Gilbert Achcar: Die Araber und der Holocaust Hans Arthur Marsiske: Kriegsmaschinen Aléa Torik: Das Geräusch des Werdens von Michael Ebmeyer Joy As A Toy: Dead As A Dodo Kennzeichen T - 28.04.2012
Donnerstag, 17. Mai 2012 | 08:53

Neid

29.03.2004

Wolfram Schütte, 15.06.2003

 

Neidisch könnte schon werden auf Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski, die im ZDF nun schon geraume Zeit ein "Philosophisches Quartett" aufführen, das ohne jeden Anspruch seines spezifischen Titels aus- und ohne weiteres philosophisches Bemühen über die TV-Runden kommt. Rosstäuscher im Reiterglück. Denn keiner findet sich, der - philosophisch gesprochen - einmal diese "Sache mit ihrem Begriff konfrontiert", und daraufhin die beiden für ihre semantische Hochstapelei der Lächerlichkeit preisgäbe. Das "Philosophische Quartett" bleibt - wenn man einmal die sokratische Hebammenkunst als sein Muster nimmt - soweit unter seinem steilen Begriff, dass man die philosophische Kunst, die Gesprächs-Teilnehmer zur Explikation von Gedanken zu bringen oder zu verführen, besser bei Maybrit Illner aufgehoben sieht, als bei den beiden Autoren, die gewiss eine professionellere Beziehung zur Philosophie haben als die andere ZDF-Interviewerin, die´s jedoch besser kann. Umso mehr, als Sloterdijk und Safranski ihre Talkshow, wie eben jetzt wieder, mit zwei Politikern ergänzt haben, deren jüngste oder wiederaufgelegte Bücher dort so brav empfohlen werden, als befänden sich Klaus von Dohnanyi und Heiner Geißler gerade auf Promotiontour.

Mag das noch ein lässliche Sünde sein, so ist aber die Vermeidung der philosophischen Kardinaltugend, nämlich auf einer schlüssigen Definition der Begriffe und auf der argumentativen Entwicklung selbstgedachter Gedanken zu bestehen, eine Todsünde für ein philosophisches Gespräch. Vor allem aber, wenn ausgerechnet die "Philosophen", nämlich der Biograph Hegels und Nietzsches (Safranski) und der Selbstdenker u.a. einer dreibändigen "Sphären"-Philosophie (Sloterdijk), die Bedingungen der Möglichkeit philosophischen Sprechens und Denkens außeracht lassen wie jetzt wieder in der Diskussion über "Neid".

Der ehemalige Jesuitenschüler Heiner Geißler übernahm als Gast das Geschäft der gedanklichen Disziplinierung und der definitorischen Bestimmung. Geißler gelang es dabei ohne viel Mühe, aber mit jener Geistesgegenwärtigkeit und Präzision, die Sloterdijk einmal zu Anfang seiner Schriftstellerkarriere zur vornehmsten Tugend erklärte - als er nämlich 1983 seine "Kritik der zynischen Vernunft" publizierte - , das o­ntologische, vollmundig-unpräzise Thesen-Geschwafel Safranskis bis zur Null- & Nichtigkeit zu zerpflücken. Geißler war es auch, der die unausgesprochene Ideologie, welcher der Begriff "Neid" seine fürsorgliche Belagerung im "Philosophischen Quartett" verdankte, kenntlich machte, indem er ihn dort lokalisierte, wo er derzeit in Blüte steht: in der sogenannten "Neidgesellschaft".

Von ihr ist ja bei uns jetzt immer die Rede, wenn jene, die man nun massenhaft in die "Selbstverantwortung" und "Freiheit entlassen" will, auf die "Selbstbedienung" und "Selbstversorgung" der herrschenden Kreise und der machtgeschützten Klasse verweisen, denen man ihren Reichtum an erhöhten Diäten, astronomischen Gehältern, luxemburgisch vermehrten Vermögen und unbelasteten Erbschaften neidet, wo doch in der ökonomischen Krise die abhängig Arbeitenden oder längst dauerhaft arbeitslos Gewordenen, die ohnehin schon für jeden Furz, den sie lassen, steuerlich belangt werden, ihre "Opfer" für die "Allgemeinheit" klag- und vor allem neidlos hinnehmen sollen.

Freiheit, heißt es jetzt allerorten, sei Einsicht in die Notwendigkeit (der Wirtschaft, der Verteilungsungerechtigkeiten und unantastbaren Eigentümer etc.) - und weiß gar nicht mehr, dass eben dieser Zynismus der oberste Unterdrückungsslogan des Realsozialismus war. Das ist ein Schöner Neuer Kapitalismus, der seinen Fortschritt im Bewusstsein der individuellen Freiheit aus der Waffenkammer des angeblich ihm unterlegenen Systems recycelt!

Nun ja, von derart Gedaken war das "Philosophische Quartett" weit entfernt. Klaus von Dohnanyi wusste als SPD-Phänomenologe von den glücklichen und frohgemuten Gesichtern der usamerikanischen Minderbemittelten zu berichten und über die Griesgrämigkeit der deutschen Neidgesellschaft zu klagen. Dafür ortete Sloterdijk in Heiner Geißler, der das Neid-Gerede zurückwies und auf Begriffe wie Gerechtigkeit, menschliche Würde und Schutz vor Ausbeutung zerlegte, einen lupenreinen "Sozialdemokraten". Nur schade, dass der CDU-Mann nicht gleich hinzufügte, dass es sich um einen "Sozialdemokratismus" handele, der gerade von der SPD "freigesetzt" werde, also für einen wie ihn und andere außerhalb der 140jährigen Partei nun wieder, wie jeder unabgegoltene Gedanke, zur öffentlichen Verfügung stehe.

Aber Heiner Geißler allein ist es erst einmal zu verdanken, dass das "Philosophische Quartett" bis zur Kenntlichkeit seiner unphilosophischen Intentionen entbeint wurde. Denn wenn es Safranski und Sloterdijk um "die Liebe zur Wahrheit" gegangen wäre, dann hätten sie nicht dem chimärischen Sein des "Neids" als menschlicher "Grundkategorie" das Wort reden dürfen, sondern dem kurrenten Gebrauch des Wortes & Begriffs dessen unwahre, dessen wahrheitswidrige, dessen interessenbedingte gesellschaftspolitische Instrumentalisierung ablesen müssen.

Wollten sie aber nicht, wollten sie auch schon in früheren ihrer "Quartette" nicht, als es "Skandal" oder "Antisemitismus" be- oder abhandelte. Wenn´s nach Safranski & Sloterdijk ginge, wäre ihr Quartett die schummelnde Begleitmusik für die Laufenden Ereignisse, und "philosophisch" erschiene dabei nur die Anmaßung ihres Sprach- & Körpergestus, der signalisieren soll, man stehe allemal "darüber". Zwei Nebelkerzen mit Gästen, die ihnen gelegentlich heimleuchten.

Wolfram Schütte

Von der Verrohung des Bürgertums

Ja, die Welt ist schlecht, weil ungleich. Aber hurra – wir tun doch was! Das Netzwerk der »Tafeln« sorgt dafür, dass auch Hartz-IV-ler würdig ...

Wenn man mit der Mafia seinen Doktor macht

Zwei Neuerscheinungen aus Deutschland und den USA nehmen einen trivialen Gegenstand ernst: die erfolgreiche Fernsehserie The Sopranos, die im Mafia-Milieu spielt. THOMAS ROTHSCHILD hat ...

Propagandaschlachten

Nahost-Interessierte kennen die Situation: geht es um Araber und den deutschen Nationalsozialismus, ist die Diskussion zuende, sobald ein Name fällt. Der 1974 verstorbene Großmufti von ...

Vergangen, aber nicht vorbei

Vor nicht einmal 25 Jahren war sie noch in aller Munde, die Apartheid, und ebenso das Land, zu dem sie allein zu gehören schien, Südafrika. Heute scheint sie und die unmenschlichen ...

Gesamtnote: zehn. Bestanden!

Heute heißt es runter, heute ist Sturzflugprüfung und Telemark muss springen. Edward van de Vendel und Alain Verster erzählen in Die Taube, die sich nicht traute von jenem ...

Der neue Schulmädchenreport

»Das wird ein Riesen-Mega-Hammer-Hit!« - Ein Hit waren schon Enid Blytons Serienauftakt über The Twins at St. Clares, ein Riesenhit die ...

Der Kaiser der Revolution

Die Geschichte des Films ist, technisch betrachtet, die Geschichte einer permanenten Annäherung an die Wirklichkeitsillusion. Nachdem Ende des 19. Jahrhunderts aus einer Kombination dreier ...