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Donnerstag, 17. Mai 2012 | 08:48

Vorbild Literatur

29.03.2004

Thomas Rothschild, 10.03.2003

 

Man kann es nicht mehr hören. Ständig wird dem Bundeskanzler unter lautstarker Mithilfe der Medien vorgeworfen, er habe Deutschland mit seiner Irak-Politik "isoliert", und auch seine treuesten Anhänger, ja selbst die mehr oder weniger radikalpazifistische Jusovorsitzende, nehmen dieses Scheinargument ernst, indem sie es zu widerlegen versuchen mit dem Hinweis auf die Übereinstimmungen mit Frankreich, Russland und China. Was aber bedeutet der Vorwurf? Dass ein deutscher Bundeskanzler nicht als Repräsentant eines souveränen Staates zu handeln, sondern sich dem Diktat einer Supermacht zu fügen habe. Man kann einen Krieg gegen Saddam Hussein - mit guten oder mit vorgeschobenen Gründen - für sinnvoll und gar notwendig halten oder - mit guten oder mit vorgeschobenen Gründen - nicht. Man kann Krieg für gerechtfertigt halten, wenn er ein menschenverachtendes Regime stürzt, und man kann jene für zynische Heuchler halten, die einen Krieg mit dieser Begründung rechtfertigen und zugleich andere, manchmal sogar die selben menschenverachtenden Regimes an die Macht bringen, dulden, unterstützen, aufrüsten oder zu jenen, die all dies tun, schweigen. Man kann die Massenmörder und Kriegsverbrecher Saddam Hussein und Putin und noch einige andere beseitigen wollen. Schwerlich aber kann man Kriterien benennen, die es erlauben, den Diktator und Massenmörder Pinochet an die Macht zu putschen und den Irak wegen seines Diktators zu bombardieren, und schon gar nicht kann sich, wer dies tut oder toleriert, auf Menschenrechte berufen.

Vieles kann man, nur eines nicht: jemandem, der am Sinn oder der Notwendigkeit eines Krieges zweifelt, ankreiden, er würde sich und sein Land isolieren, wenn er entsprechend handelt. Solch ein Vorwurf ist schlicht infam.

Die Literatur weiß es besser. Der Amerikaner Reginald Rose schrieb einst das Stück "Die zwölf Geschworenen", das als Fernsehspiel und vor allem als Film ein großer Erfolg wurde. Darin spielte Henry Fonda jenen Geschworenen, der sich, ganz im Sinne der Kritiker Schröders, "isoliert", indem er sich als einziger weigert, einer Verurteilung zuzustimmen, weil er die Schuld des Angeklagten nicht jenseits aller vernünftiger Zweifel, also mit absoluter Sicherheit für erwiesen hält. In Reginald Roses Fiktion gelingt es dem einen, die anderen nach und nach von seinen Bedenken zu überzeugen. Aber auch wenn ihm das nicht gelänge: die von Henry Fonda verkörperte Figur bliebe ein Vorbild für das kritische Amerika, das seinen Überzeugungen, nicht dem Druck einer hasserfüllten Mehrheit folgt. So hat man "Die zwölf Geschworenen" seinerzeit verstanden. Der mutige Individualist, der sich, isoliert, gegen den lynchbereiten Mob stellt, gehört spätestens seit "The Oxbow Incident" zum Inventar des demokratischen amerikanischen Films, auch noch in seiner Umkehrung, in der Figur des "isolierten" Sheriffs aus Fred Zinnemanns "High Noon", der allein Widerstand leistet, wo die anderen sich feige arrangieren. Eigentlich darf sich in einer guten amerikanischen Tradition wähnen, wer sich, seinem Gewissen und besserer Einsicht folgend, isoliert gegenüber der mörderischen Hysterie.

Überhaupt verblüfft es immer wieder, wie hell- und weitsichtig Literatur sein kann. Der deutsche Dramatiker Christian Dietrich Grabbe schrieb bereits vor 168 Jahren ein Stück über Bush und den Irak. Sein Titel: "Hannibal". Darin schicken die Römer einen Gesandten zu Gisgon, Melkir und Hanno, den Herrschern von Karthago. Der macht seine, wie er erklärt, "billigen" Friedensvorschläge. Die Karthager müssen unter anderem ihre Waffen und Kriegsschiffe ausliefern, bis auf zwanzig, welche sie in Stand halten und ersetzen mögen, aber nie vermehren dürfen. Die Karthager gehen darauf ein, und der Gesandte verspricht, er werde Weiteres nicht fordern. Doch kurz darauf trifft ein zweiter Gesandter ein. Und der verlangt, dass Karthago geschleift werde. Vierzig Stadien vom Meer könnten die Karthager eine neue Stadt mit anderem Namen bauen. Erst jetzt durchschaut Gisgon das Spiel der Römer. "Du, Schurk, wusstest, dass der zweite Botschafter nachkam, nachdem Du uns die Waffen abgelockt - Und Du warst bestellt, den Rest Karthagos zu vertilgen, wenn wir wehrlos geworden -"

Hat George W. Bush Grabbe gelesen?

Thomas Rothschild

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