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Donnerstag, 17. Mai 2012 | 08:47

Robert als Richard - Wie DuMont Edmund Crispin verstümmelt

29.03.2004

Thomas Rothschild, 13.01.2003

 

Volker Neuhaus, der Herausgeber von DuMont's Kriminal-Bibliothek, gehört zu jener kleinen Schar von Liebhabern, die dem literarischen Kriminalroman zu der Anerkennung verhelfen wollen, die er verdient. Der Engländer Edmund Crispin (1921-1978) ist einer der ambitioniertesten Autoren dieses Genres. Was er seinen "Detektiv", den Oxford-Professor der Literaturwissenschaft Gervase Fen, sagen lässt, dass es sich nämlich beim Kriminalroman um die einzige literarische Form handle, die die wahre Tradition des englischen Romans fortführe, mag in dieser Ausschließlichkeit falsch sein: für Crispins Romane trifft es zu. Diese Bücher faszinieren durch skurrile Charaktere, durch subtilen Witz und durch einen ziselierten ironischen Sprachgestus. Stil ist in diesen Romanen nicht Beiwerk, sondern macht ihr Wesen aus.

Umso ärgerlicher, dass die deutsche Ausgabe von The Case of the Gilded Fly (Mord vor der Premiere) - um es in der einzigen dafür geeigneten Sprache auszudrücken: - unter jeder Sau ist. Die Missachtung gegenüber dem Kriminalroman, die manche Verleger und Herausgeber bedauern, setzt sich in ihrem eigenen Umgang mit diesen Texten fort. Druckfehler wie "Publikumm", "trifftig", "vorwurtsvoll", "Gott sein Dank" und unzählige andere mag man ja noch hinnehmen. Eine Übersetzung, die jedem Studenten des vierten Semesters zur Überarbeitung zurückgegeben würde und absolut nichts mehr von der sprachlichen Eleganz des Originals verrät, die Wort für Wort überträgt, Idiome verkennt und Entsprechungen in der deutschen Sprache gar nicht erst in Erwägung zieht, ist schon ärgerlicher. Da ist von "minderen Satirikern" die Rede, wo es natürlich "zweitrangige Satiriker" oder "unbedeutende Satiriker" lauten muss. Da heißt es "Nein, lassen Sie mich Ihnen etwas holen", wo jeder des Deutschen Mächtige sagen würde: "Nein, überlassen Sie das mir" oder "Nein, ich hol etwas für Sie". Da gibt es "sich wechselnde Gefühlszustände" anstelle von "sich abwechselnden" oder schlicht "wechselnden Gefühlszuständen". Den Sinn des folgenden Satzes kann der kundige Leser nur erraten: "Er überschaute diese Paraphrase einen Augenblick kritisch, bevor er sie geringeren Intelligenzen vorwarf." Ein "Verspaar" wird, wie so oft in schlechten Übersetzungen, wieder einmal, vom englischen Wortlaut verführt, zu einem "Reimpaar". Sind die "Unangenehmlichkeiten" noch ein Druckfehler oder bereits Zeuge der sprachlichen Inkompetenz der Übersetzerin? Hätte sich der Lektor zudem entschlossen, vier Fünftel des Vorkommens von "Liebes" und "Liebling" zu streichen, hätte sich der Text schlagartig dem üblichen Deutsch angenähert.

Vollends unerträglich aber wird es, wenn an einer Stelle von einem Richard die Rede ist, der den auf Rätsel eingestellten Leser in tiefe Verwirrung stürzt. Zwar gibt es einen Richard in diesem Roman, aber der passt nun gar nicht in diesen Zusammenhang. Wenn der verzweifelte Leser, auf eine Erklärung verzichtend, weiterliest, stößt er ein paar Seiten weiter auf einen durchaus vertrauten Robert, der, wie jetzt klar wird, dort gemeint war, wo Richard stand. An anderer Stelle fragt Fen einen Nicholas (der auch mal als Nicolas auftaucht) nach Nicholas, wo es richtig Donald heißen müsste. Solche Mystifikationen, die sich der Schlamperei der Übersetzerin und des Lektorats verdanken, hat ein Krimi von Crispin nicht nötig. Daher unser Vorschlag an DuMont: Stampfen Sie die gesamte Auflage ein und unternehmen Sie eine neue Anstrengung, oder überlassen Sie es einem anderen Verlag, Crispin "seinen jetzigen und künftigen deutschen Freunden in neuen, z.T. erstmals unverstümmelten Übersetzungen vorzulegen", wie Volker Neuhaus im Nachwort drohend verspricht.

Im übrigen aber steht DuMont nicht allein da. S. Fischer, seit je der Verlag Arthur Schnitzlers, aber zu einer halbwegs zuverlässigen Edition unfähig, entblödet sich nicht, noch im Jahr 2002 eine Taschenbuchausgabe seines großen Romans Der Weg ins Freie herauszubringen, in der es von Druckfehlern wimmelt und - hallo Richard, hallo Donald! - dem Protagonisten Georg eine Frage zugeschrieben wird, die sein Gesprächspartner Heinrich stellt. Solange der Frankfurter Verlag derart fahrlässig mit einem seiner bedeutendsten Autoren umgeht, sollte man für den Weg ins Freie auf die vorzügliche Ausgabe des Residenz Verlags zurückgreifen.

Thomas Rothschild

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