildung für zahlungskräftige Eliten. Sie suggeriert der Öffentlichkeit, Bildung könne ohne Verlust in kürzerer Zeit (also billiger) als bisher vermittelt werden. Dabei sagt einem der gesunde Menschenverstand, dass der immer größer werdende Fundus von Erkenntnissen und Verfahren in sämtlichen Disziplinen zu seiner Erlernung nicht weniger, sondern mehr Zeit benötigt als früher. Die Anwendung von in der industriellen Produktion üblichen Wirtschaftlichkeitsüberlegungen erweist sich in der Ausbildung als inadäquat. Wer an der Bildung spart, schadet über kurz oder lang der Gesellschaft und der gesamten Bevölkerung. Wer möchte wirklich von einem schlecht ausgebildeten Arzt behandelt werden? Wer möchte seine Kinder zu einem Lehrer in die Schule schicken, der seinerseits unzureichend ausgebildet ist?

Damit sind wir wieder am Beginn unserer Überlegungen, bei der entwürdigenden Missachtung derer, die zuständig sind für die vornehmste und demokratischste Aufgabe der Pädagogik, 28 Stunden in der Woche, vor zappeligen und zwitschernden Menschlein aller sozialer Schichten: der Grundschullehrer. Wir verneigen uns vor ihnen. Wenigstens an dieser Stelle.

Thomas Rothschild

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