Cannes-Nachlese
29.03.2004
Wolfram Schütte, 26.05.2003
Cannes-Nachlese - Eine zweite (un)zeitgemäße Betrachtung
"Wenn Leute, die beruflich mit Film zu tun haben, egal ob Kritiker, Verleiher oder Produzent, so wenig Geduld haben und so wenig Cinephilie mitbringen" - wie jetzt auf dem Filmfestival von Cannes -, "dann spricht das nicht für die Branche", schreibt Cristina Nord in einer Schlussbetrachtung zum eben zuende gegangenen Festival an der Croisette. Frau Nord ist die Kritikerin der TAZ. An anderer Stelle ihrer Reflexion auf die eigene Profession vermisst sie bei ihren Kollegen "Neugier, Unvoreingenommenheit und Lust auf die vielen Formen des Films".
Wenigstens eine Gerechte unter soviel Ungerechten! Wenigstens eine - und womöglich vielleicht gar die jüngste der deutschen Cannes-Kritiker(innen)? -, die von Glanz & Gloria ihres Berufs noch eine adäquate Vorstellung hat! Oder weniger "katholisch" und mehr "protestantisch" gesprochen: von Sinn & Aufgabe der Kritik, nämlich möglichst umfassend zu informieren, möglichst vorurteilslos und neugierig die Breite und Vielfalt der ästhetischen Erscheinungsweisen des internationalen Films wahrzunehmen und dabei "weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen" (T.W.Adorno).
Ich weiß, wovon ich rede, weil ich ja selbst rund zwanzig Jahre lang aus Cannes berichtet habe. Ich weiß aber auch, wovon die verehrte Kollegenschaft nicht redet und berichtet, obwohl ich nun auch selbst nicht mehr in Cannes und jetzt in der Situation des neugierigen Lesers bin, der erfahren will: what´s new pussicats?
Damit man mich nicht gleich missversteht: für die individuelle Qualität und Eloquenz der derzeitigen Generation der schreibenden deutschen Filmkritik in FAZ, FR oder SZ (um die es hier geht) habe ich den denkbar höchsten Respekt. Nur denke ich: sie ist eher selbstreferentiell als selbstreflexiv; sie analysiert zwar das ihr vorgesetzte Angebot auf das Feinste, unterlässt es aber, über den Tellerrand hinaus zu blicken; sie ist eher autoritätsfixiert (wenn auch durchaus innerhalb ihres Horizontes kritisch) als antiautoritär, denn dann müsste sie den institutionell gesetzten Rahmen souverän & nach eigenem Gusto sprengen. Nur so, denke ich, kann man dem Pathos von Journalismus und Kritik gerecht werden. Was würde man wohl von einem Reporter halten, der sich brav auf die offiziellen Verlautbarungen verlässt und nicht auf eigene Faust recherchiert?
Filmfestivals wie die von Cannes, Venedig oder Berlin sind lokale Großveranstaltungen, deren innere Dramaturgien dazu dienen, durch Auswahl, Platzierung und Jurierung den dort Anwesenden zu einem Erlebnis-Ereignis zu verhelfen. Die Entscheidungen, wer wie womit wann teilnimmt und präsent ist, finden exklusiv in den Intendanzen der Festivalleiter statt. (Beim Berliner Theatertreffen z.B. geht es transparenter zu, weil die eingeladenen Inszenierungen durch Kritikervoten dorthin kamen). Wie jeder wissen kann, der ein Minimum von Phantasie besitzt, entsteht die öffentliche Physiognomie der internationalen Filmfestivals aus Zufällen, Zwängen, Diplomatien und subjektiven Akzenten: aus einer trüben Melange von widerstreitenden Interessen und Absichten, welche die daran beteiligten Objekte in eine Dramaturgie pressen, die mit ihnen selbst wenig zu tun hat.
Zu oft habe ich den Eindruck, die angereisten (deutschen) Filmkritiker betrachteten erst einmal sich und ihre reaktiven Befindlichkeiten auf das Spektakel-Ambiente, als sei das von Belang; und dann verstünden sie sich als Rezensenten der Festivaldramaturgie, der sie spekulativ auf ihre Tricks & Finten, Absichten und Ideologien kommen wollen. Was für ein Un- & Schwachsinn! Denn dabei bleibt ihr einzigartiges Privileg, "Vorkoster" zu sein - nicht nur von einem wie auch immer zusammengestellten "Haupt"-, sondern vor allem aber auch Neben-Programm von höchst unterschiedlichen Filmen: auf der Strecke.
Denn diese Festivals sind ja, trotz aller Dramaturgien für ihr lokales Publikum, vor allem internationale Ausstellungen & Messen (wie Buch- oder Kleidermessen) und für die Kritik doch primär Informationsbasars, auf denen man sich über die wesentlichen und wichtigsten neuen Filmproduktionen der Welt erst einmal informieren könnte. Hedonistisch gesprochen: es sind Wein-Messen, auf denen jüngste Jahrgänge aus allen Anbaugebieten ab- & vorabgeschmeckt werden. Da der größte Teil der dort präsentierten Kreszenzen den heimischen Markt nicht erreicht - aber nicht, weil das ästhetischen Qualitätsauslesen entspräche, sondern aufgrund eingeschliffener Macht- & Marktusancen -, müsste es eigentlich das höchste Ziel der angereisten Privilegierten, nämlich der Kritiker sein, möglichst viele & vielversprechende, unbekannte, neue, eigenwillige Produkte wahrzunehmen, zu "entdecken" und von ihnen Kunde zu geben.
Kunde zu geben nicht nur, um sich selbst professionell auf dem Laufenden und das cinéastische Weltgeschehen im Blick zu behalten; sondern auch um dem heimischen Publikum den Mund wässrig & es informiert zu machen und so eine Erwartungshaltung der Neugier auf das große existente Jenseits des Mainstreams zu wecken und zu prolongieren, damit es wagemutige Verleiher sich erlauben könnten, solche Exotica und "Kolonialwaren" überhaupt mit einer Aussicht auf Publikumsresonanz zu importieren.
Das absolute Gegenteil ist aber der Fall, seit die deutsche Filmkritik es vorgezogen hat, lieber mit den Wölfen zu heulen, als für die Ohnmächtigen zu trommeln, gefälliger als Herolde des Mainstreams aufzutreten, denn als Pfadfinder ihre eigenen Wege zu gehen. Selbst wenn sie dann einmal auf Abwegen etwas gefunden haben, wirkt ihr Lob herablassend, ihr Enthusiasmus echauffiert.
Statt die PR- & Werbestrategien der Reichen & Mächtigen des Filmgeschäfts, die glamourösen punktuellen Eventdramaturgien der "offiziellen" Wettbewerbsveranstalter und ihrer Prominenten-Jurys mit allen Mitteln einer selbstbewussten, der eigenen Neugier und Entdeckerfreude folgenden Filmkritik zu unterlaufen und das von A bis Z durch Geschäfts-, Vermarktungs- und Publicitygesichtspunkte bestimmte Festivalgeschehen als lustvoller Freibeuter oder kritischer Scout zu durchforsten und womöglich dessen Wertigkeiten auf den Kopf zu stellen, fungiert die deutschen Filmkritik als dummer August, der nicht weiß, dass er ein Clown ist - nämlich braver Zirkulationsagent einzig und allein dessen, was ihm im sogenannten Haupt- & Wettbewerbsprogramm als beachtenswert vorgesetzt wurde. Freiwillig hat sich die deutsche Kritik auf die Rolle eines jubilierenden oder missmutigen Zaungasts von den Veranstaltern zurückstutzen und als Multiplikator des spektakulär für seine Premiere Zugerichteten instrumentalisieren lassen. Die "Bunte" und ihr Promi-Gossip als süffige Fortsetzung mit feuilletonistischen Mitteln: das ist aus der "seriösen" Film-Festival-Berichterstattung geworden.
Das Gemähre und Geseire - ob in Berlin, Cannes oder Venedig - beginnt jeweils schon, bevor der erste Film über die Leinwand läuft, und zwar mit dem ewigen Refrain, ob denn auch hinreichend viele, prominente Hollywood-Stars & -Filme diesmal anwesend seien. Als hätten die Kritiker, die ja vor allem in Cannes von dem "Gesellschaftlichen Ereignis" der Oberen Tausend so weitgehend ausgeschlossen und in ihren gettoisierten Pressevorführungen kaserniert sind wie das polizeilich überwachte Spalierobst der applaudierenden Autogrammjäger und Promigucker bei der Abendvorstellung, überhaupt selbst etwas von dem Auftrieb der Prominenz; und als seien die Pressekonferenzen, auf denen die Antworten meist intelligenter sind als die in der Regel dummen Fragen der Journalisten, wirklich erhellende Augenblicke, wo sie doch eher meistens der Peinlichkeit zum Auftritt verhelfen.
So hat jetzt die Abwesenheit des neuen Tarantino-Films in Cannes gleich dazu geführt, dass sie entweder der elitären "alteuropäischen" Arroganz des Festivalleiters oder seiner mangelnden Willfährigkeit, der kinematographischen Hegemonialmacht nicht weit genug in den Hintern gekrochen zu sein, negativ zu Buche geschrieben wurde. Dabei hatte das Canneser Festival (wie Berlin und Venedig regelmäßig auch) sich selbst wieder einmal zur Publicity-Startrampe für den europaweiten Einsatz von "Matrix reloaded" gemacht - und die in Cannes versammelte Film-Kritik war nicht einen Moment selbstkritisch genug, um als willfähriges Megaphon dafür nicht zu dienen. Trotz dieses schon traditionellen Kniefalls vor den kalifornischen Majors wurde dem Canneser Festivalchef Gilles Jacob aber von der deutschen Kritik zwar zurecht vorgeworfen, sich zu sehr auf seine "alten Kumpels" und Regisseursfreunde bei seiner Programmpolitik zu stützen - aber die deutsche Filmkritik verhält sich keinen Deut anders, wenn sie regelmäßig (nach der unumgänglichen "Variety"-Lektüre) ihre abwesenden amerikanischen Lieblinge einklagt, anstatt erst einmal dem Unbekannten mit neugieriger Erwartung entgegenzusehen. Erst recht ist sie unwillig - das beweist zum wiederholten Male ihr ressentimentgeladener Umgang mit dem Österreicher Michael Haneke - die Entfaltung eines Oeuvres und seiner Obsessionen mit Geduld und Respekt zu verfolgen. Könnte es sein, dass sie z.B. in Hanekes selbstreflexiver ästhetischer Moralität hasst, was ihrem amoralischen Vergnügen am elektronischen Strohfeuerwerk der visuell-akustischen Effekte sich widersetzt? Jedenfalls mag man sich nicht vorstellen, mit welcher hingelümmelten Gelangweiltheit - wäre sie damals schon an der heutigen Tagesordnung gewesen - auf das Werk Ozus heute in Cannes, Venedig oder Berlin reagiert worden wäre.
Vor allem aber macht sich die grundsätzliche Ideologisierung dieser deutschen Film-Kritik unkenntlich, weil sie unermesslich opportunistische Ausmaße angenommen hat. Ihr verinnerlichtes Credo lautet: Extra ecclesia hollywoodiensis nulla salus est. Solche Fixierung auf einen kapitalintensiv durchrationalisierten Standard cineastischer Kommunikation lässt aller andern ästhetischen Verfahrens-, Produktions- und Kommunikationsweisen peripher erscheinen und, weil von reduzierter Konsumptionsmöglichkeit, die auf Anhieb"schwieriger" erscheint (& es auch ist, weil sie aus anderen kulturellen Lebenszusammenhängen kommt), auch nebensächlicher, lässlicher und überflüssiger. So würdigte die deutsche Filmkritik - und das ist wahrlich ihre schmählichste Selbstvergessenheit - die (offenbar) immer noch stattfindende "Quinzaine des Realisateurs" weder eines Blickes noch einer Erwähnung. Dabei war einmal diese Gegenveranstaltung der internationalen Regisseure wie der Kritik als immanente Korrektur des Offiziell-Offiziösen des Festivals nach 1968 ins Leben gerufen worden - und "zu meiner Zeit" konnte man dort die wirklich innovativsten, exzentrischsten ästhetisch-politischen Neuigkeiten des Kinos entdecken. Und es will mir nicht in den Kopf, dass dort heute nur Läppisches gezeigt würde. Da aber das "Autorenkino" von der derzeitigen deutschen Filmkritik nur noch im usamerikanischen Film hoch in Kurs steht, aber wenn es aus "Alteuropa" kommt, mit wahrhaft Rumsfeldhaftem Missfallen als "zurückgeblieben" und alt- & hausbacken ad acta gelegt wird, ist nun schon seit Jahren gar nicht mehr über die Canneser Präsenz des Films außerhalb des Wettbewerbs berichtet worden.
Ich verdanke die Nachricht, dass es die "Quinzaine" überhaupt noch gibt, einem alles in allem unqualifizierten Filmbericht in 3Sat, der mich wenigstens darüber informierte, dass dort u.a. ein sechsstündiges (!) italienisches Großprojekt gezeigt wurde, das die italienische Geschichte der letzten Jahrzehnte anhand der Geschichte zweier Brüder aufrollte. Darüber und auch über andere dort gelaufene Filme wünschte man mehr zu wissen. Es scheint aber bezeichnend für die geschichts- & gedankenlose Lage der deutschen Filmpublizistik, dass selbst dort, wo sie, wie in 3Sat, der selbstverschuldeten Unmündigkeit zur umfassenderen Wahrnehmung des kinematographischen Weltgeschehens zu begegnen sucht, ihr die historischen Kenntnisse abhanden gekommen sind. Der erwähnte italienische Film wird vom deutschen Kommentator zwar mit Edgar Reitz´ "Heimat"-Epen in Verbindung gebracht; aber dass Bernardo Bertolucci (vor Edgar Reitz) mit seinem zweiteiligen "Novecento" diese historische Freskenmalerei des Kinos, und zwar auch anhand der Geschichte zweier Brüder, als erster wagte: - davon weiß der deutsche Kommentator wohl längst nichts mehr.
Wolfram Schütte
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