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Donnerstag, 17. Mai 2012 | 08:51

Unlucky Strikes

29.03.2004

Mathias Tretter, 20.01.2003

 

Unlucky Strikes

"Endlich Nichtraucher" heißt das Kompendium eines gewissen Allen Carr, das seit Jahren als Bibel der Abstinenz in den Küchen vernunftbegabter WGs verwittert. Einer dieser Geheimtipps, die jeder kennt, etwa so wie einst Telekom-Aktien oder die unberührten Ecken, die es auf Mallorca auch gibt. Doch, Kleinbankrotteure mögen verzeihen, Carrs Arkanum für die Massen war und ist weitaus explosiver als alle gefälschten Schatzkarten der New Economy. Was passieren könnte, griffe seine Lehre weiter um sich, blitzte in den Schlagzeilen der Woche wieder einmal warnend auf.

Nein, ich spreche nicht von den Krankenkassen. Die sind dem neuen Nihilismus ohnehin längst zum Opfer gefallen. Oder zeugt es etwa nicht von einem Carr-Wash ihrer kollektiven Hirn-Lungen-Maschine, wenn einstmals der Allgemeinheit verpflichtete Organisationen Bonuspunkte für Nichtrauchen und damit späteres Ableben verteilen möchten?

Ausgerechnet jetzt, wo unser Sozialsystem wie nie zuvor auf der Kippe steht! Sterben ist gelebte Solidarität - und Raucher stehen in der Front der Aufrechten ganz vorne. Natürlich ist der Qualm sozialverträglich, man muss ihn nur annehmen können. Die Deutsche Bahn macht es mit ihren jüngst eingerichteten Raucherzonen auf Bahnsteigen vor: Da rücken die Menschen wieder zusammen. Ich kann die Worte von Alt-Bundespräsident Herzog nur wiederholen: "Es muss ein Rauch durch Deutschland gehen!"

Aber das nur am Rande, rücken doch die Ereignisse der Woche vielmehr die weltpolitische Bedeutung der Zigarette ins Licht. In der Diskussion, die auf die Durchsuchung des Reetsma-Konzerns folgte, ist uns nicht nur erneut bewusst gemacht worden, wie der Balkan funktioniert. Dass die Umsätze aus Zigarettenschmuggel dort manchen Staatshaushalt übersteigen, überrascht zugegebenermaßen wenig; noch weniger, dass Slobodan Milosevic auch dabei seine gelben Finger im Spiel hatte. Trotzdem raucht es sich irgendwie befreiter in dem Bewusstsein, dass sich das frühere Pulverfass zur Tabakdose gewandelt hat.

Von globaler Relevanz jedoch ist die Fluppe im Irak. Dorthin hat Reemtsma angeblich ebenso geliefert wie der US-Konzern Reynolds - und zwar direkt ins Zentrum der Macht: an Saddams Sohn Udai. Nach scheinbar jahrelanger reibungsloser Kooperation gibt es jetzt plötzlich Probleme, weil die westlichen Zigarettenhersteller ihren Verpflichtungen nicht mehr nachkommen. Saddam ist auf Entzug gesetzt und entsprechend unberechenbar geworden, möglich, dass er seine übriggebliebenen Stummel aus Trotz in die Ölquellen wirft.

Währenddessen zeigen englische und amerikanische Fernsehsender die Beladung von Kriegschiffen mit mehreren Millionen Schokoriegeln und - Zigaretten. "Eat your lungs out", scheint George W. Bush, bekannt für seinen psychologischen Feinsinn, dem fingernägelkauenden Diktator zu signalisieren. Und er demonstriert zugleich die Freiheit, die er für sich und sein Land bei Allen Carr gefunden hat: Abstinenz trotz Tabaküberflusses.

Uns bleibt nur zu warnen: Nichtrauchen gefährdet den Weltfrieden. Gebt Saddam seine West zurück! Glut für Öl - jetzt!

Mathias Tretter

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