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Donnerstag, 17. Mai 2012 | 08:55

Segregation

29.03.2004

Thomas Rothschild, 12.05.2002

 

Die Russen waren unter den Zaren und dann nach der Oktoberrevolution nicht zimperlich bei der Zwangsrussifizierung ihres Imperiums, weshalb es gute Gründe gab, antirussisch oder antisowjetisch zu sein (was nicht dasselbe ist). Aber es ist bemerkenswert, dass die Russifizierung nach 1945, selbst in den slawischen Ländern des Warschauer Pakts, nicht annähernd die Ausmaße annahm wie die Amerikanisierung des Rests der Welt, weshalb es gute Gründe gibt, antiamerikanisch (analog zu antirussisch wie antisowjetisch) zu sein. Der Krieg gegen den Irak setzte fort, was die USA in der Regel mit friedlichen Mitteln erreichen: die Kolonialisierung der Welt. Weil die längst akzeptiert wurde, sind die Amerikaner und ihre Marionetten in Europa erstaunt darüber, wenn mal, wie im Fall des Irak, nicht alle spuren, wie sie es sich vorgestellt haben. Und es fragt sich, mit welcher Legitimation die USA beanspruchen können, andere über Demokratie zu belehren.

Die Hubbard Street Dance Chicago legte dem Programmheft ihrer Aufführungen Anfang April einen Zettel mit folgendem Text bei: "Während solch einer ungeklärten Zeit in der Welt sind wir sowohl beschämt wie inspiriert dadurch, dass Sie sich entschieden haben, Ihre Zeit mit uns zu verbringen, um zu unterstützen, was Kunst für die Gemeinschaft am besten kann: uns alle an einen kollektiven Ort des Vertrauens und der Kreativität befördern und die grundlegende Gemeinsamkeit aller Menschen bestärken - dass wir uns stärker ähneln als unterscheiden. Bitte vereinigen Sie sich mit uns in unserer Hoffnung auf Frieden für alle Bürger der Welt."

Das weiße Hubbard Street Dance wird fast ausschließlich von Weißen besucht. Ein paar Blocks entfernt gastiert das überwiegend schwarze Alvin Ailey American Dance Theatre. Im Publikum sieht man hauptsächlich Farbige. Beide Ensembles arbeiten mit Jazz, Blues, Gospel und Rock. Beide haben sie die Tradition von Martha Graham weiterentwickelt. Die Segregation bedarf keiner Verbote. Wir sind alle gleich, aber manche sind gleicher als andere.

Wie kommt es, dass im Symphonieorchester von Chicago, einer Stadt, in der die farbige Population eine Mehrheit bildet, nur ein schwarzer Musiker spielt, dass im Auditorium kaum eine Schwarze, ein Schwarzer zu entdecken ist? Woher bezieht eine nach wie vor und zunehmend rassistische Gesellschaft, in der von Chancengleichheit keine Rede sein kann, den Anspruch, anderen Demokratie beizubringen, und sei es mit Bomben? Wie steht es um das Demokratieverständnis einer Nation, in der selbst liberale Journalisten, die der Ansicht sind, die Medien müssten auch in Zeiten des Krieges kritisch sein, die Entlassung ihres NBC-Kollegen Peter Arnett für gerechtfertigt halten, weil der einfach "zu links" sei?

Im Schnellimbiss bittet mich eine (natürlich: schwarze) Frau, ihr einen Kaffee zu bezahlen. Von wegen Drogen. Von wegen Alkohol. Einen Kaffee. Weil kein deutscher Intellektueller in der Nähe ist, der mich einen Gutmenschen schimpfen könnte, bezahle ich. Und denke daran, dass Milliarden für einen Krieg ausgegeben werden, der angeblich Menschenrechte sichern soll, während die menschenunwürdige Armut im eigenen Land wächst.

Und neben dem Demonstrationszug von Kriegsgegnern marschiert einer, einsam, trotzig, mit einer Tafel: "SUPPORT OUR TROUPS". Deutsche Zeitungen würden kommentieren: "Er hat sich isoliert." Aber er wird bloß nicht beachtet. Wie der deutsche Kanzler vom Pentagon. Wer sich wovon isoliert, ist stets nur eine Frage der Perspektive.

Thomas Rothschild

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