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Donnerstag, 17. Mai 2012 | 08:53

Ein kollegialer Arschtritt

29.03.2004

Wolfram Schütte, 08.10.2003

 

Ein kollegialer Arschtritt (von der FAZ)

Michael Althen, Filmkritiker der FAZ, macht sich in einer kleinen Glosse Gedanken darüber, warum "fünf Filme, die zum Spannendsten (gehören), was es im vergangenen Jahr zu sehen gab", bei uns "keinen Verleih finden, der das Risiko auf sich nehmen möchte, sie ins Kino zu bringen. Für solche Filme", schreibt Althen in der FAZ v. 2.10.03, "so nimmt man an, gibt es kein Publikum mehr, zumindest keines, das groß genug wäre, um die Kosten zu decken". Und zwar nähme man an, diese Filme seien chancenlos beim deutschen Publikum, weil es für sie, als sie in Cannes, Vendig und Hof liefen, "zwiespältige Reaktionen gab". Immerhin werden die fünf Filme aber jetzt - und das ist der Anlass für Althens Glosse - in fünf Berliner Kinos unterm Event-Signet eines "b.film festivals" gezeigt. Die Namen der 5 Regisseure - Cronenberg, Assayas, Denis, Clark und Graf - sind unter Cinéphilen, um nicht von Cinéasten zu reden, bekannt und ausgewiesen. Keine Newcomer oder Nobodys also, möchte man annehmen. Aber weder reicht das aus, um in Deutschland verliehen, gespielt und gesehen zu werden, noch scheint die Kinoliebe & und die Neugier der Kennerschaft für eine Verleihchance hinlänglich zahlreich bei uns gegeben.

Was fangen wir mit diesen vermutlich zutreffenden Fakten an? Reichen sie aus, um zu begreifen, warum diese Filme nicht in deutschen Kinos zu sehen sind? Althen schiebt den Schwarzen Peter den risikoscheuen Verleihern zu. Hat er recht damit?

Nein.

Zum einen ist die ökonomische Situation unserer kleinen Verleiher, deren Zahl immer kleiner geworden ist, im Laufe des letzten Jahrzehnte immer desaströser, um nicht zu sagen, aussichtsloser geworden. Sie operieren mit dem Rücken zur Wand. Zum anderen (und das ist ein Grund ihrer Misere) gibt es immer weniger Kinos, auf deren Buchung sie sich verlassen können: Was sich vom off- und Stadteilkino zum "arthouse" zurückgebildet hat, wird von einer kleinen Zahl von Filmen gefüllt, die durch deutsche Coproduktionen oder andere Länderfördermittel ihren Weg in diese Kinos finden, wenn sie nicht ohnehin von Unterabteilungen der Majors verliehen werden.

Aber auch das reicht nicht hin, die deutsche Kinofilm-Situation zu begreifen. Ein großer Teil der im Kino minoritären Filme, die dort noch gezeigt worden waren, als "alles besser war" (bis Anfang der Neunziger Jahre), konnten von mutigen, flexiblen, findigen, enthusiastischen Verleihen schon damals nur auf die Leinwände gebracht werden, weil die Verleiher die deutschen TV-Rechte zusammen mit den Kinorechten erworben hatten und sie so gut wie sicher sein konnten, dass die Filme von den öffentlich-rechtlichen TV-Anstalten angekauft würden.

Seit einerseits manche der Ausländer dazu übergegangen sind, nur noch die deutschen Kinorechte zu vergeben, andererseits die öffentlich-rechtlichen TV-Anstalten ihren Ankauf ebenso radikal reduziert wie ihre kundigen Filmredaktionen abgeschafft haben (Mainstream als Quotenzensur allerwegen), ist diese Quelle einer quasi-subventionierten minoritären deutschen Kinolandschaft versiegt. Denn die Kino-Einspielergebnisse sogar "erfolgreicher" Off-Mainstream-Filme (z.B. Kaursimäkis) hätten ohne deren anschließenden Verkauf der TV-Rechte weder sie selbst, noch gar andere Filme solcher Kleinverleihe in den Kinos ermöglicht. Die Kosten wenigstens dadurch zu dämpfen, dass man solche Minoritätenfilme für Cinéphile im Original mit deutschen Untertiteln beließe, scheiterte weitgehend am jahrzehntelang "unerzogenen" deutschen Publikum, das sich, synchronverwöhnt und erlebnisfaul, weigerte, sich auf das internationale ästhetische Rezeptionsniveau & -verhalten zu begeben. So wurden selbst so dialogarme Filme wie die Kiarostamis oder Kaurismäkis oft synchronisiert, und man fragt sich angesichts solcher Idiotie, ob nicht der eine oder andere Zuschauer bei Kaurismäkis Stummfilm die falsche Vertraulichkeit der deutschen Synchronisation vermisst hat.

Die Situation, die Michael Althen jetzt beklagt, ist aber erst dann hinreichend be- & umschrieben, wenn man last not least die Rolle der Filmkritik dabei nicht außeracht lässt. Denn selbstverständlich wären diese fünf (und natürlich noch zahlreiche andere von bekannten und unbekannten) Regisseure, "in deren Filmen es (nicht) darum geht, sich möglichst wohlzufühlen", wie Althen schreibt, auf den lautstarken Trommelwirbel der Kritik angewiesen, die einem Kino das Wort redet, das ästhetische (und damit gesellschaftliche & politische) Lebenserfahrungen vermittelt. Aber "Verunsicherung, Verwirrung, Verstörung" (wie sie Althen an den Filmen der 5 konstatiert), "will man keinem mehr zumuten". Wer ist aber das ominöse "man" des Althenschen Satzes anderes, als die Kritik selbst? Denn wenn Verleiher und Kinos sich solche Filme nicht mehr "zumuten" (weil sie dadurch um ihre wirtschaftliche Existenz fürchten müssen), so müsste doch wenigstens die Kritik sich und dem Publikum solche Filme zumuten, indem sie den Mut hat, sich ihres eigenen ästhetischen Verstandes zu bedienen, statt die Wohlfühlwünsche des Publikums zu bedienen.

Den Lemmingen muss man den Weg nicht mit hymnischen Begleitmusiken versüßen, denn sie wissen ohnedies, wohin sie, hinlänglich auf allen Kanälen aus-und aufgefüttert und von allen Bild- und Wortmaschinen vorangetrieben, gehen wollen oder müssen; aber jenen, die sich ihnen nicht anschließen würden, wenn sie wüssten und hinlänglich auf dem Laufenden gehalten würden, wo`s denn noch anders langgeht - wenngleich quer durch Verstörung, Verwirrung und Verunsicherung -: denen könnte/müsste die Filmkritik ermutigend so voraus gehen wie den Regisseuren und ihren Filmen zur Seite stehen. Aber ich habe den Eindruck, nachdem die Filmkritik ihr einst avantgardistisches, kennerisches Cinéastentum so verabschiedet hat wie das Feuilleton das Selbstbewusstsein des Intellektuellen, wird es keine Chance mehr für diese 5 Filme und zahllose andere geben, wenn nicht auf Festival-Events und wären sie auch nur, wie jetzt in Berlin, extra als Trostpflaster für eine längst schon verheilte Wunde erfunden worden.

Ein Grund, so pessimistisch zu sein, wo doch Althen eine (freilich stumpfe) Lanze für dieses andere, "spannendste" Kino bricht, ist schließlich der Titel, den ein FAZ-ironischer Redakteur, der sich für besonders witzig hält, Althens Glosse gegeben hat. "Wo laufen sie denn?", imitiert er jenen Otto Reutherschen Idioten, der auf einem Pferderennen die Pferde nicht sieht; und um Althens Glosse vollends und vorneweg den Rest zu geben, wird ein Bertolucci-Filmtitel hämisch verballhornt zu: "Die Strategie der Spinner". Das ist ein kollegialer redaktioneller Arschtritt für den FAZ-Filmkritiker Michael Althen.

Wolfram Schütte

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