Wigalds Würstchenbude
29.03.2004
Mathias Tretter, 01.06.2003
Seit ich eines Samstagabends zufällig ins ZDF geriet und mitansehen durfte, wie Nadja "Naddel" Abdel Farrag sich scheinbar ohne Zutun ihres Interviewers demontierte, bin ich Anhänger von Wigald Bonings WIB-Schaukel. Ich war noch zu jung, als in den Siebzigern das Ur-Format (die VIP-Schaukel von Margret Dünser) aus eben erst erstandenen Farbfernsehern flimmerte - man sagt jedoch, es sei ein geradezu auratisches Sammelalbum gewesen mit Menschen, die man damals Weltstars nannte.
Das alles ist nicht mehr. Statt Bildchen von den Stars sammeln Fernsehkonsumenten heute eigene Konterfeis, Glamour, matt, vom Fotografen um die Ecke; die Alben dazu liegen in den Casting-Agenturen. Und Margret Dünser - nun ja, man hat zumindest lange nichts von ihr gehört.
Was täte sie auch, nachdem die Globalisierung in der ihr eigenen Dialektik den Stars die Welt genommen hat? Weltstars waren ein urbanes Phänomen, doch spätestens seit Internet und Satellitenfernsehen ist überall Provinz. Und im globalen Dorf gibt es bestenfalls noch ortsbekannte Trottel. So hat es, wenn etwa Robbie Williams den Sinatra tanzt, weniger mit Frankie selbst und dem Schmiss seiner Stücke zu tun, als vielmehr mit der Sehnsucht nach einer untergegangenen Klasse.
Längst brüten Hühner auf den verbliebenen Hollywood-Schaukeln, und selbst denen wird die eine oder andere Seuche bald den Garaus machen. Wer aber wird dann noch dort sitzen, gackern und krähen? Wenn es einer weiß, dann Wigald Boning. Mit perfidem Händchen holt er die ausgeblasensten Eier der deutschen Fernsehunterhaltung aus ihren Nestern und lässt sie an sich selbst zerbrechen. Oder, um das schiefe Bild jetzt endlich loszuwerden: Er besucht die Sorte Prominenz, die dumm genug ist, sich für gewitzt zu halten, und tut ihr das Gemeinste an - er läßt sie reden.
Ob Hans Meisers Brille vom Schweiß seiner agilen Ignoranz beschlägt, ob Johann Lafer sich als klebriges Soufflé geriert, ob Ingrid Steeger nur noch schaurig vor sich hin welkt - übler wurde kleinen deutschen Fernsehgrößen selten mitgespielt als von sich selbst. Wigald steht daneben und macht Kotaus, die wie Leberhaken wirken.
Noch immer gibt es Preisausschreiben, die dem Gewinner ein sogenanntes Meet&Greet versprechen, den einmaligen persönlichen Kontakt von Fan und Star. Das war von jeher paradox. Stars sind Zeichen, d.h. sie verweisen auf etwas, das mit einer realen Person nichts zu tun hat. Sie persönlich treffen zu wollen, ist, als ob man ein Wort seiner Muttersprache sehen, aber nicht lesen möchte.
Was allerdings passiert, wenn der Star gar kein Star ist, auf nichts verweist, aber so tut, der Fan (der Zuschauer) andererseits auch kein Fan ist, und man sich dennoch trifft, das zeigt uns Wigalds Neue Peinlichkeit. Nicht umsonst interviewt er seine Gäste an Orten, für die die Würstchenbude exemplarisch steht - Locations, so könnte man Neudeutsch sagen, von hoher Würstchenbudigkeit. Nicht umsonst, denn man sieht nichts weiter als einen drolligen Jungspund, der Würstchen verspeist. Arme Würstchen, wie Kim Fischer, die diesen Samstag dran war. Es gruselte einen fast, das zu verfolgen: Wie eine Mittdreißigerin in trotzig-pubertärer Überschätzung ihrer selbst vermeint, ihren Gegenüber zu durchschauen, sich dabei eine Blöße nach der nächsten gibt, um sich schließlich, in einer beinah mitleiderregenden Szene, ganz und gar zum Opfer zu fallen: Ein Passant fragt Kim Fischer nach einem Autogramm. Sie unterschreibt zutiefst geschmeichelt und verkündet, ab jetzt sei der Tag ein wunderschöner gewesen. Wigald steht daneben und...Und? Und was lernen wir daraus? Das Fernsehen gibt zu allen Würstchen seinen Senf, auch wenns die eigenen sind. Und wir, wir fressens.
MATHIAS TRETTER
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