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Messeschwindel

29.03.2004

Wolfram Schütte, 20.01.2003

 

Die Vorstellung, die Frankfurter Buchmesse könne ohne weiteres auch künftig in München stattfinden, kann nur dem Kopf eines ehemaligen Münchner Bertelsmann-Marketingchefs entsprungen sein. Es ist so - und ist ausgemachter Humbug. Wenn es also auch Blödsinn ist, so hat es doch Methode, was Volker Neumann, der im Frühjahr beim Münchner Verlagsriesen geschasste und kurz darauf als viel voraus gelobter neuer Frankfurter Buchmessenchef, jetzt losgetreten hat. Recht hat Neumann jedoch in einem substantiellen Punkt: mit seiner absurden Idee der Stadt Frankfurt die Pistole auf die Brust zu setzen. Ohne solche Erpressung geht in Frankfurt nichts mehr... Der Börsenverein des deutschen Buchhandels, der über einen solchen Standortwechsel zu entscheiden hätte, hat seinem neuen Mann an der Spitze der Frankfurter Buchmesse offenbar Grünes Licht für seinen spektakulären Vorstoß ins Unversicherbare gegeben. Und auch auf der gerade in dieser Woche in München tagenden "Arbeitsgemeinschaft der deutschen Publikumsverlage", wo Neumann vor über 100 Verlegern seine Idee freisetzte, gab es nicht einen Verleger, der aus welchen Gründen auch immer (und wäre es die eigennützigsten, nämlich in Frankfurt am Main wie Suhrkamp und S.Fischer ansässig zu sein), dem Buchmessenchef widersprochen hätte. Keine lebhafte Diskussion, sondern einmütiger Applaus folgte auf Neumanns Alternativ-Entwurf.

Man kann nicht umhin, darin von A bis Z eine Strategie zu sehen: die Trommel für München zu rühren, damit man in Frankfurt am Main aufwache, um das weltweit kulturell ansehnlichste Aushängeschild der maroden Mainmetropole nicht noch weiter preiszugeben - weiter, als es bisher schon geschehen ist.

Denn der Unmut, der Ärger & auch die Wut von Verlegern, Börsenverein und Buchmessenleitung richtet sich sowohl gegen Knebelverträge mit der Messe- & Ausstellungs- GmbH, deren Vorstandsvorsitzende qua Amt die Frankfurter (CDU-) Oberbürgermeisterin Petra Roth ist, als auch gegen die Frankfurter Hotellerie, die ihre Zimmerpreise während der Buchmessentage in schwindelerregende Höhen getrieben hat. Beide haben also in den vergangenen Jahren - und erst recht im letzten - die Buchbranche mehr als jede andere hier zur Messe gekommene Branche: ausgenommen und zwar auf die unverschämteste Weise, und zwar im Bewusstsein, dass es zur Frankfurter Buchmesse keine Alternative gäbe und man folglich monopolistisch die Absahnepreise bestimmen könne.

Hinzukommt - und das dringt jetzt erst so recht ans Tageslicht -, dass die durch nichts zu rechtfertigende Großmanns- oder besser Großfrausucht, sich mit dem hoffnungslos überschuldeten "Bankfurt" für die Olympiade 2012 zu bewerben, zum einen jahrelange Bauarbeiten auf dem Messegelände mit sich brächte, zum anderen aber im Olympiajahr dann die Buchmesse ohne Heimstatt dastehen ließe.

Diese Akkumulation eines allseitigen Frankfurter Raubrittertums können und wollen die deutschen Verleger nicht mehr hinnehmen - von den ausländischen ganz zu schweigen. Umso weniger, als die Buchbranche, wie jeder weiß, bereits im zweiten Jahr eine negative Bilanz ausweist. Angesichts der symbolischen und traditionellen Rolle, welche die Buchmesse samt des in der Paulskirche vergebenen "Friedenspreises des deutschen Buchhandels" in der deutschen und sogar internationalen Buchwelt einzigartig inne hat, ist die widerspruchslose Zustimmung der erwähnten AG der Publikumsverlage zu Neumanns München-Idee nur zu verständlich: nämlich als kollektive Verweigerung, sich weiterhin von Frankfurt ausbeuten zu lassen. Die Münchner Angebote und das gar nicht einmal klammheimliche Frohlocken der Bayrischen Staatskanzlei ist natürlich ebenso unseriös wie das bisherige Frankfurter Laissez-allez zum Buchmesser-Absahnen.

Kurz gesagt: die Buchbranche bringt die Mainmetropole zurecht in die Bredouille. Frankfurt, von der Oberbürgermeisterin bis zur Hotellerie, muss nun zeigen, ja offenbaren, ob sie - wie bisher - die "Internationale Frankfurter Buchmesse" nur als kulturelles Surplus ihrer kurzzeitigen, jährlichen Wertabschöpfungen ansehen will oder ob Frankfurt am Main künftig noch mehr an das an der Oder heranrücken will. Denn ohne die Buchmesse - welche Wirtschaftsmessen auch sonst hier weiterhin gastieren mögen - ist die imposante Ansammlung von Bankenkathedralen kulturell nichts anderes als ein deutsches Provinznest. Wenn diesem nicht gelingt, der Buchmesse einen adäquaten Standort zu sichern, verliert es zurecht seine letzte Illusion, der eigenen Kleingeistigkeit jährlich wenigstens für ein paar Tage im Herbst nicht ins Auge blicken zu müssen.

Wolfram Schütte

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