Exil
29.03.2004
Thomas Rothschild, 14.04.2003
Ein bitteres Brot. Wenn einer satt ist, geht er nicht auf die Straße Musik machen.
Anton Tschechow: Drei Schwestern
Wo ich aus einem Konzertsaal oder einem Opernhaus trete, zwischen Salzburg und Ludwigsburg, zwischen Stuttgart und Frankfurt, stehen sie schon da, die Musiker aus Sankt Petersburg, die auf Blasinstrumenten virtuos das Opernrepertoire vor- und nachspielen. Sie würden jedem Orchester zur Ehre gereichen. Aber sie stehen buchstäblich auf der Straße mit einem Papptäfelchen im Instrumentenkasten und bitten demütig um ein Almosen. Die Umstehenden applaudieren und werfen dann einen Euro in das Futteral. Die Geste ist eindeutig. Deutschland hat den Zweiten Weltkrieg gewonnen, und die Russen sind die Verlierer, die froh sein müssen, wenn sie beim Sieger betteln dürfen. Und keinem steigt die Schamröte ins Gesicht. Was geht es uns an, wenn Russland seine Musiker nicht ernähren kann.
Die Zuwanderung wird hierzulande stets diskutiert, als gebe es kein größeres Glück, als in Deutschland zu leben. Ein beträchtlicher Teil der Zuwanderer kommt nicht deshalb nach Deutschland, weil es hier schöner wäre als in ihrer Heimat oder weil sie nicht lieber bei ihren Verwandten und Freunden in vertrauter Umgebung blieben, sondern weil die - von den reichen Ländern mitverschuldete - wirtschaftliche Lage sie dazu zwingt. Exil bedeutet heute nicht mehr unbedingt, dass man Gefängnis oder Tötung entflieht. Das moderne Exil besteht in der durch Arbeitsmangel und materielle Not erzwungenen Emigration. So gesehen haben die Zuwanderer aus den armen Ländern den gleichen Status wie jene Oppositionellen aus der DDR, die nach der Ausbürgerung Biermanns nicht durch Kerker oder gar an Leib und Leben bedroht waren, wohl aber in ihren Möglichkeiten zur Arbeit und damit zum materiellen Überleben.
Wenn Zuwanderer nicht als Abenteurer, sondern als Exilanten zu uns kommen, dann ist es wohl sinnvoll, dass sie die deutsche Sprache erlernen und sich um Integration bemühen, die ihnen nicht immer leicht gemacht wird. Das ist eine Sache der pragmatischen Notwendigkeit. Eine Sache der Höflichkeit, des Taktes und der Gastfreundschaft wäre es, dass sich die Deutschen für die Kulturen jener Länder interessieren, die diese Zuwanderer verlassen mussten, wollten sie nicht in Not leben. Dass dieses Interesse für die Deutschen selbst eine Bereicherung wäre, ist leider nur wenigen bewusst. Man bietet zu wenig Gelegenheiten, diese Erfahrung zu machen.
Ich weiß, wovon ich rede. Auch ich lebte lieber in meiner österreichischen Heimat, wenn mich die Parteibuchdiktatur und andere Mechanismen, die Österreicher für normal und daher akzeptabel halten, nicht um jede qualifizierte Arbeit betrogen hätten. Von Chancengleichheit, die die Politiker gern im Munde führen, keine Rede. Geächtet wird, wer das ausspricht, nicht wer dafür verantwortlich ist. Dabei war mir die Auswanderung nach Deutschland durch die gemeinsame Sprache erleichtert. Aber noch heute, nach 35 Jahren im deutschen Exil, merke ich täglich, wie stark ich von der kulturellen Sozialisation in Österreich geprägt bin. Und so gut ich stets in Deutschland behandelt wurde, so viel ich Deutschen mittlerweile zu verdanken habe, die mir als Ausländer im übrigen mehr Freiheiten zur politischen Meinungsäußerung und Betätigung einräumen als das Land, dessen Staatsbürgerschaft ich besitze: es verstimmt mich, wenn jemand Friederike Mayröcker als "deutsche Dichterin" oder Hubert von Goiserns Alpenrock als "deutsche Popmusik" präsentiert. Ich freue mich umgekehrt, wenn Josef Hader oder Barbara Frischmuth Erfolg haben und wahrgenommen werden als Teil der Kultur meiner Heimat, die es geblieben ist, obwohl sie Leute wie mich lieber zum Exil im beschriebenen Sinne zwingt - womit sie die DDR schon um mehr als ein Jahrzehnt übertroffen hat.
Was hat es wohl zu bedeuten, wenn in Belgrad, wo die ausrangierten Busse vom Sperrmüll europäischer Städte eingesetzt werden, nur mit Mühe eine Gaststätte zu finden ist, während in Deutschland an jeder Straßenecke Serben die gastronomische Versorgung garantieren, die Deutsche unter den gegebenen Bedingungen zu leisten nicht bereit sind? Ist es nicht beschämend, wenn vorne auf einem dieser uralten museumsreifen Klapperkasten in Belgrad der Gürzenich als Endhaltestelle angegeben bleibt, weil die Einheimischen offenbar dankbar sind für diesen Import aus Deutschland? Die nach wie vor sichtbaren Schäden der NATO-Bomben werden durch solche Exotika nicht aufgewogen. Wie kommt es, dass Tschechen oder Slowenen in allen möglichen Berufen Deutsche bedienen, niemals aber Deutsche Tschechen oder Slowenen? Wie einst die Iglauer Ammen und die böhmischen Köchinnen die Kinder der feinen Wienerinnen mit den empfindsamen Brustwarzen säugten und deren Küche besorgten. Glaubt wirklich irgendjemand, die Exilanten würden solche permanente Demütigung ignorieren oder gar freudig annehmen? Eines Tages werden die Gedemütigten zurückschlagen. Sage dann keiner, das sei nicht voraussehbar gewesen. Der 11. September 2001 gab nur einen schalen Vorgeschmack. Und wer nun einwendet, Osama bin Laden selbst gehöre nicht zu den Gedemütigten, der höre sich in der Welt um, wie man anderswo von ihm und seinen Gegnern denkt.
Thomas Rothschild
|
Von der Verrohung des Bürgertums
Ja, die Welt ist schlecht, weil ungleich. Aber hurra – wir tun doch was! Das Netzwerk der »Tafeln« sorgt dafür, dass auch Hartz-IV-ler würdig ...
Wenn man mit der Mafia seinen Doktor macht
Zwei Neuerscheinungen aus Deutschland und den USA nehmen einen trivialen Gegenstand ernst: die erfolgreiche Fernsehserie The Sopranos, die im Mafia-Milieu spielt. THOMAS ROTHSCHILD hat ...
Propagandaschlachten
Nahost-Interessierte kennen die Situation: geht es um Araber und den deutschen Nationalsozialismus, ist die Diskussion zuende, sobald ein Name fällt. Der 1974 verstorbene Großmufti von ...
Vergangen, aber nicht vorbei
Vor nicht einmal 25 Jahren war sie noch in aller Munde, die Apartheid, und ebenso das Land, zu dem sie allein zu gehören schien, Südafrika. Heute scheint sie und die unmenschlichen ...
Gesamtnote: zehn. Bestanden!
Heute heißt es runter, heute ist Sturzflugprüfung und Telemark muss springen. Edward van de Vendel und Alain Verster erzählen in Die Taube, die sich nicht traute von jenem ...
Der neue Schulmädchenreport
»Das wird ein Riesen-Mega-Hammer-Hit!« - Ein Hit waren schon Enid Blytons Serienauftakt über The Twins at St. Clares, ein Riesenhit die ...
Der Kaiser der Revolution
Die Geschichte des Films ist, technisch betrachtet, die Geschichte einer permanenten Annäherung an die Wirklichkeitsillusion. Nachdem Ende des 19. Jahrhunderts aus einer Kombination dreier ...
|