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Donnerstag, 17. Mai 2012 | 08:49

Befremdliche Genugtuung

29.03.2004

Anselm Brakhage, 21.04.2003

 

Ihre triumphale Freude über den Sturz Saddams in Ehren, Mr. Enzensberger. In der Tat, was die Erlösung vieler unterdrückter Einzelschicksale betrifft, teile ich die Freude. Weshalb man das zum Anlass für eine Abrechnung mit Kriegsgegnern nimmt und von einer neuerlichen Blamage der Warner und Mahner spricht, ist für mich schlicht nicht nachvollziehbar und unerträglich. Rundumschläge dieser Art von Parteigängern und Politstrategen ist man gewohnt. Aus dem Munde eines Freigeistes lassen sie aufhorchen und muten mehr als befremdlich an.

Der ganze Beitrag von Herrn Enzensberger in der FAZ vom 15.4. suggeriert vor allem eines: die Kriegsgegner müssten nun Abbitte leisten. Wie bitte? Es ist nicht nur legitim, sondern angebracht, wenn Herr Enzensberger auf die Doppelbödigkeit derer hinweist, die einerseits vollmundig "Kein Blut für Öl" proklamieren und andererseits die Wohlstands-Segnungen wie gottgegeben für sich in Anspruch nehmen: schrankenlose Mobilität, grenzenloser Komfort, ungezügelter Konsum etc. Ich würde mir allerdings wünschen, man würde daraus den Schluss ziehen, die vorherrschende Anspruchshaltung und die gesellschaftlichen Grundlagen zu hinterfragen anstatt den Öl-Imperialisten das Wort zu reden. Denn nichts, aber auch gar nichts hat sich am Haupteinwand der Kriegsgegner geändert: Dieser Krieg wurde nicht geführt, um eine unterdrückte Gesellschaft zu befreien. Dass er dennoch auch (vorerst) für viele diese Wirkung hatte, ist nichts als ein Nebeneffekt. Eine Begleiterscheinung. Dass die meisten Iraker, die es nun mal schließlich am unmittelbarsten betrifft, das genauso sehen, zeigt sich überdeutlich in diesen Tagen, wenn sie den schnellstmöglichen Abzug der "Befreier" fordern, die sie als Besatzer empfinden.

Natürlich machen es sich diejenigen zu einfach, die schlicht Frieden fordern und die Abwesenheit eines medial und politisch ins Zentrum gerückten Feldzuges mit eben diesem Gemeinplatz "Frieden" gleichsetzen. Aber, mit Verlaub, gibt es in diesen Tagen nicht ganz andere Anlässe sich zu entrüsten als derlei Verkürzungen. Da empfinde ich es als weitaus empörender, daheim vom wohligen Sessel aus, selbstgefällig Sätze in die Presse hinauszuschleudern wie: "Fest steht, dass noch nie ein Krieg von solcher Dimension so wenige Opfer gefordert hat wie dieser". Wie schön, man möchte geradezu in die Hände klatschen vor lauter Begeisterung, gemeinsam mit den zahllosen Verstümmelten, Witwen und Waisen. Dass dieser Krieg (vorerst) nur einen militärischen Sieger hervorbringen würde, hat niemand bezweifelt.

Nichts, aber auch gar nichts hat sich an den Argumenten gegen diesen Krieg geändert. Dass der ganz große Flächenbrand in der Region bisher noch ausgeblieben ist - das kann sich täglich ändern. Dass nun amerikanische Inspektoren das finden werden, was gefunden werden soll, daran besteht nicht der geringste Zweifel. Dass es kaum eine deutlicheres Zeichen der Geringschätzung und Missachtung der UNO geben kann, sei nur am Rande bemerkt. Dass Iraks Nachbarländer nun mit im Wortlaut identischen Beschuldigungen attackiert werden wie vorher der Irak, müsste die letzten Zweifel über wahre Kriegsgründe verblassen lassen. Dass alle vor der UNO präsentierten "Beweise", die der eigenen Bevölkerung als Kriegslegitimation serviert wurden, mittlerweile samt und sonders als Fälschungen und Lügen entlarvt wurden, ist Fakt. Das ändert nichts an der Abscheulichkeit von Saddams Schreckensherrschaft. Aber es dokumentiert die Verlogenheit, die auch demokratisch gewählte Regierungen an den Tag legen. Es zeigt, wie auch die Bevölkerungen demokratischer Länder, die freien Wähler, nach Strich und Faden betrogen werden. Wenn Mächtige sich das hohe Gut der Freiheit auf die Fahne schreiben um sich zu bemächtigen, dann wird das hohe Gut Freiheit zur leeren Vokabel degradiert.

Bisweilen führt die politische Praxis den Begriff Freiheit ad absurdum.

Anselm Brakhage

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