"Disarm Bush"
29.03.2004
Anselm Brakhage, 24.03.2003
"Disarm Bush"
stand auf einem Transparent einer Schülerdemonstration im kleinen Bildausschnitt oben links, eingebettet im Vollbild des brennenden Himmel Bagdads, untermalt von Lageberichten vor Ort und einer minutiösen, minütlich aufgeschlüsselten Angriffschronik, mit exakten Quantifizierungen über Mengen, Entfernungen, Lautstärken... "jetzt wieder drei Einschläge ca. 400 m von hier entfernt, nachdem es vorher einige Minuten still war... - Sie müssten es hören, hören Sie es?"... "Ja, wir können es hören"... "und noch weitere heftige Detonationen etwas weiter entfernt auf der Nordseite..." "Danke, Herr Tilgner, ich muss Sie unterbrechen, soeben erhalten wir neue Bilder von CNN aus Basra, wir schalten um..."
Man muss kein Pazifist sein, um diesen Krieg als gewollten Krieg, als schreiendes Unrecht und als grenzenlose Dummheit zu verurteilen. Man kann auch ein ausgewiesener law and order Mann wie Peter Gauweiler sein und einfach die arrogante Ignoranz gegenüber internationalem Recht anklagen. Man kann auch einfach Kennern der Region aufmerksam zuhören, die mehr zum Thema zu sagen haben als sich auf das monatelange Wortgefecht über Anzahl von Inspektoren und Dauer von Inspektionen zu reduzieren. Mindestens 90 % der politischen Debatte der letzten Monate rankten um dieses ominöse Wort - allein diese simplifizierende Einengung des Blickwinkels war Ausdruck und Ergebnis der massiven Vereinnahmung durch jene, die diese Kriegsschauspiel initiiert und inszeniert haben. Man kann auch psychologisches Gespür besitzen und ahnen, dass George W. unter ganz gehörigen Komplexen leidet, die einem ganz alltäglichen Vater-Sohn Konflikt entspringen, und dass dieser Umstand vielleicht größeren Einfluss auf das jetzige Geschehen hat als alle UNO-Resolutionen und alle Verstöße dagegen zusammen. Nicht alltäglich ist, dass dieser Konflikt auf dem Rücken der ganzen Welt ausgetragen wird.
Man kann auch einfach seinen gesunden Menschenverstand bemühen und eins und eins zusammenzählen und kommt zu dem Ergebnis, dass die größenwahnsinnige Weltsicht, Länder mit missliebigen Regimes einfach von der Landkarte zu bomben, nicht nur moralisch verwerflich und politisch fatal, sondern auch die Einleitung des eigenen Selbstmords ist. Selbst wenn man dieses Recht nur der einen Supermacht zugestehen würde, die Weltkarte nach ihrem Gusto zu ordnen, wäre das irrwitzig - und nebenbei ein Fass ohne Boden. Wenn man aber auch anderen Ländern, Gesellschaften, Kulturen, Regierungen, Menschen ein nur ansatzweise vergleichbares Recht zubilligen würde - und warum eigentlich nicht? - dann kann man den Laden gleich dicht machen.
Muss man es wirklich immer wieder betonen? Ja, man muss und soll es: dieser Krieg gegen ein despotisches Regime wird nicht geführt, weil dieses Regime despotisch ist, sondern weil seine Existenz die machtpolitischen Interessen anderer Länder berührt. Die Unterdrückung des irakischen Volkes schert einen Donald Rumsfeld einen feuchten Dreck. Einen feuchten Dreck. Wieviel Unrechtsregimes gibt es auf dieser Welt, die - außer amnesty international - niemandem wirklich die Laune verderben?
Man kann es auch einfach Imperialismus nennen. Insofern ist der Vorschlag des Schülers ja gar nicht so abwegig.
Es sind die kleinen Dinge, die einem in diesen Tagen einen Rest Hoffnung lassen. So nahm ich gestern mit Erstaunen zur Kenntnis, dass meine lokale stockkonservative Sonntagszeitung - ansonsten allenfalls dazu tauglich, um die Torschützen der Samstagspiele nachzulesen - in ihrer Titelstory nicht nur den Krieg mit markigen Worten geißelt, sondern auch die unerträgliche Medieninszenierung. Hoffnungsschimmer dieser Art werden allerdings von vielen Widerwärtigkeiten sehr vernebelt. Es herrscht derzeit - nicht nur in Amerika - ein Zynismus, der das üblicherweise wahrnehmbare Maß um ein Vielfaches übersteigt. Ein harter Wettkampf tobt da, wer wen mit seinen Äußerungen in seiner Armseligkeit überbietet. Meine Freunde der Tourismusbranche, die jammern, dass sie aufgrund der Umsatzeinbußen unter diesem Krieg in besonderem Maße zu leiden haben und deshalb auf ein baldiges Ende hoffen, sind zweifellos Anwärter auf die ersten Plätze. Aber auch Angie hat gute Karten. Da fällt unserer kleinen Angie Merkel mitten in dieser hochbrisanten historischen weltpolitischen Situation nichts Besseres ein, als mit ihren kleinen miesen parteipolitischen Wichtigtuereien und Taktierereien gegen ihre Widersacher rumzupöbeln. Nur weil sie die Wahlniederlage nicht verkraftet hat. Aber das Thema Komplexe hatten wir ja schon.
Anselm Brakhage
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